The Electric Age
Autor: Urban Bolta
Interpret: Overkill
Label: Nuclear Blast
VÖ: 2012
Laufzeit: 50:27
Wertung: 3.5/5
Nach nur zwei Jahren sind Overkill mit einem neuen Album zurück. Es handelt sich um eine Band, die nie nach großem kommerziellem Erfolg gegriffen hat oder die »großen Thrash-Vier« bedrohte, obwohl sie die berüchtigten Großen Vier in vielerlei Hinsicht locker übertrifft. Bei Overkill herrschen unglaublicher Elan, Kraft und Wille – Pausen kennen sie nicht, daher sind konstante Veröffentlichungen im Zwei- bis Drei-Jahres-Rhythmus über die Jahre zur festen Größe geworden. Sie sind eine jener eisernen Bands vom Schlage eines Saxon oder Motörhead, die ihre Fans noch nie haben dürsten lassen. Auch das Album »The Electric Age« ist keine Ausnahme. Es ist ein hundertprozentiges Overkill-Album.
Die legendären »Fledermäuse« aus New York agieren seit 2005 in derselben Besetzung. Das ist bereits die am längsten bestehende Overkill-Besetzung in ihrer gesamten Geschichte. Gute gegenseitige Kenntnis, eine entspannte Atmosphäre in der Band und eine funktionierende Chemie sind die Gründe für das unglaubliche Tempo, mit dem sie auch im Herbst ihres Bestehens wie am Fließband neue Alben herausbringen. Nach dem hervorragend aufgenommenen Vorgänger »Ironbound« (2010), den viele Kritiker sogar zum besten Overkill-Werk der letzten zwei Jahrzehnte erklärten, folgte die schwierige Aufgabe – mit dem Sprung in die elektrische Ära die hohen Erwartungen der treuen Fans zu erfüllen.
Der Eröffnungstrack Come And Get It birgt in sich die gesamte charakteristische Overkill-Sprache: ein atmosphärisches Instrumental-Intro, das sich erst danach zu kompromissloser halbtoniger Aggression entfaltet. Overkill manövrieren durch das Album geschickt zwischen diesen beiden Elementen. Thrash-Zornesausbrüche über aufgedrehte Gitarren und Bobbys Geschrei weichen in ausgedehnten Instrumental-Passagen klug dem melodischeren Ansatz und bilden so ein hörbares Gesamtwerk rund um fünfminütige Tracks. Overkill haben sich mit »The Electric Age« erneut besonders bei der Einbeziehung mehrerer Ideen in eine einzige Komposition ausgezeichnet, sodass die Songs den Hörer mühelos in Alarmbereitschaft halten – ein hervorragendes Beispiel für die symbiotische Verschmelzung von Aggression auf der einen und instrumentalem Spielen auf der anderen Seite ist etwa Drop The Hammer. Die beiden Gitarrenlinien sind stets klar voneinander getrennt, und das Zwei-Gitarren-Spiel sorgt zuverlässig für satte klangliche Fülle. Overkill haben sich mit dem Album endgültig von den letzten Spuren aggressiver Groove-Linien befreit, die sie um die Jahrtausendwende trendgemäß in ihren Sound integriert hatten, als die Metal-Welt kurzzeitig von Bands wie Machine Head oder Soulfly beherrscht wurde – was vor allem den konservativsten Overkill-Anhängern gefallen dürfte. Zum Abschluss des Albums schlägt noch Good Night ein, mit einem Lehrbuchbeispiel für ein typisches Overkill-Element: mehrstimmigem Gesang im Refrain, was verdammt gut klingen kann!
Der legendäre Bobby »Blitz« Ellsworth ist unglaublich! Der Frontmann bleibt mit zweiundfünfzig Jahren, einer über drei Jahrzehnte dauernden Karriere und tausenden gespielten Konzerten dem Weg treu, den er sich 1980 gezeichnet hat. Bobby schreit den Großteil des Albums regelrecht heraus, und seine bissige, fast nervtötende Stimmfarbe hallt in den Ohren des Hörers noch lange nach, nachdem dem Album die Spielzeit ausgegangen ist.
Auch das abschließende Klangbild ist hervorragend. Klanglich folgt das Album dem Produktionsansatz von »Ironbound« mit D.D.s giftig aufgedrehter Basslinie und einer insgesamt sehr betonten Rhythmussektion. Die Rede ist von einer trendbewusst modernen Thrash-Produktion, die zusammen mit der altschulischen musikalischen Grundlage eine mustergültige Verbindung scheinbar Unvereinbarem bildet – klassischer Sound trifft auf neuere Produktion.
Der musikalische Inhalt wird allen Fans gefallen, auch wenn Overkill mit dem Eintritt in die elektrische Ära das Rad nicht gerade neu erfinden. Mit »The Electric Age« wandeln die New Yorker Fledermäuse auf den bereits ausgetretenen Pfaden der altbewährten Thrash-Metal-Schule – etwas anderes war von ihnen im Jahr 2012 ohnehin nicht zu erwarten und darf es auch gar nicht sein. Das beherzte Festhalten am eigenen Erbe ist das, worin Overkill glänzen, und auch der ausreichende Grund, weshalb sie weiterhin mühelos Clubs in Amerika und Europa füllen werden. Hand aufs Herz: Wegen der ständigen Neuveröffentlichungen lässt sich der Vorwurf der Beliebigkeit kaum von der Hand weisen – aber man muss wissen, dass die Grenze zwischen Beliebigkeit und Übersättigung dennoch klar definiert ist. Solange sie diese nicht überschreiten, sind auch neue Alben mehr als willkommen!
Besetzung
Bobby „Blitz“ Ellsworth – Gesang
D.D. Verni – Bass, Hintergrundgesang
Dave Linsk – Gitarre, Hintergrundgesang
Derek „The Skull“ Tailer – Gitarre, Hintergrundgesang
Ron Lipnicki – Schlagzeug
Trackliste
1. Come And Get It
2. Electric Rattlesnake
3. Wish You Were Dead
4. Black Daze
5. Save Yourself
6. Drop The Hammer
7. 21st Century Man
8. Old Wounds New Scars
9. All Over But The Shouting
10. Good Night