The Greatest Hits Part 1

0 5

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: CoreLeoni
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2018
Laufzeit: 60:28
Wertung: 4.5/5

CoreLeoni ist eine neue musikalische Hard-Rock-Formation, die vom Gotthard-Gitarristen und Bandchef Leo Leoni gegründet wurde. Gotthard feierten letztes Jahr das 25-jährige Jubiläum ihres gleichnamigen Studioerstlings und krönten das silberne Jubiläum auch mit der Veröffentlichung des aktuellen neuen Studioalbums, dem treffend betitelten »Silver«. CoreLeoni ist also eine neue Band, die die Klassiker von Gotthard neu einspielt. Damit stellt sich sofort die rhetorische Frage: Warum hat Leoni innerhalb seiner Stammband nicht genug Rückhalt bekommen, sodass sich nicht einfach Gotthard selbst mit einer ähnlichen Veröffentlichung wie »The Greatest Hits Part 1« an die Auffrischung ihrer Klassiker gemacht hätten? Ist der respektvolle Umgang der Bandmitglieder mit dem Erbe, das mit dem verstorbenen Sänger Steve Lee aufgenommen wurde, zu groß, und wollen Gotthard deshalb nicht in die Vergangenheit zurückblicken? Gut möglich.

Wie dem auch sei – Leo Leoni ist wirklich ein Mann von großem Engagement, stets der erste und wichtigste Initiator aller Bewegungen bei Gotthard und der Umsetzung aller ausgereiften Ideen. Und wenn sich für den Wunsch, Gotthard-Klassiker neu einzuspielen, die Option über die Gründung einer neuen Band als die beste herausgestellt hat, hat Leoni diese Option eben sofort ergriffen. In die Reihen der neuen Band hat er den außergewöhnlichen Ronnie Romero geholt. Dieser Sänger ist neben Leonis Riffs der Hauptmagnet der neuen Besetzung. Mit seiner umwerfenden vokalen Charisma hat er sich in der aktuellen Formation von Blackmore’s Rainbow sowie in der Band Lords Of Black einen Namen gemacht. Ein Mann mit einer unglaublich ausdrucksstarken vokalen Essenz, der den stimmlichen Charakteristika des verstorbenen Ronnie James Dio bis aufs Haar ähneln kann. Wer würde ihn nicht in seiner Band haben wollen? Leoni hat außerdem noch einen weiteren Gitarristen für die neue Band reaktiviert. Das ist der fast in Vergessenheit geratene Igor Gianola, ehemaliges Mitglied von U.D.O., der zum Beispiel mit U.D.O. am 24.5.2004 in Ljubljana aufgetreten ist (anderthalb Jahre später haben auch Gotthard Mitte November in Ljubljana ihren ersten Auftritt absolviert). Die Rhythmusfraktion ist erprobt. Am Bass ist Leonis alter Weggefährte Mila Merker dabei, während der Herr über das Timing bei CoreLeoni kein Geringerer als der aktuelle Gotthard-Drummer Hena Habegger geworden ist.

Es handelt sich also um eine Art Zusammenstellung neu eingespielter Gotthard-Klassiker nach Leonis Auswahl, die ein wenig mehr Schärfe tragen und sich für die Ohren härter und klanglich »rauer und struppiger« präsentieren, verglichen mit den Originalen. Das überrascht kaum. Die Studiotechniken entwickeln sich weiter. Aber da ist noch etwas. Die Essenz des neuen Teams ist entscheidend, nicht so sehr die Produktion. Überraschenderweise gewinnen manche Gotthard-Songs, die nie ein Geheimnis aus ihrer Affinität sowohl zum Pop-Charme als auch zur AOR-typischen melodischen Eingängigkeit gemacht haben, im neuen musikalischen Umfeld so viel Schärfe, dass man gelegentlich sogar von einem metallisch gezackten Sound sprechen kann. Das Spiel und die Darbietung der rekonstruierten Bandklassiker sind schlicht fantastisch (Leoni hat zum Beispiel alle neu eingespielten Soli noch verbessert) – und mit der Vokalperformance des donnernden Romero haut das Ganze voll rein und verzaubert auf der Stelle!

Aber die Sache beschränkt sich nicht nur auf das Neu-Einspielen der herausragenden Momente der Gotthard-Karriere, veröffentlicht auf Alben zwischen 1992 und 2005 – CoreLeoni liefern auch einen neuen Song. Das ist nämlich der Eigensong Walk On Water, eine außergewöhnlich fein ausgearbeitete Komposition, die als solche in der Mitte des Albums »The Greatest Hits Part 1« perfekt zum restlichen Material passt. Als wäre es einfach noch ein neu eingespielter Gotthard-Klassiker.

»The Greatest Hits Part 1« ist also für den ewig schaffenden und rastlosen Leoni ein großer Moment der Entspannung und des Spaßes im Studio, der ihm mit CoreLeoni auch die Türen zu Konzertbühnen öffnet, zu einer Zeit, in der Gotthard verdientermaßen Pause machen. In einem neuen Arbeitsumfeld, in der Zusammenarbeit mit einer neuen musikalischen Klientel und der Erschaffung einer neuen kreativen Magie. Hoffen wir, dass sich ein Teil dieser Magie auch das nächste Gotthard-Album einverleibt, dem etwas mehr Schärfe durchaus gut täte. Außerdem deutet der Titel des Werks darauf hin, dass CoreLeoni demnächst auch den zweiten Teil herausbringen könnten. Und vielleicht noch mehr. Walk On Water deutet nämlich darauf hin, dass CoreLeoni etwas liefern können, was die neuen Gotthard seit längerer Zeit – also seit 2010, als Steve Lee verstarb – im Studio offenbar nicht mehr erschaffen (re-kreieren) können. Genau das könnte nämlich ein echtes Studioalbum rein eigener, selbstverfasster Natur bringen, mit dem klaren Axiom, dass die Substanz, die Steve Lee einst zu Gotthard beitrug, schlichtweg niemand mehr reproduzieren kann. Die Zeit wird zeigen, ob Leoni dieses Album leichter mit dem CoreLeoni-Team oder mit seinen Gotthard erreichen kann. Eines ist klar. CoreLeoni haben mit ihrer Performance  und der Auffrischung der Gotthard-Klassiker sowie dem vorgestellten neuen Eigensong der Öffentlichkeit unmissverständlich gezeigt, dass es sich um ein außergewöhnlich qualitatives Kollektiv handelt, das in Zukunft auch einen sehr, sehr guten vollwertigen Eigenkompositions-Longplayer abliefern kann. Wünschen wir ihnen also reichlich Inspiration!  

Besetzung

Ronnie Romero  – Gesang
Leo Leoni – Gitarre
Igor Gianola – Gitarre
Mila Merker – Bass
Hena Habegger – Schlagzeug

Produktion

Leo Leoni

Trackliste

1. Il Padrino
2. Firedance
3. Downtown
4. Higher
5. Get It While You Can
6. In The Name
7. Let It Be
8. All I Care For
9. Walk On Water
10. Here Comes The Heat
11. Tell No Lies
12. Ride On
13. Anytime Anywhere
14. El Traidor (Bonustrack, nur im CD-Format des Albums erhältlich)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies