TangoApasionada
Künstler: Zornik, Vesna
Label: Celinka
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 38:32
Bewertung: 4.5/5
Mit etwas Verspätung, aber trotzdem. Dieses Werk verdient ohne Frage alle Aufmerksamkeit. Es handelt sich um eine Begegnung von Tango-Standards, genauer gesagt argentinischem Tango, mit der europäischen Rezeption und Wahrnehmung dieses Genres. Woher sonst hätte eine Idee wie diese entspringen können, wenn nicht aus Slowenien? Vesna Zornik, die wir alle als Sängerin der heimischen Folk-Band Katalena kennen, hat einen außergewöhnlich mutigen Schritt gewagt, der mit den richtigen, feinsinnigen, behutsamen und vor allem intelligenten Arrangement-Griffen das Soloalbum »TangoApasionada« auf den Weg gebracht hat. Es handelt sich also um ein Album neu arrangierter Tango-Standards, die nun in einem eigenwilligen musikalischen Gewand glänzen, dessen Leitmotiv der unverwechselbare Vokaltimbre von Vesna Zornik ist.
Die Aufgabe, all die Ideen, die in Vesnas Kopf hallten, zu Papier zu bringen, war keine leichte Sache. Der Name Aldo Ivančič gilt derzeit wohl als der größte Meister der elektronischen Klangproduktion in Slowenien. Dieser Name bietet sich geradezu von selbst als idealer Retter auf dem Album »TangoApasionada« an. Das Ergebnis der Arbeit ist ein eigenartiges Denkmal für die slowenische Rezeption des Tango-Wesens — in erster Linie ein Spiegel von Vesnas herzlicher Zugehörigkeit zum Genre, ihrer reichen Erfahrung aus der Zusammenarbeit in verschiedenen Projekten und der Auseinandersetzung mit verschiedenen Künstlern im slowenischen Raum wie auch in ihrer Stammband Katalena. Und zuletzt, aber vor allem an allererster Stelle, muss man daran erinnern, wie Vesna bereits nachweislich mit dem Erbe des Tangos geflirtet hat. Dies ist in der Bearbeitung des Stücks A Las Cinco De La Tarde für das Theaterstück Don Kihot dokumentiert, das auch auf dem Album »TangoApasionada« seinen Platz gefunden hat. Es handelt sich also um einen neuen Entwicklungsschritt von Vesnas künstlerischer Seele, der ganz natürlich abgemessen war.
Das Zentrum des gesamten »TangoApasionada«-Universums ist die Performance von Vesna Zornik. Offensichtlich fühlt sie sich in der gewählten Rolle großartig wohl. Im Hauch des Kabarett-Chansons führt Vesna den Zuhörer — im Schimmer eines raffinierten vokalen Tänzelns zwischen fühlsamer Erregung und zitternd-streichelnder Mimikry des bittersüßen Abtastens der Verletzlichkeit des Herzens bis hin zum Gefühl des Verliebtseins — souverän und leichtfüßig durch das Album »TangoApasionada«, während ihre vollblütig empfindende Interpretation beim Zuhörer einen tief greifbaren Eindruck hinterlässt, kompakt gefüllt mit dem Überschwang authentisch dargebotener Gefühle in den Versen. Das südamerikanische Temperament ist sprichwörtlich heiß. Nichts Neues, oder? Die Texte sind also ausschließlich auf den Herzschmerz ausgerichtet und vertragen keine rationalisierten Ausbrüche. Dem Trinken des berauschenden Elixiers aus Bechern, beschwert mit der wallenden Glut des sinnlichen Erotizismus, wirst du nicht entkommen können. Vesna ist hervorragend darin, das dramatische Element durch die Verse zu steigern, die sie mit einer überschwänglichen Dosis leidenschaftlicher Dynamik malt. Was soll man sagen. Die spanische Sprache ist ihrer Interpretation in dieser Hinsicht eben wie auf den Leib geschrieben. Tango De Lengue ist ein Beispiel für das optimale Album-Zusammenspiel von Vesnas Vokalpassion, der spanischen Sprache und dem Tango-Melos.
Von allen Stücken klingt das Arrangement für Libetango — das Original der »schwarzen Antilope« Grace Jones — am wenigsten überzeugend. Das Arrangement ist in keiner Weise falsch, ganz im Gegenteil. Es bewahrt die Bildhaftigkeit und Überzeugungskraft des Werks. Jedoch verbindet sich der Einsatz der englischen Sprache in diesem Stück nicht so intensiv mit der genretypischen Verbindung der Tango-Musik wie in den übrigen Nummern des Albums »TangoApasionada«, die von der spanischen Sprache getragen werden.
Auf der einen Seite knüpft der elektronische Einschlag, der sich mit den süßlich aufsteigenden Rhythmen des heißen Latino-Temperaments verbündet, sinnvoll an frühere Experimente von Bands wie Gotan Project und sogar Portishead an (etwa ein Stück vom Typ Glory Box – besonders wenn du dem Stück den verzerrten Gitarrensound im Refrain wegnimmst), doch handelt es sich dabei nur um eine entfernte Parallele, die aber genug exponiert ist, um im Album »TangoApasionada« auch bei Fans der genannten Bands Interesse zu wecken. Die Produktion von Aldo Ivančič, die auch die Verzierung mit zusätzlichen programmierten Patterns einschließt (Noche Transfigurada), vertieft diese Finesse über das gesamte Album hinweg. Dabei sind die »kleinen Tricks« der großen Meister — wie etwa die Unterlegung des Grundrhythmus mit dem subrhythmischen Klangeffekt der Kastagnetten-Imitation (Noche Transfigurada) — hochwillkommene Griffe, die Meister Ivančič geschickt in die Arrangementstruktur der einzelnen Nummern implementiert. Der besagte (ausgangsseitige) »elektronische« Einschlag der Produktion, der in erheblichem Maße auf den Einsatz programmierter Patterns und Keyboard-Begleitung setzt und in ausgewählten Melodien hervorragend an Vesnas Vokal gebunden ist, erzeugt immer wieder das Gefühl popkultureller Eingängigkeit — weshalb es sich hier um ein leicht zugängliches Album handelt, das mit seiner Herzlichkeit die Gunst eines breiteren Musikpublikums gewinnen sollte, zumindest in Slowenien.
Por Una Cabeza bietet im Übergangsthema, das den Refrain zurück zur Strophe führt, mögliche clevere Arrangement-Einfälle mit der musikalischen Untermalung spanischer Filmmelodrama — was im weiteren Verlauf des Albums auch der zarte melancholische Pathos des Dialogs zwischen Violine und Vesnas Vokal im Stück Vuelvo Al Sur nicht verbirgt. Der mittlere Instrumentalteil ist rhythmisch mit einem programmierten Pattern unterlegt, das Gefühle weckt, als hätte man in die Tango-Form die alten »1983-84«-Klangtricks von Depeche Mode eingehaucht — das tritt natürlich nicht in den Vordergrund, da ihm die Solovioline den Primat wegnimmt, die den besagten Klangeffekt »verdeckt«. In diesem Stück findet sich in der Strophe selbst auch mehr Raum für die Gitarre, die so kontrastreich die rhythmische Figur des Stücks betont, während die zusätzlichen Gitarreninstrumente (in der Klanglandschaft im Hintergrund versteckte »Wah-Wah-Soli«) die dynamische Entwicklung des Stücks selbst wie auch des Albums höchst willkommen ausbauen. Der Klassizismus der Tango-Schule ist auf dem Album am stärksten im abschließenden Stück bewahrt, im bereits erwähnten A Las Cinco De La Tarde, das mutmaßlich älteren Ursprungs ist. Dieses besitzt den organischsten Klang im Dialog der Instrumente — in der Relation von verlangsamter Rhythmusform und dem leitenden Arrangement für Piano, das sich durch das Stück hindurch maximal entfaltet. Dieses Stück ist daher aufgrund seiner Substanz bewusst ans Ende des Albums gesetzt.
»TangoApasionada« ist ein einzigartiges Dokument. Es fasst symbolisch zusammen, wie reaktionsflexibel der Intellekt der Musikkunst im slowenischen (und damit im weiteren europäischen) Raum auf das Phänomen des argentinischen Tango-Erbes reagiert, das auf diese Weise eine eigenwillige und unwiederholbare Form auf europäischem Boden erlebt. Und dieses Werk beweist, dass der slowenische musikalische Intellekt sehr weit gefasst ist und seine daraus resultierenden Reaktionen auf die ursprüngliche Botschaft des Tangos äußerst flexibel sind. Vesna ist es zusammen mit ihren Mitstreitern gelungen, die Form des Tangos in jeder Hinsicht überzeugend auf neue und andere Art darzubieten. In einem solchen musikalischen Gewand klingt diese Form frisch, besonders, einzigartig. Die zentral platzierte hervorragende vokale Kollision von Vesna mit dem Kern der Tango-Musik würde keinesfalls solche Besonderheiten tragen, wenn Vesna im Studio nicht exzellente und erfahrene Musiker zur Seite gestanden hätten, die in der Vergangenheit bereits mit ihr zusammengearbeitet haben. Unter ihnen sticht besonders der Beitrag der feinsinnigen Aufmerksamkeit von Aldo Ivančič hervor.
In dieser Hinsicht wollen wir hoffen, dass Vesna bei ähnlichen Unternehmungen in Zukunft nicht stehenbleibt und dass »TangoApasionada« seinen (charakterlich nahen) Nachfolger bekommt. Denn es bleibt noch mehr als genug Raum für diese Art verführerischen Streichelns der Ohren der Masse. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Genregräben zum portugiesischen Fado, so wie ihn derzeit die heiße Mariza auf dem weltweiten Parkett verkörpert, gar nicht mehr so weit entfernt sind. Natürlich handelt es sich hier um potenzielle optionale Andeutungen. Wer weiß, vielleicht hält die herzliche Weite in der Liebe zur allgemeinen weltweiten Musikfolklore von Vesna Zornik mit dem nächsten Werk genau dort inne.
Besetzung
Vesna Zornik – Gesang
Aldo Ivančič – Rhythmusprogrammierung
Ana Duša – Backing Vocals
Andraž Mazi – Gitarren, Banjo, Dobro, Pedal Steel
Erik Marenče – Keyboards
Metod Banko – Backing Vocals
Nikola Matošič – Kontrabass
GASTMUSIKER:
Adonai Meru – Gesang
Boštjan Gombač – Trompete, Gesang
Davor Herceg – Klavier
Marko Turšič – zweiter Kontrabass
Oksana Pečeny – Violine
Polona Janežič – Kastagnetten
Ricardo Delgado – zweiter Kontrabass
Produktion
Aldo Ivančič
Tracklist
8. Por una Cabeza (04:44)
9. Vuelvo al Sur (04:07)
10. A las cinco de la Tarde (03:34)