The Devil Put Dinosaurs Here
Autor: Rok Klemše
Künstler: Alice In Chains
Label: Capitol Records
Erschienen: year_month
Laufzeit: 67:16
Wertung: 4.5/5
Nur wenige auserwählte Bands haben heute ihre Rückkehr von den Toten wirklich gerechtfertigt, und ihr wundersames »Come-back« klang nicht bloß wie ein schlechter Nostalgie-Trip in die Achtziger oder Neunziger des letzten Jahrhunderts. Nein, Alice In Chains sind keine Männer mit Bierbäuchen in der Midlife-Crisis, die ihr Jugendglück ein letztes Mal aufleben lassen wollen, bevor man ihnen Erwachsenenwindeln verpasst – und die sich für die Rückkehr beim Nachbarschafts-BBQ mit einem Bud Light in der einen und einem fettigen Hamburger in der anderen Hand entschieden haben. »Hey, was wäre, wenn wir der alten Zeiten wegen den Staub von der Gitarre wischen und es noch mal versuchen?« – das ist ein Satz, den die legendäre amerikanische Band nicht kennt. Mit dem wuchtigen »Come-back«-Album Black Gives Way To Blue schüttelten sie die von Drogen und Layne Stayleys Tod durchdrungenen Dämonen der Vergangenheit ab und blickten kathartisch in die Zukunft, die sie schließlich zu ihrem neuen Studioalbum The Devil Put Dinosaurs Here geführt hat.
Darauf berühren Cantrell und Crew erneut düstere und melancholische Themen – diesmal vielleicht das dunkelste von allen: die Religion. Dass Religion das Opium des Volkes ist, hatte Marx schon längst festgestellt; Alice In Chains stimmen dieser These nur bedacht und mutig zu und nehmen sich vor allem dem amerikanischen Irrtum des Kreationismus an. Daher auch der auf den ersten Blick seltsame und unsinnige Titel; doch hinter der scheinbar leeren Maske verbirgt sich etwas Tieferes und Unheilvolles – die Idee, dass der Teufel die Dinosaurier auf die Erde gesetzt hat, stammt nämlich von religiösen Einzelpersonen, die behaupten, Satan selbst habe die Dinosaurierknochen ins Erdinnere gelegt, alles mit dem Ziel, die Menschheit zu verwirren und Gläubige von ihren Überzeugungen abzubringen. Eines der vorherrschenden Themen des neuen Albums ist daher auch das Spielen mit Leichtbeeinflussbaren – Gehirnwäsche, wenn man so will. Textlich sind Alice In Chains erneut tief und erschütternd dunkel, stellenweise fast morbid verdreht, aber vor allem schonungslos ehrlich und realistisch.
Alice In Chains bewahren auf dem über eine Stunde langen Album ihren unverkennbaren Sound – nur ist dieser diesmal noch unheilvoller und sinnlicher. Du wirst kaum eine emotionalere Darbietung in so einem düsteren Gewand finden wie bei Alice In Chains! All das dank der einzigartigen Vokalharmonien von Jerry Cantrell und William DuVall (der immer mehr beweist, dass er Stayleys riesige Fußstapfen ausgezeichnet und selbstbewusst ausfüllt), beklemmender Gitarrenlinien und epischer, feierlicher Refrains, die mit ihrer Kälte einen grausamen Pfeil direkt ins Herz schicken. War Black Gives Way To Blue eine klaustrophobische und wütende Platte, setzt die Nachfolgerin in ähnlicher Richtung fort – nur klingt sie noch hoffnungsloser, ist noch düsterer und mit ihrer morbiden Atmosphäre in ihrem Kern eine noch aggressivere Platte. Der Band ist das erneut gelungen durch ein starkes Gefühl der Ausweglosigkeit – in erster Linie durch den Einsatz der »Trademark«-Vokalharmonien, die DuVall und Cantrell unverwechselbar und wunderschön aufbauen, durch fast doomige/Sludge-Gitarrenpassagen und klagende Linien, die wehmütig in überwiegend langsame bis mittelschnelle Songs eingebettet sind. Von der einleitenden katatonischen Doom-Nummer mit den zerstörerischen Gitarren von Hollow, über das »blacksabbatheske« Stone (mit exzellenten, tiefen Basslinien), den schaurigen Titeltrack-Epos mit dem fantastischen, unvergesslichen Refrain »The Devil Put Dinosaurs Here/Jesus don’t like a queer/The Devil put dinosaurs here/No problem with faith just fear« bis hin zum abschließenden, düsteren, aber fast feierlichen Ausklang mit Choke, der mit seinem atmosphärischen Refrain die Platte auf bestmögliche Weise beschließt – Alice In Chains tränken uns in einer Atmosphäre des Grauens und der Verzweiflung, die einen vom ersten Sludge-Riff an würgt.
Doch trotz diesem Gefühl gibt es in der Dunkelheit ein Licht, das brennt wie die Sonne in Platons Höhlengleichnis – Cantrells Riffs sind kathartisch, die Atmosphäre einiger Refrains mächtig und feierlich, und die Vocals werden mit so starkem Gefühl gesungen, dass man aus jeder Strophe das seelische Bekenntnis der exzellenten Texte spüren kann. Wegen der Länge und der relativen Langsamkeit ist das Hören der Platte ein ordentlicher Brocken, der einen ausgezehrt zurücklassen kann – aber die Jungs beschleunigen den Puls mit ein paar Songs, die aufs Gas drücken. Lab Monkey trumpft dabei zweifellos mit einem der wirkungsvollsten Refrains auf, zu dem Alice In Chains mit einem irrsinnigen, dementen, schizophrenen Feeling hinführen, während Phantom Limb – einer der besten Songs der Platte – vor allem durch Cantrells außergewöhnliches, verdrehtes »Doom«-Riffing glänzt.
Ganz ohne Schwächen ist The Devil Put Dinosaurs Here allerdings nicht. Wegen der Länge der Platte kann sie sich etwas ziehen und langatmig werden, vor allem wegen des etwas schwächeren Mittelteils, der nach dem starken Anfang an Fahrt verliert und sich erst irgendwo bei Phantom Limb wieder erholt. Die zweite, vielleicht noch größere Kritik ist (erneut) der verschwendete DuVall. Er hat mehr als bewiesen, dass sein Gesang reif und der Größe von Stayleys Erbe gewachsen ist – aber es scheint, als würde Cantrell ihn nicht mit vollen Lungen aufatmen lassen. Größtenteils bleibt DuVall so im Hintergrund und glänzt als Frontsänger erst im letzten Viertel des Albums, wo er vor allem auf Hung On A Hook beweist, dass er aus dem richtigen Holz für eine Band vom Kaliber Alice In Chains geschnitzt ist.
Nach Black Gives Way To Blue stand die Frage im Raum, ob jenes »Come-back« nur ein einmaliger, glücklicher Moment gewesen war – doch die Band beweist, dass sie zu den wenigen gehört, denen nach dem Tod ihrer zentralen Figur – die zugleich eine der größten Figuren der Rockmusik ist – eine neue, mächtige Wiedergeburt gelingt. Auf The Devil Put Dinosaurs Here hat Cantrell die menschliche Dummheit, Naivität und das Bedürfnis, geführt zu werden, in den Vordergrund gestellt – egal ob von politischen oder religiösen Persönlichkeiten. Gleichzeitig ist das neue Album eine starke, renaissance-hafte Mahnung, dass der Mensch, sein Verstand und sein freier Wille im Mittelpunkt des Universums stehen sollen. Alice In Chains ist es erneut gelungen, eine außergewöhnliche Botschaft in Musik zu übersetzen, die nur wenige so zu vertonen wissen wie sie. Die legendären Seattler sind der Beweis, dass sie nicht nur ein nostalgischer Hauch aus dem Schmelztiegel des »Grunge« sind (den AiC damals ohnehin in jeder Hinsicht überstiegen), sondern eine Band, die in den Neunzigern einen unauslöschlichen Stempel hinterlassen hat, sich dessen bewusst ist – aber mit ihrer Wiedergeburt beweist, dass sie noch einiges zu sagen hat. The Devil Put Dinosaurs Here wird am Jahresende zweifellos die Spitzenplätze der besten Alben-Charts belegen, und Alice In Chains haben damit bewiesen, dass sie wie der beste gereifte Wein sind.
Besetzung
Jerry Cantrell -Gesang, Gitarre
William DuVall – Gesang, Gitarre
Sean Kinney – Schlagzeug
Mike Inez – Bass, Backing Vocals
Produktion
Nick Raskulinecz und Alice In Chains
Trackliste
1. Hollow
2. Pretty Done
3. Stone
4. Voices
5. The Devil Put Dinosaurs Here
6. Lab Monkey
7. Low Ceiling
8. Breath On a Window
9. Scalpel
10. Phantom Limb
11. Hung On a Hook
12. Choke