Suicide Silence
Autor: Primož Novak
Künstler: Suicide Silence
Label: Nuclear Blast
Erschienen: year_month
Laufzeit: 44:13
Wertung: 2/5
Vor zehn Jahren galten Suicide Silence als Hauptvertreter der Deathcore-Bewegung, auch wenn sie nicht zu den Pionieren des Genres gehören. In den folgenden Jahren hat sich die Situation aber ziemlich verändert. 2012 verunglückte Sänger Mitch Lucker tödlich – die Ikone der Band. Die Gruppe entschied sich trotzdem weiterzumachen und holte Eddie Hermida von All Shall Perish ans Mikro. 2014 erschien dann You Can’t Stop Me, das die Mission der Band solide fortschrieb und dem eingeschlagenen Stil treu blieb.
Nach vier Alben beschloss die Band, etwas zu verändern – für eine Deathcore-Band an sich nichts Neues. Deathcore ist nämlich ein ziemlich eingeschränktes Genre, das schnell trocken und vorhersehbar wird. Ohne sinnvolles Experimentieren geht’s nicht voran. Ein paar Beispiele: Job For A Cowboy wurden von Album zu Album technischer und progressiver, Carnifex liebäugeln mit Black Metal, Whitechapel haben Clean Vocals eingeführt. Kurzum: Ohne Weiterentwicklung geht man unter. Suicide Silence brauchten also dringend eine Veränderung und wandten sich an Produzent Ross Robinson als potenziellen Retter.
Noch bevor die Band ihre erste Single veröffentlichte, tauchten Konzertmitschnitte von »Doris« auf, die etwas Neues in der Bandgeschichte ankündigten. Aus diesen Aufnahmen ließ sich zwar nicht viel schlussfolgern, auch wenn Clean Vocals schon rauszuhören waren. Anfang des Jahres veröffentlichten Suicide Silence dann die offizielle Version von »Doris« – und die Fans haben den Track zerrissen. Der entscheidende Moment kommt kurz nach der ersten Minute, wenn Eddie Hermida im Refrain eine höhere Lage anschlägt, die die Fans bald »Tee Hee« tauften. Besagtes »Tee Hee« wurde zum Vorboten der Katastrophe. Der Song hat zwar solide, groovige Nu-Metal-Riffs und einen guten Rhythmus, aber bei einem derart verheerenden Refrain spielt der Rest keine Rolle mehr. Popmusik steht und fällt nun mal mit dem Refrain – ob er zieht, ob er die Masse packt –, alles andere ist irrelevant. Und als wäre das nicht genug: Der Sound klingt verwaschen, fast wie eine etwas bessere Demo-Aufnahme. Kurzum: kein guter Start.
Nach guten vier Minuten Leiden geht’s weiter mit »Silence«, wo Clean Vocals dominieren und ein paar knackige Gitarren im Nu-Metal-Stil der Neunziger auftauchen. Die Band versucht zwar, ihre Bandbreite mit ruhigeren Parts, Effektgitarren und Ambient-Passagen zu zeigen – aber genau hier liegt der Hund begraben. Die aggressiven Parts sind dabei gar nicht mal das Problem. Das ist im Großen und Ganzen Recycling von Korn, Deftones und frühen Slipknot. Nichts Schlimmes – die Band hat noch nie mit innovativen Ideen geglänzt. Suicide Silence waren anfangs einfach eine Band, die auf den Deathcore-Zug aufgesprungen ist, und jetzt wollen sie offenbar ihren Neunziger-Vorbildern huldigen. Erste Nu-Metal-Groove-Ansätze gab’s übrigens schon auf The Black Crown von 2011. Das Hauptproblem liegt vor allem darin, dass die Songs zu sehr in die Länge gezogen werden – mit repetitiven Mustern, unnötigem Noise-Filler und aufgesetzten »atmosphärischen« Passagen. Ein gutes Beispiel dafür ist »Listen« oder »Hold Me Up, Hold Me Down«, wo das Potenzial des Songs nach drei Minuten in einem endlosen »Djing Djing«-Part versumpft. Und da stellt sich die Frage: Was hat Ross Robinson hier eigentlich gemacht? Wollte er seinen Stempel draufsetzen – oder war ihm das alles schlicht egal? Die Songstrukturen sind alles andere als gut, und beim Sound weiß man auch nicht, was er damit erreichen wollte.
In den 44 Minuten gibt’s dann aber doch ein paar Lichtblicke. Ziemlich gewagt ist das balladenhaft eingefärbte »Dying in Red Room«, wo die Verzerrung in den Hintergrund tritt und Bassgitarre sowie Melodielinien in den Vordergrund rücken. Für die Band eine eher ungewöhnliche Sache – wobei man von Hermida etwas mehr Gespür für Melodiegestaltung erwarten könnte, damit das Ganze nicht so aufgesetzt klingt. Die Clean-Vocal-Parts wirken so, als würde Eddie endlos leiden, genauso wie die Nu-Metal-Sänger von damals. Gegen Ende des Albums überrascht – oder erschreckt – die Band dann mit »Conformity«. Ein verträumter Song, der sich langsam aufbaut. Die Ruhe des Tracks weckt sogar Assoziationen an The Mars Volta, was beweist, dass Suicide Silence ihren Horizont wirklich erweitern wollten. Gitarrist Mark Heylmun führt das schön weiter mit einem Solo, das für ihn eher ungewöhnlich ist. Bisher hat Heylmun meistens recht ähnliche Arpeggios runtergespielt, die ziemlich uninspiriert wirkten – bei »Conformity« zieht er das Solo aber wirklich überzeugend durch und klingt authentisch. Der Song zieht sich zwar gegen Ende etwas hin, ist aber trotzdem das Highlight dieses Albums. Der Abschluss mit »Don’t Be Careful You Might Hurt Yourself« ist mit seiner Aggressivität noch am ehesten Deathcore-typisch – bis ein ruhiger Part mit Clean Vocals auftaucht und die Dynamik des Songs zerstört. Und wieder stellt sich die Frage: War das ein Vorschlag des Produzenten oder der Band?
Sich durch 9 Songs zu kämpfen kann ziemlich quälend sein. Unnötige Längen gibt es einfach zu viele. Wäre das Album 10 Minuten kürzer, wäre es zweifellos erträglicher. Das Album hat zwar seine Lichtblicke, aber der anfängliche »Tee Hee«-Refrain, das Recyceln wässriger Ideen und die unnötig aufgeblähten Arrangements machen diese Lichtblicke unsichtbar. Kein Wunder, dass das Album als der „St. Anger“ des Deathcore gilt.
Aber die Hoffnung lebt! Der legendäre Ross Robinson hat 1996 Sepulturas Album Roots produziert, das eine Serie fantastischer Alben der Band unterbrach. Kritiker haben das Album jahrelang zerrissen, doch kurz danach hat sich das Publikum damit angefreundet. 20 Jahre nach dem Erscheinen von Roots gingen die Brüder Max und Iggor Cavalera auf Tour und spielten das gesamte Album – und die Hallen waren solide gefüllt. Vielleicht gilt das aktuelle Album von Suicide Silence also in 20 Jahren als Legende.
Besetzung
Eddie Hermida – Gesang
Chris Garza – Gitarre
Mark Heylmun – Gitarre
Alex Lopez – Schlagzeug
Dan Kenny – Bass
Produktion
Ross Robinson, Joe Barresi (Mix)
Trackliste
01. Doris
02. Silence
03. Listen
04. Dying In A Red Room
05. Hold Me Up, Hold Me Down
06. Run
07. The Zero
08. Conformity
09. Don’t Be Careful, You Might Hurt Yourself