Terraform

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Interpret: Jupiter Society
Label: Progrock Records
VÖ: 2009
Laufzeit: 55:07
Wertung: 4/5

Jupiter Society ist das Projekt des Keyboarders der schwedischen Bands Krux und Carptree, Carl Westholm. Ein konzeptualisiertes Projekt. Science-Fiction. Das erste Album „First Contact/Last Warning“ dieses Projekts habe ich leider verpasst. „Terraform“ ist also seine Fortsetzung, sein zweiter Teil. Der Titel „Terraform“ kann auf vieles hindeuten. Auf dem Cover ist ein landendes Schiff. Hat es also endlich festen Boden gefunden, damit die Besatzung nach endlosem Dahintreiben zur Ruhe kommen kann? Im zweiten Teil kämpft man sich irgendwie durch die Texte bis zu dem Schluss, dass das Konzept das Leben eines Reisenden auf einem Raumschiff beschreibt, der eine Menge Galaxien durchquert, über Zeitbarrieren durch schwarze Löcher springt, überhäuft mit Zeitberechnungen, Entfernungsberechnungen. Wenn Zeit und Entfernung verschwinden. Eigentlich verlieren sie jede Bedeutung. Der Protagonist mit einem eingebautem Chip (Implantat), der auf seiner Mission Mut und Unnachgiebigkeit fördern soll, findet offensichtlich am Ende dieses Theaters (zusammen mit seinen Kollegen) den idealen Planeten, wo alle Konflikte verschwinden, die Gesellschaft keinen Gott braucht, nicht belastet durch historische Verirrungen der Großväter und Urgroßväter und Ähnliches…. Die letzte Komposition lässt die Türen der Geschichte jedoch weit offen. Das ist das Stück Beyond These Walls You Are Not My Master, das in den Versen besonders düster und hoffnungslos ist. Auf diese Weise wollte Westholm dem Hörer des Albums offensichtlich erlauben, sich – auf der Grundlage des Treibens der eigenen Fantasie – eine eigene abschließende Meinung darüber zu bilden, was eigentlich der Hintergrund der Botschaft von „Terraform“ ist. Auf der anderen Seite lässt sich Westholm also die Tür offen, um das Konzept mit einem zukünftigen Album weiterzuentwickeln. Die Geschichte muss also hier nicht zwangsläufig enden.

Vielleicht ahnt ihr, die ihr Progressive-Rock- und Metalmusik verfolgt und Bands folgt, die Mitte der Neunziger aufgetaucht sind und besonders in der ersten Hälfte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends einige wirklich markante Alben geboten haben, langsam schon, dass der Vergleich mit den Releases des Ayreon-Projekts des niederländischen Wundermanns Arjen Lucassen bei Jupiter Society geradezu auf der Hand liegt. Da Carl Westholm aber in erster Linie Keyboarder und Arrangeur ist, muss man berücksichtigen, dass das symphonische Element im Album stark betont wird, was die Arrangements der Stücke betrifft. Der Einsatz von Synthesizern erinnert stark an die Wahrnehmung musikalischer Aussagekraft, die dem Geschmack des Keyboarders Finn Zierler nahesteht. Letzterer ist bekannt für ein ähnliches, aber älteres Projekt – nur dass es nicht schwedisch ist, sondern dänisch. Beyond Twilight. Die Struktur der Songs selbst gebietet die Schaffung einer Atmosphäre, die Beyond Twilight sehr nahesteht. Die Songs sind düster, in mittlerem Tempo gehalten, unterlegt mit massiv wuchtigen Gitarrenphrasen, die sich unter reichen Orchestralarrangements entlangrollen. Die lebhaften Keyboards sind diesmal ein anderer Name für Orchester.

Wenn nicht schon vorher, wird euch die eröffnende Gitarrenphrase des Stücks Siren’s Song/Black Hole an die Ähnlichkeit mit Beyond Twilight erinnern. In dieser Phrase ist die Tonalität absichtlich mit einer Halbton-Figur unterlegt. Das langsame Wälzen der Riffs – stark nach vorne gedrückt in der wuchtigen Produktion des Gitarrensounds – wird überlagert vom (für dieses Stück besonders angepassten) düsteren, leicht kehligen Gesang von Mats Levén, der – was seinen Gesangsansatz betrifft – einen ziemlich ungewöhnlichen Schleier einer Apokalypse-Atmosphäre schafft, die man von einer Band wie Manilla Road kennt. Der Refrain ist natürlich melodisch „sauber“ und sangbar, nach dem Vorbild episch-symphonischer Lebhaftigkeit des Neoklassizismus. Wenn Leven seinen Gesang in die Höhen hebt, helfen ihm dabei auf diesen Flügeln die genialen Keyboard-Arrangements Westholms. Die Atmosphäre dreht sich durch die Motive auf diese Weise mehrmals unerwartet völlig um und erreicht ein neues qualitatives Niveau.

Am Album wirkt neben Westholm eine Pleiade fantastischer Musiker mit, die Westholm wie ein geschickter Schachspieler meisterhaft und mit angeborenem Gespür verteilt – je nachdem, welche Stimmungen er erwecken will und welche emotionalen Zustände die einzelnen Momente des Albums verlangen.

Diesmal müsst ihr eure persönlichen Favoriten selbst finden. „Terraform“ ist ein Album, das sich langsam unter die Haut setzt. Gekrönt wird es von einer hervorragenden Produktion, erfüllt von einer theatralischen Atmosphäre eines greifbar echten Dramas, in dem das endgültige Ergebnis der Ereignisentwicklung den Augen stets verborgen bleibt. Es ist ein Album, in das alle beißen werden, die ein konstant hohes Ambiente suchen, eine hohe Lebendigkeit der Strukturen der Leitmotive und folglich eine unvorhersehbare Entwicklung der Ereignisse. Das ist ein Album, das den roten Faden keinen Moment verliert. Daher verkörpert es eine hohe dynamische Fließfähigkeit einer hervorragenden Energieverteilung. Darin ist keine musikalische Revolution zu suchen, auf atmosphärischer und stilistischer Ebene hingegen fasst es den Charakter ähnlicher Alben zusammen, die in der Zeit vor 7–10 Jahren erschienen sind. Es ist ein Progressive-Metal-Album, das gleichzeitig keinerlei stilistische Verbindungen zu Bands hat, in denen Einzelpersonen in den Mittelpunkt treten, die unübersichtliche Mengen an Tonleitern ausstreuen. Das Grundprinzip Westholms ist also das Beharren auf einem Ambiente hoher Spannung mit unvorhersehbarer Ereignisentwicklung. Der musikalische Ansatz von „Terraform“ macht es also zu einem Album der „Verspätung“, das genau deshalb umso interessanter ist, da die Evokation der Eigenheiten einer „vergessenen Energie“ in einer Zeit, in der Progressive Metal vollständig in den Untergrund gedrängt wurde, umso anziehender und aufregender ist. Das ist ein Album, das qualitativ überzeugend von Kopf bis Fuß ausgestattet ist. Daher wird es euch mühelos mit auf eine Reise in eine neue, andere Welt nehmen. Alles, was ihr tun müsst, ist, euch ihm vollständig hinzugeben. Lasst euch von der Musik leiten.

Besetzung

Mats Levén – Gesang
Nils Erikson – Gesang
Öivin Tronstad – Gesang
Carl Westholm – Keyboards, Programmierung, Arrangements
Ulf Edelönn – Gitarre
Peter Söderström – Gitarre
Kulle – Gitarre
Markus Jidell – Gitarre
Sebastian Blyberg – Bassgitarre
Stefan Fanden – Bassgitarre
Leif Edling – Bassgitarre
Lars Sköld – Schlagzeug
Jonas Källsbäck – Schlagzeug
Christer Jansson – Schlagzeug

Produktion

Carl Westholm

Trackliste

1. New Universe (9:01)
2. Rescue and Resurrection (Presumed Dying Part II) (9:55)
3. Cranial Implant (7:13)
4. Into the Dark (4:33)
5. Siren Song/Black Hole (8:19)
6. Terraforming (7:26)
7. Beyond These Walls You Are Not my Master (The Enemy Part II) (8:40)

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