The Cyberiam
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Cyberiam, The
Label: Melodic Rock Records
Erschienen: 2018
Laufzeit: 79:23
Wertung: 4/5
Die Chicagoer The Cyberiam sind eine angenehme Überraschung – in dem Sinne, dass ihre Progrockpolitik eigentlich keine besondere musikalische Innovationsfreude zulässt, sich die Band aber trotzdem höchst vorbildlich an den Errungenschaften des Progrocker-Pioniergeists der Siebziger orientiert. Gleichzeitig reiten The Cyberiam geschickt auf dem Schwung der Doktrin der ersten Progmetal-Welle, wo wir – vor allem wegen der gelegentlich aufgedrehten Riffage, die in gebrochenem Rhythmus eingebettet ist – im selben Kessel vor allem amerikanische Bands finden, wie unter anderem Dream Theater (in der Ära mit Kevin Moore in der Besetzung), Enchant und Shadow Gallery.
The Cyberiam sind also eine Band, die in erster Linie auf Atmosphäre aufbaut – auf Stimmung, beziehungsweise dem kontrastiven Ineinanderübergehen derselben. Wie das beim tatsächlichen Hören des Albums – in diesem Fall des gleichnamigen Studiodebüts – wirkt, ist natürlich eine andere Frage. Vergiss jeden Extremismus beim Erreichen technischer Komplexität, zu dem eine Welle neuer Bands mit unter anderem Animals As Leaders, Tesseract, Obscura, Intervals usw…. den Progressive Rock in der neuen Ära getrieben hat. The Cyberiam wandeln auf den Spuren der traditionellen Schule des Progressive Rock. So wirst du sehr schnell merken, dass die Mitglieder der Band mit der Musik der amerikanischen Progrocker-Pioniere Kansas aufgewachsen sind. Klar spürbar und deutlich hervorgehoben ist der klassische Dialog zwischen Keyboards und Gitarre – sowohl im Phrasieren als auch im gegenseitigen instrumentalen Ergänzen in längeren Instrumentalpassagen, wo natürlich die interessantesten und für Liebhaber dieses Genres auch anziehendsten Dinge passieren. Aber Achtung: Die Band ordnet ihre Aktionen und Züge in erster Linie dem Aufbau von Atmosphäre unter. Sie wirft sich nicht ins Notenlinien-Abfeuern nach dem Vorbild der schulischen Überkomplexität von Dream Theater – obwohl sie im Wechsel von »softeren« und härteren Passagen gelegentlich an Dream Theater erinnern. The Cyberiam sind durchgehend äußerst eingänglich und, wie gesagt, wirkungsvoll – das heißt: mitreißend atmosphärisch.
Sucht man also eine Band, die man als Zeitgenossen von The Cyberiam einordnen könnte, ist es interessant, dass die Atmosphäre , die die Band entwickelt, eher den polnischen Riverside nahesteht als etwa dem amerikanischen Spock’s Beard. Ganz einfach. Wegen der Art, wie komponiert und arrangiert wird. The Cyberiam haben es also nirgends eilig, sondern legen den Großteil ihrer künstlerischen Anstrengungen ruhig in die Schaffung kontrastreicher Wendungen im Ineinandergleiten der Stimmungen. An Kansas – und auch an Enchant – erinnern The Cyberiam gelegentlich auch wegen des Vokalcharakters und der Vokalfarbe von Sänger Keith Semple
Die Band hat Potenzial. Das Debüt »The Cyberiam«, das große Ambitionen und Kühnheit nicht verbirgt, ist definitiv auch ein Zeichen großer Talentiertheit der Gruppe. Dieses Album ist für die Band auch die Bestätigung, dass sie evolutionär auf dem richtigen Weg ist, wenn es darum geht, ein glaubwürdiges Fundament für ein wiedererkennbares musikalisches Profil zu definieren. Also ein Schritt in die richtige Richtung, der aber naturgemäß noch etwas Luft nach oben für eine reifere künstlerische Weiterentwicklung lässt – was aber eine Geschichte für das nächste Studioalbum ist. Auch was die Produktion betrifft, wird man ihr künftig etwas mehr Wärme einhauchen müssen (stärkere Kontrastierung mit tieferen Tönen, das heißt: Die Bassgitarren könnten druckvoller sein, auch die Snare könnte voller klingen). The Cyberiam sind also eine Band, auf die man auch in Zukunft ein Auge haben sollte.
Besetzung
Keith Semple – Gesang, Gitarre
Frank Lucas – Keyboards
Tommy Murray – Schlagzeug
Brian Kovacs – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Produktion
The Cyberiam
Tracklist
01. Alice In Afterland (8.53)
02. Cool Kids (6.59)
03. The Fall (5.20)
04. Don’t Blink (9.47)
05. 2020 Visionary (5.46)
06. The Historian (8.10)
07. My Occupation (8.49)
08. Juxtaposer 6.02)
09. Brain In A Vat (7.22)
10. Nostalgia 8.58)