The Devil Strikes Again
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Rage
Label: Nuclear Blast
Erscheinung: 2016
Spielzeit: 46:37
Wertung: 4/5
Rage sind Hamburgs langlebige Heavymetal-Institution. Zusammen mit Grave Digger, Running Wild, Blind Guardian (damals noch unter dem Originalnamen Lucifer’s Heritage) und natürlich Helloween bildeten sie – noch unter dem Namen Avenger – die erste Generation deutscher Bands, die den damals modernen Heavy/Speed Metal spielten, inspiriert und angetrieben vom NWOBHM-Boom.
Im Laufe ihrer langen Karriere haben sie viele Inkarnationen durchgemacht, und auch Stil und Musikverständnis haben sich über die Jahre gewandelt. »The Devil Strikes Again« ist bereits das dreiundzwanzigste Rage-Album und eines der wegweisenden, denn Rage präsentieren sich darauf in einer völlig neuen Besetzung. Die langjährige Partnerschaft zwischen Bandchef Peter »Peavy« Wagner und dem belarussischen Musikvirtuosen und Komponisten Victor Smolski hat sich nach fünfzehn Jahren Zusammenarbeit abgenutzt, ideenmäßig erschöpft und energetisch entleert. Auch das Album »LMO« (2013) war eher ein Lingua Mortis Orchestra featuring Rage-Album als ein echtes Rage-Album, und dessen Veröffentlichung wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von dem klassisch ausgebildeten Musiker Victor Smolski erzwungen, dem es – anders als dem überdrüssigen Peavy – leid tat, das neu komponierte Material für immer in den Archiven versauern zu lassen. Nun, Peavy hatte da schon eine andere Vision für die Fortführung seiner Karriere im Kopf. Der Kerl, der als eine der Pionierfiguren bei der Popularisierung des Heavy Metal in Deutschland gilt, schaute immer stärker auf die Vergangenheit der Band zurück. Schon 2014 sorgte sein Schachzug für Aufsehen, als er sich mit seinen ehemaligen Rage-Kumpanen Manni Schmidt (ex-Grave Digger) und Schlagzeuger Chris Efthimiadis zusammentat. Diese drei verkörpern eigentlich die goldene Besetzung der klassischen Rage. Zusammen entschieden sie sich, ein »Geheimkonzert« unter dem Namen »Tres Hombres« zu spielen. Aufgrund des gelungenen Events verlängerte das Trio unter dem Namen Refuge (der Name stammt von einem Rage-Song auf dem Album »Missing Link« aus dem Jahr 1993) seine Lebensdauer auf einige Festivalauftritte im Jahr 2015.
Also hat es Peavy wieder in die Achtziger und Neunziger gezogen. Interessant dabei ist, dass Peavy dieses Trio nicht – wie man es hätte vermuten können – einfach in die neuen Rage umgetauft hat, sondern Rage mit zwei völlig neuen Mitgliedern neu aufgestellt hat. Neuer Gitarrist wurde Marcos Rodriguez, ein Mann mit gemischt belgisch-venezolanischen Wurzeln, der zuvor Rage-Musik in der Tributeband Soundchaser gespielt hatte. Das zweite neue Mitglied wurde Schlagzeuger Vassilios “Lucky” Maniatopoulos, der eigentlich ein alter Bekannter von Peavy ist, da er viele Jahre als Schlagzeugtechniker von Chris Efthimiadis arbeitete. Daher ist auch seine Schlagzeugphilosophie dem angenähert, was Peavy bei der Wiederbelebung der alten musikalischen Leitlinien nach dem Vorbild der Rage-Alben der Neunziger suchte. Die Band absolvierte noch im vergangenen Jahr eine erfolgreiche gemeinsame Tour mit Helloween und spielte gegen Ende des Jahres auch einige Soloauftritte durch Europa, bei denen sie das Album »Black In Mind« (1995) fast vollständig live aufführte. Der Schachzug erschien auch angesichts des 20. Jubiläums der Veröffentlichung dieses – für viele Fans der Band – meistgeschätzten klassischen Rage-Albums sinnvoll.
»The Devil Strikes Again« eröffnet zwar ein neues Kapitel in der Karriere der Band, liefert dabei aber gleichzeitig eine erfrischte Philosophie des Herangehens an Heavy Metal, die aggressives Spielen befürwortet – ohne Verkompliziertheit, ohne neo-klassische Ornamente, ohne progressiv gebrochene Rhythmuswechsel. Also ohne Schnickschnack, im rohen Riff-Rausch, untermauert vom unaufhaltsamen Sturmangriff des Doppelbassdrum-Pedals, mit einer Essenz, die in vielerlei Hinsicht auch die Hebel des teutonischen Thrash Metal betätigt. »Deutsch post-thrashierter Heavy Metal« nach Rage-Rezept. In dieser Hinsicht hat Peavy mit seiner Truppe tatsächlich ein Album geschaffen, das einen sinnvollen stilistischen und energetisch-klanglichen Anschluss an die klassischen Werke der Band gefunden hat – allen voran die Alben »End of All Days«, »Black In Mind«, »The Missing Link«, »Trapped«. Rodriguez gilt als ausgezeichneter Gitarrist. Unglaublich wendig in der Verzierung von Übergangsteilen, mit unprätentiösen, aber stets durchdringend zündenden Gitarrensoli. Es handelt sich um einen Musiker, der sich – auf Peavys Direktive – des Ausführungsrahmens seiner Vorgänger bedient, wie es Manni Schmidt oder Spiros Efthimiadis waren. Ungeachtet dessen, dass das Trio auf dem neuen Album ein beachtliches Niveau an Musikalität herausholt, verfällt es nie in das pompöse, gelegentlich im Überschwang bereits übertriebene Ornamentieren der Songs – was ein Merkmal der Rage-Ära mit Smolski in der Besetzung war. Die neuen Rage greifen direkt und ohne Hemmungen an. In dieser Hinsicht verschmelzen die Riff-Attacken hervorragend mit der Kanonade des Schlagzeug-Arsenals, und Peavy als Chef-Dirigent und Visionär fungiert dabei tatsächlich nur als ausführender Ideensteuerer. Das Haupt- und Ausführungsglied, das bestimmt, wie die Kompositionen stehen müssen. Produktionstechnisch ist das Album außerordentlich gut ausbalanciert. Schlagzeug, Gitarre und Bass stehen in der Klangproduktion gleichwertig nebeneinander. Im Mix sind sie raffiniert in einem »Dreieck« des Klangbildspektrums angeordnet. Sie füllen den verfügbaren Raum optimal aus und klingen mit unglaublicher Vehemenz, eruptiver Wut und roher Lebendigkeit. Nach dem Vorbild eines höllischen Konzert-Marsches. In dieser Hinsicht pulsiert das gesamte Album mit unglaublich zerstörerischer Intensität. Nach dem Vorbild der alten Schule des deutschen Metals, aber übersetzt in den Puls der neuen Zeit.
Gleichzeitig ist das Album üppig auch mit ideenmäßiger Frische der Gitarrenfrasen angereichert, was das Gefühl vermittelt, dass sich die Band kompositorisch von allen Fesseln befreit hat und kreativ mit freien Lungen aufatmet. Ein Album, das widerspiegelt, dass das neue Trio bei seiner Entstehung wirklich Spaß hatte und neuen Antrieb und Sinn gefunden hat. Obwohl Rage keine neue musikalische Revolution entfachen, liefert das Album »The Devil Strikes Again« einen glaubwürdigen Anschluss an die Neunziger-Ära der Band. Und Peavy hat dabei genau das erreicht, was er wollte. Er hat eine neue Band erschaffen, die eine andere, aber dennoch vertraut klingende Vibration ausstrahlt. So ist auch das neue Album. Es klingt »vertraut«, und doch anders. Wieder einzigartig. Weil es diese unverkennbare Rage-Vibration trägt. So sehr das Album »The Devil Strikes Again« auch retro klingt, bereits irgendwie erprobt und bekannt – diese Retro-Hebel des Komponierens werden durch die neuen kreativen Verbindungen der erneuerten Band effektiv in die Ära der neuen Zeit transformiert.
»The Devils Strikes Again« ist ein Album, vor dem sich manche Fans der Band zu Recht »gefürchtet« haben – doch Peavy ist zu erfahren und zu gewieft, um vor der Produktion des Albums nicht alle wichtigen Vorkehrungen zu treffen, damit er sich nicht versehentlich Nägel in den eigenen Sarg schlägt – beziehungsweise, damit er es (einmal mehr) in seiner langen Karriere mit der Band versteht, die entscheidenden Trümpfe auszuspielen.
Die ausgezeichnete und heitere Stimmung, die die Entstehung dieses Albums begleitete, wird auch durch die zwei Sonderausgaben des Albums mit Bonus-CDs abgerundet. In einer der Versionen enthält die Bonus-CD nur Material, das keinen Platz auf dem Album gefunden hat, sowie drei Coverversionen – interessante Auswahl, aber umso weniger interessante Ausführung. Die Version mit drei CDs liefert zusätzlich noch ein Livekonzert der Band, gespielt auf der letzten Tour mit Helloween.
Rage – My Way (offizielles Video):
Besetzung
Peter „Peavy“ Wagner – Gesang, Bass
Marcos Rodriguez – Gitarre
Vassilios “Lucky” Maniatopoulos – Schlagzeug
Produktion
Peter „Peavy“ Wagner & Marcos Rodriguez
Trackliste
01. The Devil Strikes Again
02. My Way
03. Back On Track
04. The Final Curtain
05. War
06. Ocean Full Of Tears
07. Deaf, Dumb And Blind
08. Spirits Of The Night
09. Times Of Darkness
10. The Dark Side Of The Sun
BONUS-CD:
01. Bring Me Down
02. Into The Fire
03. Requiem
04. Bravado (Rush Cover)
05. Slave To The Grind (Skid Row Cover)
06. Open Fire (Y&T Cover)