Stratosfera

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Zoran, Jernej
Label: Menart Records
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 52:26
Wertung: 4.5/5

Jernej Zoran ist ein slowenischer Musiker und Künstler, der auf der slowenischen Musikszene seit über zwei Jahrzehnten aktiv ist. Seine Karriere verlief über mehrere Bands in den Neunzigern; zu Beginn des neuen Jahrtausends veröffentlichte er sein Soloerstlingswerk »Avgustovski kosci« (2001), danach schloss er sich Društvo mrtvih pesnikov an, bei denen er bis 2010 blieb. D.M.P. deuteten mit dem Einzug von Peter Dekleva und dem Album neu arrangierter Eigenkompositionen »Krog« (2010 – RockLine Rezension HIER) an, dass sie an der Schwelle großer stilistischer Veränderungen standen, während Jernej Zoran andererseits noch mehr kreative Freiheit brauchte, die ihm nur eine neue kreative Herausforderung geben konnte. Diese fand er also in der neuen Fortsetzung seines eigenständigen musikalischen Weges.

Jernej Zoran ist ein Gitarrist, der mit den Klängen klassischer Rockkünstler aufgewachsen ist. Im Spiel spürt man die Kulmination der Einflüsse von Gitarrenlegenden wie Jeff Beck, Eric Clapton und vor allem David Gilmour – weshalb dieses Album ein ganz besonderes für das slowenische Terrain ist. Ein echter klassischer Rockalbum, slowenisch geschnitten! Tiefer unter die Haut geht’s nicht, und genau da liegt seine ganze Faszination.

In elf Jahren seit dem ersten Studiowerk haben sich viele Ideen angesammelt, die gereift und zu den 12 Tracks des neuen Albums »Stratosfera« herangewachsen sind. Wenn du das Cover anschaust und den Albumtitel liest, ist der erste flüchtige Eindruck so, als hättest du das neue Werk irgendwelcher dinosaurischer Krautrocker à la Tangerine Dream, Amon Düül,… in den Händen. »Stratosfera« ist aber ein klassisch rockend geschnittenes Album, bei dem die Kompaktheit klassisch angelegter Songs (die Kompaktheit wird in den Songs natürlich durch die Vokalparts gefestigt) und Jernejas gitarristisches Bekenntnis Hand in Hand gehen – mit großem Gespür meisterhaft injiziert durch die Navigation vielfältiger Rollen des Spiels in bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Arrangements. Das Solo in »Osamljen potnik skozi čas« wirkt wie eine echte kleine kurze erotogene Bekenntnis-Abenteuer, was beweist, dass Jernej ein hervorragendes Gespür für die Platzierung von Gitarrenornamenten an den richtigen Stellen im Song hat – Momente, die bestimmte Stimmungen potenzieren und neue Atmosphären formen –, sodass man über das Album »Stratosfera« sagen kann, dass es über seine gesamte Spielzeit eine außerordentlich dynamische Lebendigkeit voller inhaltlicher Gegensätze besitzt.

Das Album ist ein farbenfrohes Bilderbuch all dessen, was den forschenden musikalischen Geist dieses Künstlers verkörpert. Für alle, die in der Musik kleine pikante Genüsse suchen, landen der eröffnende instrumentale Titeltrack sowie kurz darauf Krasni novi svet? und Monsanto Baby Blues ganz oben auf der persönlichen Favoritenliste dieses Albums.

Wie erfahren und charakterlich klar profiliert Jernej Zoran als Musiker ist, lässt sich aus diesem Werk leicht herauslesen. Jeder einzelne Track besitzt ein fein ausgearbeitetes Gitarrenarrangement. Von der Akkordpositionierung, die den Lead-Gesang umschließt, bis hin zur feinsinnig ausgeklügelten Auswahl der Klangcharakteristika, die auf der Kombination von Jernejas Anschlag und Soundeffekten beruhen – diese Kombination bewahrt durchgehend eine makellose Organik, ohne den auf Distortion und/oder ähnlichen Effekten liegenden Klang zu verzerren. Übergänge in die Distortion sind selten, nur zur Betonung spezifischer Stimmungszustände, und selbst hier sind diese Riffs in der Produktionsklanglandschaft so abgestimmt, dass sie auf diesen Albumteilen keineswegs den Primat übernehmen. Mit ihnen entfaltet sich das Album in seinem dramatischsten Teil mit noch größerer Intensität – in den abschließenden »Osamljen potnik skozi čas« und dem härtesten Moment des Albums, »Labodji spev«, mit dem das Album auch schließt.

Das Album trägt etliche vollblütig ausgearbeitete Vokaltracks, die den Anforderungen einer häufigen Radiorotation gerecht werden, dabei aber die echte Rockkonnotation nicht verbergen – hervorragende melodische Ausschöpfung voller Kompaktheit und klanglicher Eingängigkeit, graduierte Stimmungsentwicklung mit Gipfelpunkten in den Refrains. Poljubi Me ist eine wahre Bekenntnis-Magie aus dem hervorragenden Zusammenspiel der nahezu »Stones«-artig klingenden Gitarrenbegleitung und dem süß-sündigen Gesang von Lara Poreber. Ihr Gesang wird durchgehend hervorragend eingesetzt, besonders wirkungsvoll und gelungen aber in der düsteren, dramatisch angelegten Rockballade »Osamljen potnik skozi čas«. Die Abwechslung der Albumtracks erreicht man durch die Wahl verschiedener Lead-Vocals, die die Aussagekraft der Verse meisterhaft zum Leben erwecken. Suchen wir beispielsweise energetische Parallelen zur Rockwelt, ist Tisočletja eine gelungene Kombination aus Claptons unvergesslicher Ballade Tears In Heaven (das Klagen der Gitarrenlinien)  und dem Floydesque Comfortably Numb (besonders die Übergangsmelodie der Akkordkombination, die den Song in eine neue Strophenrunde führt). Dieser Track ist durchzogen von ohrenschmeichelnden Gitarrenornamenten eines »Gilmouresk«-genussvollen »slide«-Gitarrenmoments. Da ist »Vegas« (nach Poljubi Me und Tisočeltja) die dritte Auskoppelung des Albums, die die gleich eingängige Refrain-Ansteckungskraft der beiden Vorgänger-Singles trägt. Die gesellschaftskritische Note in diesem Track vertieft die unverwechselbare Stimme von Damir Lisica (Anavrin, Adam), die dem Song eine sanft sehnsüchtige, aufständische Note des Alternative Rock einhaucht. »Lažejo« ist ebenfalls eine besondere Art von Abenteuer. Die rhythmische Grundlage im Refrain sowie der kraftvoll vibrierende Gesang von Gaber Brin wecken unweigerlich Gefühle an Bowies Evergreen Heroes (zieht dabei im Handumdrehen die klangliche Welt der »Frippertronics« dieses Bowie-Hits ab). Jernej schöpft in diesem Track das volle Klangbild erneut mit mehreren Gitarrenlinien aus; in der Strophe greift die Gitarrenbegleitung, angereichert mit dem »stereo chorus«-Effekt, den Gesang auf.

Kurzum: Nicht nur dieser Track, sondern das gesamte Album reizt den Hörer durchgehend mit der Raffinesse der Positionierung vieler Gitarrenlinien, die in einer vollkommenen musikalischen Anordnung von großem Ausdrucksgewinn koexistieren. Das erreicht Jernej völlig unprätentiös, aber mit voller Kontrolle über die Erschaffung der musikalischen Substanz. Voll und prägnant, mit kurzen, entspannten Zügen voller ausdrucksreicher Klarheit. Diese unprätentiöse Haltung beziehungsweise der minimalistische Ansatz entfaltet seine volle Wirkung beispielsweise in »Vse ti dam«, wo eine fest pulsierende, äußerst kokette rhythmische Textur die einfache Gitarrenbegleitform umschließt. Dieser Track trägt einen Hauch von Pop-Kosmetik – er ist eigentlich der Moment des Albums, der sich am unverfrorensten mit dem Pop-Element auseinandersetzt. Vielleicht wird er zur willkommenen Wahl als vierte Albumauskoppelung.

»Stratosfera« ist ein Album, das keine Füllminuten kennt. 12 Tracks von klar herausgearbeitetem Charakter, ausgearbeiteten Lead-Melodien, hervorragender Arrangements-Konfektion, voll vielfältiger emotionaler Eindrücke! Es ist ein Werk, in dem du noch lange all seine kleinen Details entdecken wirst, ungeachtet der Tatsache, dass es zum Hören absolut anspruchslos und melodisch hochgradig ansteckend ist. »Stratosfera« ist ein wunderschönes Album, wie man es in Slowenien nur zu selten findet. Mit seinem Retro-Sound entdeckt es keine musikalische Revolution, gibt uns aber die vermissten Steinchen im Mosaik der Geschichte der slowenischen Rockmusik zurück an die Stellen, die eine echte kreative Verbindung zu weltbekannten Rockgrößen herstellen. Rock-Nostalgiker! Nicht zögern – checkt dieses musikalische Werk von starker Aussagekraft sofort!

Besetzung

Jernej Zoran – Gitarre, Bass-Gitarre, Keyboards, Percussion
Lara Poreber – Gesang (2,4,9.11)
Damir Lisica  – Gesang (5,12)
Gaber Brin – Gesang (7)
Janez Lamovšek – Gesang (8)
Sašo Đukič – Gesang (10)
Miha Recelj – Schlagzeug
Dušan Obradinovič – Schlagzeug
Miro Tomšič

Produktion

Jernej Zoran

Trackliste

1. Stratosfera
2. Poljubi me
3. Krasni novi svet?
4. Tisočletja
5. Vegas
6. Monsanto Baby Blues
7. Lažejo
8. Moja dežela
9. Kaplja
10. Vse ti dam
11. Osamljen potnik skozi čas
12. Labodji spev

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