Still

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Sinfield, Peter
Erschienen: 1973
Laufzeit: 42:51
Bewertung: 3/5

„Still“ ist das erste und bislang einzige Album von Peter Sinfield, dem englischen Dichter und Musiker, der vor allem als Texter der ersten vier Alben der Prog-Rock-Größen King Crimson bekannt ist. Sinfield war Gründungsmitglied der Band und war von 1969 bis 1971 aktiv dabei.  Seinen Namen machte er sich vor allem als herausragender Schreiber metaphysischer Texte sowie als Konzeptentwickler für die Albumcover. Sein wohl wichtigster Beitrag als King Crimson-Mitglied war schlicht, dass er sich den Bandnamen ausgedacht hat. Nach einem verbalen Machtkampf mit Gitarrist Robert Fripp um die Führung der Band Ende 1971 musste er das Feld räumen – ihm drohte, dass Frippoman ihm irgendwann mal mit dem Mellotron die Frisur zerzausen würde. Nach seinem Abgang bei King Crimson blieb er noch einige Jahre eine aktive und konstruktive Kraft in der Welt des Progressive Rock. Unter anderem leistete er als Produzent des Debütalbums von Roxy Music sowie als Texter für Emerson, Lake & Palmer und Premiata Forneria Marconi wertvolle Arbeit.

„Still“ stellt Sinfields Versuch dar, sein lyrisches Genie mit musikalischen Visionen zu verbinden, die sowohl aus seinem King Crimson-Erbe als auch aus verschiedenen Formen der Popmusik der 70er schöpften. Als Gastmusiker wirkten zahlreiche renommierte Musiker mit, die auf die eine oder andere Weise (größtenteils als ehemalige Mitglieder) mit King Crimson verbunden waren – allen voran John Wetton, Greg Lake, Keith Tippett, Mel Collins, Boz Burrell und Ian Wallace. Als Instrumentalist machte Peter an Akustikgitarre und Synthesizer eine durchaus passable Figur.

Das Album, das für alle King Crimson-Fans am interessantesten ist, liefert ziemlich gemischte Ergebnisse – von einigen geradezu grandiosen Momenten, die auch die originalen King Crimson nicht hätten besser machen können, bis hin zu einer Handvoll wirklich bemitleidenswerter Ausflüge ins Pop-Terrain. Dass Peter kein geborener Sänger ist, lässt sich nicht leugnen – auch wenn er über eine angenehme, samtene Stimme verfügt. Das Problem liegt in seiner extrem begrenzten Stimmrange, durch die die meisten Melodien auf dem Album nie ihr volles Potenzial entfalten können. Noch größer ist das Problem, dass er sich häufig nicht entscheiden kann, ob er seine Texte lieber singt oder erzählt. Das ergibt dann eine eigenartige erzählerisch-gesangliche Mischung, die mitunter auch ganz schön nervig sein kann.

Das Klangbild von „Still“ lässt sich grob als teilweise Fortsetzung der ätherisch-pastoralen Sinfonik und Harmonik beschreiben, wie sie die frühen King Crimson geschaffen haben – allerdings ohne die musikalische Disziplin, Komplexität und die dissonanten Improvisationen, die Fripp nach Peters Abgang noch weiter verfeinert hat. Man könnte sagen, „Still“ spiegelt jene sanfte, pastorale Seite von King Crimson wider, wie man sie auf einigen ihrer frühen Stücke finden konnte, etwa „I Talk to the Wind“, „Moonchild“, „Cadence and Cascade“ oder „Islands“. In dieser Hinsicht bietet das Album einen sehr entspannten, pastoralen und stellenweise fast pop-rockigen Ansatz. Auch finstere oder schaurige Experimente im Stil von „Devil’s Triangle“ sucht man vergebens – Peter war schon immer eine zarte, typisch poetische Seele.

Zunächst zu den Highlights des Albums: Das sind jene Kompositionen, die dank ihrer ätherisch-sinfonisch-pastoralen Arrangements der originalen King Crimson-Magie zumindest ein Stück weit nahekommen. Allen voran das ätherische „The Song of the Sea Goat“, das auf einem Arrangement des klassischen Komponisten Antonio Vivaldi aufbaut – schon allein deshalb kann es kein Reinfall sein. Dazu kommen wunderschöne Arrangements auf Flöte,  Klavier und Mellotron, die eine wirklich zauberhafte Atmosphäre erschaffen. „Under the Sky“ ist eine Bearbeitung eines hervorragenden Stücks, das noch aus der Zeit des Pre-Crimson-Projekts Giles, Giles & Fripp stammt und deshalb die meisten Parallelen zu Peters glorreicher Vergangenheit aufweist. Die angenehme Melodie basiert auf ätherischen Mellotron-Arrangements und Flötenklängen, und auch ein sehr gelungenes Klaviersolo fehlt nicht. Einen der kompositorischen und dichterischen Höhepunkte Peters stellt das nostalgische „Envelopes of Yesterday“ dar, das zahlreiche psychedelische Nuancen mit einer guten Hauptmelodie und einem hypnotischen Flötensolo verbindet. Peters Gesang wirkt hier am gelungensten. Zu den gelungenen Momenten zählt auch der Titeltrack, in dem Peter singend in seine persönlichen Träume eintaucht. Danach übernimmt Lakes gewaltige Stimme – was der emotionalen Aussage der Komposition nicht guttut, denn seine stimmliche Überlegenheit überschattet vollständig Sinfields träumerisches Gemurmel davor.

Der Löwenanteil der übrigen Stücke fällt in die Kategorie der weniger interessanten Experimente mit ziemlich durchschnittlichen Ergebnissen. Die meisten davon gereichen ihm nicht sonderlich zur Ehre, auch wenn sich keines davon als echter Flop bezeichnen ließe. Hier wollte Peter die persönlichere Rolle des Singer-Songwriters ausprobieren und sich an direkteren Rock-Stilen versuchen – was ihm leider überhaupt nicht liegt. Bei „Will It Be You“ etwa, wo er sich am Country versucht und dabei auf der Stelle scheitert – von „Wholefood Boogie“ fange ich erst gar nicht an.

„Still“ ist mit seiner Mischung aus Art-Rock- und Pop-Elementen eigentlich ein Übergangswerk in Peters professioneller Karriere – es deutete zugleich auf seine Zukunft in der Popmusik hin (beginnend mit der atheistischen Weihnachtshymne „I Believe in Father Christmas“, gefolgt in den 80ern vom Schreiben von Texten für einige populäre Musiker) und erinnerte an seine Prog-Rock-Vergangenheit. „Still“ ist ein faszinierender Soloversuch eines genialen Dichters, der sich als Musiker und Komponist über alle Erwartungen hinaus bewährt hat – doch erwartet kein verschollenes King Crimson-Album. Dafür hätte Peter Lake erlauben müssen, ihn beim Hauptgesang durch das gesamte Album zu ersetzen. Und selbst das wäre ohne die Gitarre seines „besten Freundes“ eine Mission Impossible gewesen. Trotz all seiner Schwächen ist „Still“ ein solides Werk von historischer Bedeutung, das in der Sammlung keines King Crimson-Fans fehlen sollte. Zum Schluss noch ein Tipp für alle Sammler: Das Album wurde 1993 mit zwei zusätzlichen Stücken und veränderter Titelreihenfolge als „Stillusion“ auf CD wiederveröffentlicht.

Besetzung

Peter Sinfield – Gesang, 12-saitige Gitarre, Akustikgitarre, Synthesizer
Min – Schlagzeug, Percussion
Chris Pyne – Posaune
Stanley Roderick – Trompete
W.G. Snuffy Walden – Gitarre
Ian Wallace – Schlagzeug
Tim Hinckley – E-Piano, Klavier
Snuffy – E-Gitarre
Brian Flowers Synthesizer
Don Honeywill – Baritonsaxofon
Keith Christmas – Gitarre
Greg Lake – E-Gitarre, Gesang
Robin Miller – Bläser
Greg Bowen – Trompete
Richard Brunton – Gitarre
Boz Burrell – Bassgitarre
B.J. Cole – Gitarre
Brian Cole – Gitarre
Mel Collins – Flöte, Saxofon
Steve Dolan – Bassgitarre
Tim Hinkley – Klavier
Don Honeywell – Saxofon
Phil Jump – Keyboards, Hammond-Orgel, Glockenspiel
The Box – Bassgitarre
John Wetton – Bassgitarre, Schlagzeug, Percussion
Keith Tippett – Bassgitarre, Klavier

Produktion

Peter Sinfield und Greg Lake

Trackliste

1. The Song Of The Sea Goat
2. Under The Sky
3. Will It Be You
4. Wholefood Boogie
5. Still
6. Envelopes Of Yesterday
7. The Piper
8. A House Of Hopes And Dreams
9. The Night People

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