The Faith
Band: Strana Officina
Label: My Graveyard Production
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 4.5/5
Strana Officina sind zweifellos der wichtigste Name der Heavy-Metal-Pioniere in Italien, die schon in den glorreichen Achtzigern auf der Apenninenhalbinsel unterwegs waren, zusammen mit Bands ähnlicher Tradition wie Vanadium, Sabotage oder Elektradrive. Die Band entstand bereits Mitte der Siebziger. In ihrer Karriere haben Strana Officina zwei echte EPs („Strana Officina“ und „Ritual“) und nur ein einziges Album namens „Rock N‘ Roll Prisoners“ (1988) veröffentlicht. 1993 traf sie eine Tragödie ohne Beispiel, als die Brüder Cappanera, Gründer und Chefs der Band, bei einem Autounfall ums Leben kamen. Posthum erschien die Kompilation „Una Vita Per Il Rock“ (1994), danach legte sich die Band in den Sarg. Aus dem ist sie wie durch ein Wunder wieder auferstanden und 2006 neu geboren worden. Damals taten sich Strana Officina wieder zusammen: Den verstorbenen Roberto Cappanera ersetzte am Schlagzeug kurzerhand sein Sohn Rolando „Rola“ Cappanera, an der Gitarre stieß Cousin Dario „Kappa“ Cappanera zu ihm, und die Besetzung komplettierten der originale Bassist Enzo Mascolo und Sänger Daniele „Bud“ Ancillotti.
So schloss sich die Band im Studio ein und spielte 2007 den Großteil der Strana-Officina-Klassiker neu ein, und wir bekamen die Kompilation „The Faith“. Darauf ist das komplette Album „Rock N‘ Roll Prisoners“ neu eingespielt, dazu die ganze EP „Ritual“ (1987) und als Zugabe der neu eingespielte Song Autostrada dei sogni, der ursprünglich zum ersten Mal auf der EP „Strana Officina“ (1984) erschien. Obendrauf packten die Jungs noch zwei uralte Nummern aus den Siebzigern, die sie natürlich perfekt in die Heavy-Metal-Konfektion gekleidet haben, nämlich Profumo di puttana und Officina. Diese beiden sind mit „The Faith“ überhaupt zum ersten Mal offiziell auf irgendeinem Tonträger festgehalten.
Die Musik von Strana Officina ist edelstes Erbe der Urform des Heavy Metal. Wer den Begriff New Wave Of British Heavy Metal kennt, wird sich bei Strana Officina sofort zu Hause fühlen. Auf „The Faith“ sind die Songs in einer Reihenfolge zusammengemixt, die keiner Chronologie und auch nicht der ursprünglichen Tracklist der offiziellen Veröffentlichungen der Band folgt. Die Reihenfolge auf The Faith haben die Bandmitglieder nach eigenem Geschmack gewählt. Ich muss sagen: Produktionstechnisch bewahrt das neue Gewand der Songs die richtige Stimmung, die dich mühelos in die Goldene Ära des Heavy Metal katapultiert – die Achtziger. Tatsächlich wirkt die Kompilation im Sound (nicht nur stilistisch) wie ein echtes verlorenes Juwel in Zeit und Raum. Offenbar haben die Erfahrung und das Know-how der zwei alten Hasen in der Band in Kombination mit dem jungen Blut voller Beweisdrang echte Früchte getragen.
Ancillotti ist ein hervorragender Frontmann. Sein Gesang erinnert in den mittleren, hohen bis höchsten Lagen an Ozzy Osbourne, während er diese Stimmfarbe in den tieferen Lagen bildhaft mit einem rau-rohen Organ kombiniert, das zu einer bunten Palette an Gefühlsausdrücken beiträgt. Agonie, Bosheit, Wut, Schmerz, Angst, Sehnsucht,… durch die gelebte Artikulation des Gesangs werden sie äußerst überzeugend lebendig. Gerade mit diesem Springen zwischen klarem und rauem Gesang verschafft sich Ancillotti zusätzlichen Spielraum, den er bestens nutzt. Ein großer Vorteil von Ancillotti ist auch, dass er die englischen Verse richtig englisch singt und ihm das als Italiener keinerlei Probleme bereitet. Auch die Verse sind so gebaut, dass die Melodie beim Singen der englischen Zeilen optimal ausgenutzt wird. Für alle, die den italienischen Standard in dieser Disziplin gewohnt sind, wird das eine echte erlösende Schocktherapie voller Freude und Glück.
Neben dem beeindruckend charismatischen und energischen Gesang wäre nichts ohne ausgefeilte Gitarrenphrasen, die zwar nicht das Rad neu erfinden, aber unglaublich echt sind und dir sofort ins Ohr gehen, sobald du sie auflegst. Sie sind schlicht, altgedient und überaus überzeugend präsentiert. Schon der Opener King Troll lenkt im Nu die gesamte Aufmerksamkeit auf sich, und das Album wächst einem im weiteren Verlauf mit jedem Song noch mehr ans Herz. Produktionstechnisch klingt das Material auf „The Faith“ lebendig, dreckig, leicht dilettantisch-obskur, mit einem bösen, grantigen Anstrich. Es ist wirklich ein Wunder, dass man 2007 praktisch den identischen Soundcharme der N.W.O.B.H.M.-Legenden von vor 25 Jahren produzieren kann. Genau darin liegt auch die größte Stärke von „The Faith“, die beweist, dass die aktuelle Besetzung das ganze Erbe der verstorbenen Brüder Cappanera verdient.
Die Songs sind fließend geschrieben. Es ist ein ausgefeiltes melodisches Motivgeflecht aus Pre-Chorus und Refrain, instrumentalen Mittelteilen mit tollen Soli der edlen alten Schule, stimmiger Melodie in den Versen und klarer Trennung von dicker Basslinie und geschmiedetem Fundament aus entschlossenem Drum-Galopp. Den größten Genuss bereiten dem Hörer über die gesamte Platte aber die präzise gespielten, abwechslungsreichen Passagen der instrumentalen Mittelteile, in denen die Gitarre grandios glänzt.
Strana Officina verstecken ihre Siebziger-Wurzeln nicht. Ein paarmal streifen sie Hardrock-Elemente, etwa in Black Moon (früher auf der EP „Strana Officina“ als Luna nera bekannt), der mit ein paar Schönheits-OPs zum Glam-Rock-Klassiker werden könnte, für den sich nicht mal Whitesnake 1987 geschämt hätten. Gleich danach folgt die einnehmende War Games, die im Gitarrensound der Grundphrase das Potenzial für AOR nicht verbirgt und von Gesangsharmonien vor allem im Refrain untermauert wird. Der Song Burning Wings (früher auf der EP „Strana Officina“ als Piccolo uccello bianco bekannt) erinnert im Eröffnungsmotiv ähnlich an den Song Krvave čipke der Slowenen Pomaranča.
„The Faith“ ist der Grundstein der Neugeburt der Band. Die Wiederbelebung des Neuwellen-Sounds ist in Italien wieder schwer angesagt. Eine Menge Bands, die aus den Grundlagen der N.W.O.B.H.M. schöpfen, bringt ihre Platten heraus, geprägt von stilistischen Einflüssen der N.W.OB.H.M., und Italien wendet sich, anders als Slowenien, wo man zur selben Zeit lieber in den Gewässern von Thrash und Death Metal steuert, dem traditionellen Flirt mit der Melodik zu. Mit der Rückkehr von Strana Officina sind diese Fundamente noch umso stärker. Und noch etwas: Hoffen wir, dass „The Faith“ auch den Grundstein für ein neues echtes Strana-Officina-Studioalbum gelegt hat. Schließlich schuldet uns die Band noch so einige davon. Starke Arbeit, Jungs!
Besetzung
Daniele „Bud“ Ancillotti – Gesang
Dario „Kappa“ Cappanera – Gitarre
Enzo Mascolo – Bass
Rolando „Rola“ Cappanera – Schlagzeug
Produktion
Dario Cappanera, Rolando Cappanera & Paolo Favati
Tracklist
1. King Troll (04.11)
2. Metal Brigade (03.57)
3. The Ritual (04.35)
4. Rock’n’Roll Prisoners 04:45
5. Falling Star (04.25)
6. Gamblin Man (03.30)
7. Black Moon (07.44)
8. War Games (03.46)
9. Don’t Cry (04.04)
10. The Kiss of Death (04.44)
11. Burning Wings (07.38)
12. Unknown Soldier (05.17)
13. Profumo di puttana (04.10)
14. Autostrada dei sogni (07.38)
15. Officina (05.26)
Spielzeit: 75.50