Telemark
Künstler: Man Zero
Label: Guranje S Litice
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 56:47
Wertung: 4/5
Bands wie Man Zero sind selten. Sie sind musikalische Experimentatoren. Sie entwickeln Instrumentalmusik. Die Motive sind ausgefeilt, nicht komplex und zahlreich. Die Songs sind ausgedehnt und die Motive unterliegen zahlreichen Wiederholungen. In diesen motivischen Wiederholungen nutzt die Band den Raum, um immer wieder mehrere Klangcollagen zu schichten – ein Trick, mit dem sie das dynamische Wogen der Album-Tracks belebt. Habt ihr schon ungefähr ein Bild bekommen? Man könnte es progressiv nennen, aber da dieser Begriff oft „missbraucht“ wird, trifft der Ausdruck Post-Rock den musikalischen Charakter und Geist von Man Zero wohl am besten.
Ihre Musik trägt eine Note der Hypnose, die aber nicht aufdringlich durch Psychedelia-Prinzipien wirkt – wie das bei ihren Landsleuten, den ebenfalls äußerst interessanten Experimentatoren Seven That Spells der Fall ist –, sondern beim ersten Kontakt mit Man Zero eigentlich ganz angenehm ins Ohr geht. Wenn die Band mit dem Opener Changing Places quasi den Boden für die Landung ihres intergalaktischen Raumschiffs des geistreichen musikalischen Experiments abtastet – träge eine Collage nach der anderen schichtend, dabei vor allem auf die betonten „Reverb“- und „Stereo-Chorus“-Effekte der Gitarre setzend und die meditative Seite der Atmosphäre nur gelegentlich mit ein paar härteren Riffs höherer Lautstärkeintensität dosierend –, dann reißt einem 40 Acres And A Mule aus dieser verträumten Album-Ouvertüre heraus. Hier kommt ein melodisch optimal ausgekostetes Riff-Motiv zur Geltung, das kontrastreich auf der einen Seite von einem Synthesizer-Vorhang und auf der anderen von einem angespannt dröhnenden, ja fast reißenden Basssound eingerahmt wird. Hier bekommen wir die erste Bestätigung, dass Man Zero ein Trio sind, das genau weiß, was es will, was es tut und welche Ziele es verfolgt. Die reichen Übergänge des massiven Klangbildes, auf dem der Song dahinfließt, graben sich sofort unter die Haut und tragen den Hörer an den Rand eines transzendentalen Dahintreibens – und noch weiter, wenn man sich darauf einlassen kann.
Man Zero – wenn man ihnen das „lose“ Etikett der Post-Rocker anheften darf – sorgen mit einer „gegrooVten“ forschenden Rhythmuslinie erfolgreich für einen ständig lebhaften und dynamischen Albumfluss. Das Schlagzeug forscht beständig in kompakten Motiven und bahnt sich den Weg für die freie Implementierung eines reichen Arsenals an Improvisationseinschüben, was den Hörer auch in Momenten größerer motivischer Rigidität einzelner Tracks wach hält.
Die Gitarre bedient sich klanglich oft eines völlig cleanen, organischen Sounds oder nur halber Verzerrung, doch mit speziellen Effekten (eine Möglichkeit ist auch das serielle Schalten mehrerer Verstärker oder die bereits erwähnten „aufgedrehten“ Effekte „Reverb“ und „Stereo Chorus“) spannt sie den Sound erfolgreich im vollen Spektrum aus, was ein wichtiges Element des Klangbildes der Band aufbaut. Natürlich muss das Trio auch auf Delay-Effekte und das Loopen einzelner Motive zurückgreifen. Überhaupt, wenn man bedenkt, dass Man Zero in der Lage sein müssen, ihre Studioleistung auch live zu reproduzieren. Das ist unbestreitbar.
Doch diese Lebendigkeit und klangliche Variabilität gilt auch für die übrigen Grundelemente. Also die Rhythmuslinie. Beide sind einem hervorragenden natürlichen Klang verschrieben, der lebendig und prägnant wirkt, und in der Produktion sind die gegenseitigen Kontraste der einzelnen instrumentalen Bausteine meisterhaft herausgearbeitet – was eigentlich das Wichtigste am gesamten Album ist. Das Album klingt nämlich ausgezeichnet. Abgesehen vom Gesang nähern sich die Jungs im Instrumentalen wie auch in der Produktion stellenweise (ich bin überzeugt: völlig unbeabsichtigt) sogar der deutschen Prog-Rock-Band Sieges Even an (Auszüge der Songs Ennuyeux Comme La Pluie, The Life You Wanted, The Echo Of My Cowboy Boots). Der Track The Life You Wanted wird im Ausgangsteil mit einem finalen „Crescendo“ abgeschlossen – die Band weiß hier, wie man durchs Nadelöhr schlüpft und der potenziellen Langeweile entkommt, die motivische Wiederholungen verursachen können. Von Runde zu Runde wird das „Grollen“ der Wiederholungen intensiver, die Atmosphäre steigt entsprechend, und damit auch die betonten Gefühle und die kontrastive Intensität durch das Schichten von Klangschichten
Trotz des Gefühls, das der Hörer bekommt, dass ein bestimmter Track in völlige motivische Fragmentierung verfallen könnte, passiert das auf dem Album nicht. Und das ist ein großes Plus, denn es hält das Album beim Hören durchgehend äußerst attraktiv, weil es den Hörer in gespannter Erwartung hält, was im nächsten Moment auf dem Tonträger passiert. Das Element der Unberechenbarkeit ist auf dem Album „Telemark“ also klar herausgestellt, gleichzeitig gelingt es der Band, jene Essenz zu entwickeln, die ihr mit Sicherheit am wichtigsten ist. Die bildhafte, cerebrale Atmosphäre! Das wirkt besonders im ruhigen Nods Of Approval wuchtig und erreicht die wirkungsvollsten Kontrast-Übergänge, wo atmosphärische Wendungen und motivisch-melodische Vollendung sich meisterhaft die Hand reichen. In diesem Track ist sogar ein Vocoder-Sound hinzugefügt, der das Ganze zusätzlich aufmischt. Dieser Track zieht irgendwie die Energie von 40 Acress And A Mule. Der sechste Track des Albums, Prošlost, ist die absolute Abkehr des Albums, die sich in ihrer Grundlage eingangs sogar auf Elemente des Post-Punk der Achtziger oder den Betäubungscharakter des „Shoegaze“ rauchiger britischer Untergrundclubs tief in den Achtzigern stützt. Dabei darf man sogar ein Stück Tool-Energie nicht übersehen, besonders wieder wegen der Produktion, die den Riff-Groove-Kontrast zwischen Gitarre und Bass meisterhaft modern aufdickt. Doch das Gefühl, dass Jesus And Mary Chain in einer Tool-Reinkarnation neu geboren wurden, ist nur gelegentlich vorhanden, wirkt aber als ausgezeichnetes Gewürz auf dem Album. Die Sache bleibt nämlich immer noch vollständig Man Zero.
Wenn wir das Album jetzt Stück für Stück analysiert haben, stellt der abschließende Echo Of My Cowboy Boots eigentlich den passenden Querschnitt durch die Essenz der Man Zero-Musik in einem einzigen Stück dar. Die Band macht hier auf die geistvollste Art und Weise des Folgens freier musikalischer Figuren klar, dass sie nicht verkomplizieren will und auch nicht möchte – obwohl sie das gerade durch größere Komplexität und motivische Lebendigkeit erreicht. Hier kommen das Element der Unberechenbarkeit plötzlicher Stimmungswechsel und das Streben nach dem Halten des roten Fadens größerer motivischer Kompaktheit am gelungensten auf dem Album zum Ausdruck. Begeisternd ist sogar die Einbeziehung der Trompete, die dem Track eine psychedelische Hülle verleiht und für einen flüchtigen Moment das unvergessliche Genie von Miles Davis aufleben lässt. Offensichtlich besteht der letzte Track aus zwei Teilen, da sie ein 4-minütiger Abstand trennt, was vielleicht nicht gerade die glücklichste Idee auf dem Album ist. Aber das war der Wille der Band, der völlig logisch ist angesichts des klaren expressiven Sprungs zwischen beiden Teilen des Tracks.
Man Zero beweisen bereits mit ihrem Debüt „Telemark“, dass es sich um eine äußerst geistvolle, intelligente Band handelt, mit einem angeborenen Gespür für das Erfassen musikalischer Vielschichtigkeit, das Sichunbeschränken und die Lust am Experimentieren und Erforschen neuer musikalischer Dimensionen. All das stellt Man Zero am Rock-Horizont auf einen besonderen, völlig klar erkennbaren Platz und gibt ihr alle richtigen Impulse für eine weitere qualitative Aufwertung und Entwicklung.
Die Musik ist so angelegt, dass man sich in Zukunft leicht das Hinzufügen verschiedener Programmier-Soundloops, zusätzlichem Schlagwerk oder sogar orchestraler (Streicher-, Bläser-)Arrangements vorstellen kann. Die Entwicklung dieser Band ist also in Zukunft in mehrere Richtungen möglich. Sie sind progressiv – also fortschrittlich, in jeder Hinsicht – und stellen in dieser Hinsicht für das Gebiet von den Alpen bis zum Ohridsee sicherlich einen Avantgarde-Namen dar, der mit seinen Werken in Zukunft noch begeistern und überraschen kann.
Besetzung
Tomislav Biškup – Gitarre
Elvis Šimunić – Bassgitarre
Igor Domjan – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Hrvoje Nikšić – Synthesizer, Vocoder
Igor Pavlica – Trompete auf Track Nr. 7
Produktion
Carl Saff
Tracklist
1. Changing Places
2. 40 Acres And A Mule
3. Ennuyeux Comme La Pluie
4. The Life You Wanted
5. Nods Of Approval
6. Prošlost
7. Echo Of My Cowboys Boots