Stürmischer satanischer Marsch mit Overkill durch Graz (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Graz / Explosiv / Österreich
Konzertdatum: 05.11.2016
Besucherzahl: 550
Eintrittspreis: 34,00€

Overkill, die altschulischen Thrasher aus New Jersey, gehören zu den Bands, die das Wort „Pause“ weder kennen noch akzeptieren. Die Jungs haben ihr neues Studioalbum »The Grinding Wheel« zwar schon aufgenommen, haben dessen Veröffentlichung aber auf Februar 2017 verschoben, wenn sie auf US-Tour gehen! Aber noch vor Jahresende haben sie neue Konzerttermine für Europa bekanntgegeben. Die Band, die im März des vergangenen Jahres auch die slowenische Hauptstadt besucht hat, lud diesmal zu ihren neuen Konzertdaten die Pioniere des Sludge Metal Crowbar ein, sowie die nach Dienstjahren deutlich jüngere, aber beweishungrige Band Desecrator aus Australien, die als eine Art Thrash-Metal-Revivalisten der neuen Zeit gelten, und die scharf zugespitzten Groove-Deathcore-Thrasher Shredhead aus Israel.

Für unseren Besuch des Konzerts der genannten Viererformation erwies sich diesmal das österreichische Graz und der dortige Club Explosiv als praktischste Wahl – der im letzten Jahr dank eines interessanten Programms wieder zum Leben erwacht ist und wieder bekanntere und klingendere Namen des allgemeinen Metal-Kosmos in den Club lockt. Der vollgepackte Konzertplan verlangte eine straffe Zeitplanung, weshalb Shredhead bereits um halb acht abends die Bühne betraten. Die Israelis, die seit 2009 aktiv sind, haben ihr Studiodebüt »Death is Righteous« aus dem vergangenen Jahr im Gepäck. Das Quintett mit seiner ausgefeilten Bühnenshow posiert als modern zugespitzter Mix aus extremen Looks, der Thrash-Elemente mit Metalcore-Wahnsinn vereint. Den Löwenanteil der Aufmerksamkeit beanspruchte der raubeinige Vokalist Aharon Ragoza, dem es gelang, die gut hundert Köpfe im Publikum zu aktiverer Beteiligung zu bewegen – in einer Show von kaum mehr als einer halben Stunde –, und dabei Einzelnen sogar das Auspeitschen der Halswirbel zu entlocken. Shredhead mischt in sein Metal-Format auch gelegentlich rhythmische Tribalität orientalisch klingender Elemente ein, was natürlich aus der geografischen Herkunft der Band resultiert. Interessant, ordentlich, herzlich, eingespielt, souverän. 

Als zweite kletterten die australischen Thrash-Metal-Revivalisten Desecrator aus Melbourne auf die Bühne. Das Quartett, das wir im Orto bar in Ljubljana vor drei Wochen – genauer gesagt am 20.10.2016 – verpasst haben (die Location war offensichtlich zu nah dran, aber Spaß beiseite), als sie den Konzertabend vor Venom Inc. eröffneten, verspricht schon das ganze Jahr ein neues Studioalbum, das sich angeblich in der Abschlussphase der Entstehung befindet.  Die Band lieferte in knapp einer halben Stunde eine ausgesprochen überzeugende Show ab. Es handelt sich um eine live bärbeißige und hervorragend eingespielte Band. Man spürt, dass die Jungs jede Menge Konzertkilometer auf dem Buckel haben. Auch die erfreuliche Dosis schwarzen Humors beim Ansprechen des Publikums von Seiten des Frontmanns und Sängers/Gitarristen Riley Strong, der eine unglaublich gut geölte Zunge hat, sorgte für zusätzliche Würze. Ansonsten sehen die Jungs 2016 auf der Bühne optisch recht »komisch« aus, aber so will es eben der Oldschool-Revivalismus. »Topless macho look« mit tätowierten Oberkörpern, engen Jeans mit Elastan und High-Tops. Schweiß tropft überall. Die Einflüsse des Bay-Area-Thrash-Metal-Erbes sind deutlich spürbar, und Rileys durchdringend präsenter Gesang bleibt in den Ohren hängen. Eine heißblütige Performance voller frechdachsiger Verve und ungezähmter Adrenalinhatz der australischen Hengste. Erwartungsgemäß ohne »revolutionäre Wendepunkte« im musikalischen Charakter. Schon Gehörtes – aber was das Erobern von Bühnen und Publikum angeht, eine mehr als überzeugende Show und eine exzellent eingespielte Band.  

Crowbar braucht keine besonders ausführliche Vorstellung.  Sie gehören zu den Mitbegründern des Sludge Metal und sind in der zweiten Hälfte der Achtziger aus der Band The Slugs hervorgegangen. Das Quartett pflegt Bühnenminimalismus und totale Ablehnung von Kitsch und Zierrat – das gleichen Crowbar durch kompromissloses Beharren auf tiefgestimmtem Gewühl aus: schwüle, träge rollende Riffs, die störrisch und schmierig auf dem blutenden rhythmischen Fundament eines Zehntonnen-Mörsers schnappen. Kirk Windstein hat zwar im Laufe der Jahre etwas an Stimmkraft eingebüßt, wurde aber vom Mischpult unterstützt, weshalb sein  unverwechselbares, für die Band prägendes heiseres Brüllen eine erfreuliche Ausbeute an unerbittlich aufgereihten Gefühlen der Entfremdung, Desillusionierung und persönlichen Bedrängnis einfuhr.  Die Band, die in Graz eine wahre Séance erstklassiger Sludge-Finsternis zelebrierte,  wurde durch den Rückkehrer und eigentlich (allzu lange) »vermissten« Bassisten »Sexy T« verstärkt. Sprich Tedd Strange, der ebenso wie der kleine und stämmige Kirk nicht mit unglaublichem Charisma geizt. Crowbar haben damit auch an physischer Masse zugelegt und rangieren – abgesehen vom drahtigen Schlagzeuger Tommy Buckley – in puncto Körpermasse an der absoluten Weltspitze aller Bands. Die Band präsentierte in großem Stil ihr neues Studiowerk »The Serpent Only Lies«, spielte den Titeltrack, dann Failing While Rising, dem anschließend die hervorragenden Plasmic and Pure sowie I Am the Storm folgten.  Dazu kamen ältere Stücke wie To Build A Mountain, All I Had (I Gave), Existence is Punishmenet, Planets Collide und I Have Failed, womit auch den Ansprüchen der älteren Fans Genüge getan war. Die Band agiert auf der Bühne natürlich statisch. Wann tat sie das in ihrer Karriere je nicht? Doch ihre Riffs und die Umsetzung packen mit der betäubenden Hypnose altschulischer Güte echten NOLA-Sludge- Ursprungs. Im Club hatte sich ein handfestes Bataillon Publikum versammelt, das die Vorderreihen dichtmachte, und die Band genoss die Performance sichtlich. Kirk hielt durchgehend Kontakt zum Publikum, ebenso Tedd, und das Publikum geizte seinerseits nicht mit gelegentlichen Ausbrüchen der Begeisterung. Crowbar sind in Kombination mit Overkill eine erstklassige Wahl, da sie die Attraktivität dieser Tour erheblich steigern. Sowohl in Bezug auf die Genre-Vielfalt als auch als atmosphärische Zäsur schlechthin bei jedem Konzertabend.  Das Material des neuen Albums funktioniert hervorragend, und Kirk und Konsorten stellen mit dem Gezeigten auch in den reifen Jahren der Band große kreative und spielerische Fokussiertheit und Verbissenheit unter Beweis.

Overkill schlugen um halb elf abends auf der Bühne auf. In einer Stunde und zwanzig Minuten bestätigten sie das Ljubljana-Erlebnis von anderthalb Jahren zuvor, als sie im CUK Kino Šiška aufgetreten waren.  Die Bühne verwandelte sich in den kompromisslosen Marsch des einzigartigen Schreiers Bobby Blitz, der einmal mehr den Löwenanteil der Aufmerksamkeit des gesamten Konzertgeschehens an sich riss. Mit seinem unglaublichen Charisma natürlich!  Die Besetzung erlebte für diese Tour eine leichte »Korrektur«: Drummer Ron Lipnicki musste aus familiären Verpflichtungen in den USA bleiben, und für die Europa-Tour sprang kurzerhand sein Drum-Techniker Eddy Garcia in seine Fußstapfen – was die Qualität der neuen Konzertshow der Thrash-Metal-Legenden selbstverständlich nicht erschütterte.

Die Band in bester Stimmung. Was sonst kann man von einer Band wie Overkill erwarten? Neben dem ultragezackten Bobby, mit seiner typischen Bühnenhaltung – Mikrofonstativ als Stütze, rechter Fuß auf dem Monitor, Gesten inklusive ständig gerecktem Mittelfinger der linken Hand –, lieferte natürlich auch Bassist D.D. Verni vollblütige Provokation beim Liebäugeln mit dem Publikum, und dazu gesellte sich Derek Tailer, der in Ljubljana unglaublich zurückhaltend gewesen war, wenn nicht gar abwesend und während der gesamten Bühnenshow nahezu unsichtbar. Nur Dave Linsk lugte etwas schüchtern in Richtung Menge, teilte aber freundliche Blicke aus. Solche »Freundlichkeit« kennt seine Gitarre jedoch überhaupt nicht. Linsk ist ein exzellenter Shredder und  trug natürlich erneut die Hauptverantwortung für alle Soli und die schwereren Gitarrenpassagen, von denen es bei Overkill zum Glück nicht allzu viele gibt.

Was ist wirklich stark an dieser Tour der Band? Eigentlich die Tatsache, dass Overkill noch nicht mit der vollständigen Promotion  des kommenden neuen Albums angefangen haben. Das bedeutet, dass sie gerade mal einen neuen Song gespielt haben – Our Finest Hour, für den sie im Oktober dieses Jahres auch eine Single und ein Musikvideo veröffentlicht haben –, während sie das Konzert mit Armorist eröffneten, genau wie in Ljubljana, als sie das Album »White Devil Armory« vorstellten. Die Band hat deshalb eine Reihe von Klassikern in die Setlist zurückgeholt, die sie lange nicht gespielt hatte – wie Coma, Feel The Fire und Infectious –, während sie mit den Standards des eisernen Repertoires Rotten To The Core, In Union We Stand, Hammerhead, Hello From The Gutter durchgehend ein extrem hohes Niveau aufrechterhalten hat, das selbst in der eruptiven Atmosphäre noch das Teufelchen persönlich aus den Tiefen der Unterwelt hervorlockte.  Gegen Ende reihte die Band die Bonbons Coma, Feel The Fire und Infectious aneinander und steigerte die Stimmung damit direkt vor dem Konzertfinale auf den Höhepunkt. Dann kündigte Bobby an, die Band werde noch einen weiteren Song spielen, der als Überraschung gelte – was sich auch wirklich bestätigte, als er die berühmte Rock’n’Roll-Band aus Dublin erwähnte und Overkill den Thin Lizzy-Klassiker Emerald angingen (die Overkill-Version reißt ohne Kompromisse – hoffentlich bekommt sie einen Platz auf einem ihrer offiziell veröffentlichten Tonträger). Nach der hervorragenden Overkill-Version des Thin Lizzy-Klassikers verabschiedeten sich die Jungs noch überraschender vom Publikum und verschwanden in die Kulissen. Der reguläre Teil war damit nämlich beendet.

Die Band kam natürlich für die obligatorische Zugabe zurück, die diesmal mit dem offensichtlich sehr beliebten neueren Ironbound eröffnet wurde. Das knallvolle Haus hob erneut ab. Als hätte man in den Explosiv tatsächlich echten Sprengstoff geworfen. Das kompromisslose Niedermachen und Zerreißen setzt sich also fort, die Band zeigt keine Anzeichen von Beruhigung, von Verschleiß, geschweige denn von Alterung. Auf den Schwingen des ungezähmten und außergewöhnlichen Bobby »Blitz«, dem die Jahre einfach nicht beizukommen sind und der erneut mit einer unglaublichen Gesangsperformance verblüffte, hatte die Band noch eine weitere Überraschung aufgespart: die Nummer Elimination vom Album »The Years of Decay« (1989), der dann die »volkstümlich gewordene« und allgemein eingeforderte Coverversion des The Subhumans-Originals Fuck You folgte, die der restlos betrunkenen und eingerauchten Menge die letzten Energiequanten entlockte.

Was bleibt zu sagen zum Schluss? Ein unglaublicher Konzertabend. Steigerung der Stimmung von Act zu Act, von Minute zu Minute. Mit dem atmosphärischen Höhepunkt natürlich beim Auftritt  der Hauptstars des Abends, den einzigartigen Overkill. Das war natürlich auch an der Beteiligung des Publikums ablesbar, das in erster Linie wegen Overkill nach Graz gekommen war. Das Event versammelte österreichische, kroatische, italienische und natürlich slowenische Metaller, mehrheitlich ab dreißig aufwärts. Ein paar »Grünschnäbel« gab es im Publikum, aber entschieden zu wenige, um hoffen zu können, dass die neue Generation die Essenz der Magie des Rock’n’Roll – und damit des Metals – ordentlich in ihre Hände genommen hat und damit die Verantwortung übernimmt, dass diese Magie weiterlebt.

Angesichts der diesmaligen Setlist von Overkill lässt sich erahnen, dass die Band im nächsten Jahr noch einmal auf Europa-Tour gehen wird, auf der dann die Songs des kommenden neuen Albums »The Grinding Wheel« das Heft in die Hand nehmen werden. Die Band bricht im Frühjahr nächsten Jahres zu einer Nordamerika-Tour auf und bestätigt für den nächsten Sommer schrittweise Auftritte auf europäischen Festival-Bühnen – unter anderem werden wir Overkill im Rahmen der neuen Ausgabe des Bang Your Head!!! Festivals am 13.07.2017 wiedersehen können. 

Setlist

OVERKILL:
1. XDᴹ (taped intro)
2. Armorist
3. Rotten to the Core
4. Electric Rattlesnake
5. In Union We Stand
6. Our Finest Hour
7. Hammerhead
8. Hello From the Gutter
9. Feel the Fire
10. Coma
11. Infectious
12. Emerald
—Zugabe—
13. Ironbound
14. Elimination
15. Fuck You

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