Talisman
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Uršula Ramoveš in fantje iz Jazbecove grape
Label: Celinka
Erscheinungsjahr: 2013
Bewertung: 4/5
Eine Kabarett-Chanson aus dem Herzen der Poljanska dolina ist da. Mit dem Nachfolger des Albums »Anglčešenje« (2007) meldet sich Uršula Ramoveš zurück, diesmal mit einer Begleitband namens »Fantje iz Jazbecove grape«, und liefert ein frisches Studiowerk namens »Talisman«.
Uršula Ramoveš hat ihr musikalisches Ausdrucksspektrum schon früher eindrucksvoll abgesteckt, weshalb die Züge auf »Talisman« keine Überraschung mehr sind. Die erfahrene Sängerin und Künstlerin veröffentlichte im letzten Jahrzehnt ihr Debüt »Sugar free baby« (2000), drei Jahre später erblickte »Na sunčn dan sm se z beciklam pelu« (2003) das Licht der Welt, und dann das (bereits erwähnte) »Anglčešenje« (2007). Mit dem Album »Na sunčn dan sm se z beciklam pelu« gewann die Sängerin eine breitere kritische Masse an Musikkonsumenten auf ihre Seite sowie die Bestätigung der Musikkritiker, dass es in ihrem Fall um die Begründung eines eklektischen, eigenständig expressiven Charakters der Kabarett-Chanson-Vibration geht, gewürzt mit der Poesie des Poljanischen Dialekts und natürlich ihres traditionellen Melos.
Das neue Album bietet eine weitere künstlerische Entwicklung im Sinne des kreativen Reifeprozesses seiner Schöpfer. Im Gegensatz zum Vorgänger bietet es ein Dutzend Eigenkompositionen, liefert aber auch einige verblüffend geglückte Bearbeitungen bekannter Evergreens, die in ihrem neuen musikalischen Gewand eine solche künstlerische Verwandlung erlebt haben, dass sie tatsächlich wie Eigenkompositionen der Band »Uršula Ramoveš in fantje iz Jazbecove grape« wirken!
Und wie lässt sich die Musik auf dem Album »Talisman« möglichst klar und einfach charakterisieren? Eigentlich ist das ein Unterfangen nahe an der Mission »unmöglich«. Man muss etwas Luft holen. Ein paar aufeinanderfolgende Durchläufe des Albums. Man kann sagen, dass der Inhalt des Albums »Talisman« in jeder Hinsicht einzigartig ist. Er schöpft nämlich aus den traditionellen Wurzeln der Volksmelodien, die aus der Poljanska dolina stammen und die vielfältige Palette schelmisch funkelnder Lösungen einer Art neuzeitlicher alternativer Kabarett-Chanson mitgestalten, die von einem spezifischen Geflecht von Vokalharmonien angeführt wird. Eigentlich ist dieses kontrastive Geflecht der farbenfrohen Vokalcharakteristiken von Uršula und den Jungs der Kern der Aussage des Albums »Talisman«, sein grundlegender Antrieb, der künstlerische Trumpf, der die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Besonderheiten der Vokallösungen hauchen jeder Komposition eine greifbare künstlerische Essenz ein und definieren ihren Charakter auf markante Weise! Dieser künstlerische Eindruck, oder vielmehr der starke expressive Moment, den das Album durch die Vokalinterpretation entwickelt, würde bei weitem nicht so effektiv unter die Haut gehen, wenn die Akteure nicht in der authentischen Sprache des Dialekts der Poljanska dolina singen würden. Die Texte schreibt Janez Ramoveš, und Uršula kleidet sie in Melodie. In Vokalmelodie. Offensichtlich nehmen sich die beiden Eheleute auf einzigartige Weise gegenseitig wahr, was nicht verwundert. Sie sind nämlich ein Ehepaar. An Ideen gehen sie also mit optimalem Ausschöpfen von Ergänzung, Synergie – oder schlicht Miteinander – heran.
Bei all dem Retroklang des Albums bekommt man regelrecht Gänsehaut. Gänsehaut ist aber immer ein dankbarer Indikator für das authentische Vermitteln von Gefühlen seitens des Schöpfers und ein Zeiger der künstlerischen Authentizität des Werks. Bei der Musik des Albums »Talisman« ist es nicht schwer, sich Bilder von abziehenden jungen slowenischen Jungs vorzustellen, die als Kanonenfutter an die Isonzofront getrieben wurden, die vor fast 100 Jahren tobte. Daher macht die Bearbeitung des berühmten Juwels und der Hymne der deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs (Lili Marlen) außerordentlich viel Sinn und geht zu Herzen. Diesen Moment vertieft noch besonders die auf Harmonikabegleitung basierende Bearbeitung von Irving Kahals I’ll Be Seeing You (Vidu te bom – prepoznav).
Auch der verstorbene Lou Reed erhielt auf diesem Album eine sinnvolle Hommage mit einer ausgezeichneten Arrangement-Transformation des Songs Perfect Day (Popovn dan), obwohl dieses Album noch vor seinem Tod erschienen ist. Dann ist da noch Time (Cajt) – eine Bearbeitung von Tom Waits‘ Original, die jenen alternativen Touch vertieft, der sich im Hintergrund gezielt in den expressiven Charakter des Albums Talisman« einschleicht.
Das Team, das am Album »Talisman« mitwirkt, ist mit außergewöhnlichen musikalischen Erfahrungen und Kenntnissen ausgestattet. Darüber hinaus ist es auch mit der bewährten Scharfsinnigkeit außergewöhnlicher musikalischer Talente bewaffnet, die sich in den Studioarbeiten anderer (auch eigenständiger) Musikprojekte manifestieren, an denen sie beteiligt sind. Ich denke dabei besonders an Robert Jukič und seine bisweilen geradezu avantgardistische musikalische Vision ausgeprägter Grenzenlosigkeit. Genau dieses Element, das man als Drang zum musikalischen Experiment verstehen kann, verleiht einigen Kompositionen einen besonders herausragenden Glanz. Eine solche Abweichung des Albums ist Hladna zimska molitu, in die sich eine Blues-Prämisse einbeißt, was man mit Jukičs Kunstmoment verbinden kann, der den Charakter des Albums »Dobrote iz skrinje zarote« (2011) prägt. Mit einem Moment des klanglichen Experimentierens ist besonders der Ausklang des Albums in der Komposition Kdaj pa kdaj geprägt, die etwas von Transzendenz trägt. Auf der anderen Seite hingegen – wie in einem der obigen Absätze erwähnt – verschlägt es einem den Atem bei den brillant bearbeiteten Songs anderer Interpreten, wie auch Pol te pa srječam spjet (orig. Falling in Love Again). Das Original gehört Sammy Lerner, der unter anderem auch von Zeichentrickfans geschätzt wird, da er den Song I’m Popeye the Sailor Man verfasst hat.
Die Kameradschaft der Musiker des Albums »Talisman« stellt sie auch deshalb an einen besonderen Platz im musikalischen Universum, weil sie sich ideell nicht einschränken will. In den musikalischen Lösungen gibt es also keine Grenzen, weshalb es auch nicht möglich ist, das Album stilistisch vollkommen präzise zu charakterisieren. Eigentlich lässt sich dem Album kein richtiges Etikett aufkleben. Für seinen künstlerisch expressiven Wert wäre ein Etikett bis zu einem gewissen Grad sogar »entwürdigend«. Der Kern der Band Uršula Ramoveš (Gesang), Joži Šalej (Gesang, Harmonika, Klavier), Metod Banko (Gesang), Marjan Stanič (Perkussion) und Janez Ramoveš (Rezitationen) wächst und reift auf dem neuen Werk weiter. Die Mitglieder des Teams kennen sich aus all den Jahren der gemeinsamen Zusammenarbeit zu gut, und zwischen ihnen herrschen die magnetischen Kraftlinien eines perfekten chemischen Zusammenwirkens, was das Fundament des eindringlichen und ungewöhnlichen – ich sage lieber eklektischen – Werts dieses Werks ist. Das i-Tüpfelchen auf den vollendeten Artismus dieses Werks setzten der außergewöhnliche Musikvisionär Robert Jukič und Tubist Goran Krmac.
Der emotionale Gehalt, mit dem Uršula die Songs des Albums »Talisman« vokal »einfärbt«, stellt das Gefühl der Melancholie in den Vordergrund. Uršula begeistert mit ihrer ausdrucksstarken vokalen Sanftheit und versteht es, die Seele der Zuhörerin und des Zuhörers besonders intensiv zu berühren – am eindringlichsten in der bewegenden vokalen Interpretation des Songs Golcar.
»Talisman« ist ein Album von besonderer künstlerischer Ausstrahlung. Die einzigartige musikalische Vision und das künstlerische Bekenntnis seiner Schöpfer hat damit einen neuen Moment der künstlerischen Reife erreicht. Es ist ein Manifest qualitativer Weiterentwicklung, der weiteren Definition eines eigenständig urwüchsigen Inhalts, vor allem aber ein Werk, das den Hörer mit der Vielfalt ideeller Lösungen großer künstlerischer »Flexibilität« im Nu verzaubert. Es ist eine wahrhaft authentische Perle, verloren in Zeit und Raum, die dich mit ihrer Ehrlichkeit klar in die Wiege ihrer Entstehung in den weiten Räumen der Poljanska dolina führt.
Besetzung
Uršula Ramoveš – Gesang
Metod Banko – Gesang
Joži Šalej – Gesang, Harmonika, Klavier
Goran Krmac – Tuba
Robert Jukič – Bassgitarre, Kontrabass, Gitarre, Xylophon
Marjan Stanič – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
Jure Krajnik
Trackliste
1. Astre Lilije
2. Hladna Zimska Molitu
3. Talisman
4. Popovn Dan
5. Brjenclni, Muhe. Povhne Pesti…
6. Cajt
7. Vidu Te Bom – Prepoznov
8. Elizabeta Druga
9. Lili Marlen
10. Pol Te Pa Srječam Spjet
11. Golcar
12. Anglčeščejne
13. Kdaj Pa Kdaj