Steven Wilson „persönlich“ in Wien (2013)

JERNEJ ČEMAS
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Ort: Wien / Gasometer / Österreich
Datum: 02.11.2013


Steven Wilson ist heute ein Name, der vielen als Sänger/Gitarrist von Porcupine Tree bekannt ist. Viele sehen ihn aber auch als Bewahrer des Erbes des progressiven Rocks der Siebziger im 21. Jahrhundert – also jenes echten progressiven Rocks, der so manchen Blick auf das Erschaffen von Musik verändert hat. Porcupine Tree haben einen recht großen Ruf, der im Prinzip noch größer sein könnte, doch Steven Wilson hat sich für eine Solokarriere entschieden, im Rahmen derer er dieses Jahr sein drittes Solowerk veröffentlicht hat: The Raven That Refused to Sing, das er auf der aktuellen Welttournee promotet. Im Frühjahr fand die erste Europatournee statt, jetzt läuft bereits die zweite, die auch in Wien Station gemacht hat – genauer gesagt im Gasometer, der bis zu 3000 Besucher fasst.

Beim Betreten der Halle war bereits alles vorbereitet. Die Teppiche für Wilson waren gesaugt, auf der Leinwand lief eine Projektion eines Straßengitarristen, der seine Gitarre stimmte, und aus den Lautsprechern war Ambientmusik von Bass Communion zu hören, Wilsons Nebenprojekt. Der Straßenmusiker schaffte es genau um acht, seine Gitarre zu stimmen, woraufhin er Trains von Porcupine Tree zu spielen begann – und genau in diesem Moment betrat Steven Wilson die Bühne und eröffnete sein heutiges Repertoire mit eben diesem Stück. Leider wurde Trains nur akustisch gespielt, trotz der Erwartung, dass der Rest der Band später dazustoßen und dem Stück jene epische Konnotation verleihen würde.

Nach dem angenehmen akustischen Intro betrat die Band die Bühne, die Wilson auf der Tournee begleitet, und startete mit Luminol vom aktuellen Album. Anfangs war nicht alles bis ins letzte Detail zu hören, doch dieser Fehler wurde bald behoben. Steven Wilson trat diesmal ohne den charismatischen Schlagzeuger Marco Minnemann auf, der auf dem letzten Album einmal mehr seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt hatte. Anstelle von Minnemann saß Chad Wackermann hinter dem Schlagzeug, der unter anderem mit Frank Zappa, Steve Vai und anderen angesehenen Musikern gespielt hat. Wilson hätte sein Konzert gar nicht anders durchführen können als mit einem Jazzschlagzeuger, denn das Konzert verlangt vom Drummer enormes Können und Erfahrung. Schon bei Luminol zeigte sich, dass Wilson nur Profis um sich hat. Zunächst stach Bassist Nick Beggs hervor, der mit interessanten Basslinien aufwartete; danach kamen auch die übrigen auf ihre Kosten. Die meiste Aufmerksamkeit galt natürlich Steven selbst, der über die Bühne lief und den anderen Mitgliedern diktierte, wann sie in welchen Teil einsteigen müssen. Zeitweise wirkte Wilson schon etwas zu egozentrisch (manche seiner Gesten wirkten regelrecht narzisstisch), aber irgendwie logisch – schließlich ist Wilson der Produzent seiner Alben und muss auch bei Konzerten alles unter Kontrolle haben. Neben Gesang und Gitarre setzte sich Steven gelegentlich auch ans Mellotron, wo er nur für den Unterbau zuständig war, während die schwerere Arbeit an den Keyboards durchgehend Adam Holzman übernahm.

Schwer zu sagen, wer mit seinem Können mehr herausstach. Viele Augen richteten sich jedenfalls auf Gitarrenvirtuose Guthrie Govan, der heute einer der angesehensten Gitarristen weltweit ist, wie man in vielen Gitarrenmagazinen nachlesen kann. Mit Stücken wie The Holy Drinker, Drive Home und vielen weiteren bewies Govan, dass er wirklich das Maximum aus seiner Gitarre und seinem Verstärker herausholen kann. Noch faszinierender war, dass Govan hervorragend mit den anderen Bandmitgliedern kommuniziert. Viele Soli wurden gemeinsam mit Keyboarder Adam Holzman und Flötist Theo Travis ausgeführt. Zeitweise hatte man den Eindruck, dass Govan mit seiner Gitarre dieselbe Klangfrequenz traf wie die Klarinette von Travis, sodass die Melodie eine weitere Dimension und einen noch epischeren Klang gewann. Bei The Holy Drinker stach auch Bassist Nick Beggs hervor, der sich einen Chapman Stick griff, während Steven zur Bassgitarre wechselte. Dadurch gewann das Stück dank eines weiteren herausragenden Instruments zusätzlich an Dynamik.

Im ersten Teil des Konzerts lag der Schwerpunkt zunächst auf Stücken vom aktuellen Album, dann folgte aber eine titellose Überraschung. Es handelte sich um ein neues Stück, für das Wilson erwähnte, dass es jedes Mal einen anderen Titel trägt – für dieses Konzert nannte er es A Death in the Shadow. Über das Novum wurde gesagt, dass es auf dem neuen Album erscheinen soll, das bereits in Arbeit sei. Das 15-minütige Stück selbst steckte voller Überraschungen und unerwarteter Wendungen. Anfangs wirkte es, als hätte Wilson sich die frühe psychedelische Phase von Porcupine Tree zum Vorbild genommen, die Atmosphäre war recht morbid – doch im weiteren Verlauf zeigte sich, dass Wilson auch die letzten Alben von Porcupine Tree als Inspiration heranzog, die metallischer sind. In der zweiten Hälfte des Stücks waren nämlich kräftige, verzerrte Gitarren und ein schnelleres Schlagzeug zu hören. Kurzum: Das neue Stück bewies, dass Wilson trotz der vielen bisher veröffentlichten Alben noch immer frische Ideen hat. Und hier muss betont werden, dass Wilsons Ideen nach wie vor progressiv klingen.

Nach dem Novum fiel ein Vorhang, auf dem verschiedene Projektionen liefen, während die Band im „Hintergrund“ spielte. Das Publikum bekam The Watchmaker geboten, das anfangs ruhiger Natur ist, sich aber im Verlauf angenehm entwickelt – herausragend war natürlich das Klavier von Adam Holzman, der während des gesamten Konzerts mit verschiedenen Keyboards eine hervorragende Grundlage schuf: Mellotron, Hammond und Minimoog. Holzman wirkte den ganzen Abend, als wäre er beim Konzert ganz in seiner eigenen Welt. Als hätte ihn die Tablette, die er irgendwo in den Siebzigern geschluckt hatte, immer noch nicht losgelassen. Der Vorhang mit den Projektionen verlieh dem Konzert zusätzliche Atmosphäre – mitunter morbid und melancholisch, besonders wenn Stücke von den ersten beiden Alben gespielt wurden, die zum Hören deutlich anstrengender sind als das aktuelle Album. Das liegt wohl an der stärkeren Verwendung von Atonalität und allerlei skurrilen Melodien im Stil von King Crimson.

Der unterhaltsame Teil des Konzerts waren Wilsons Ansagen ans Publikum, die voller Sarkasmus und Zynismus steckten. In der ersten Ansage erzählte Wilson, dass er keinerlei musikalische Ausbildung habe, nicht mal Noten lesen könne, aber voller Ideen stecke, die er den anderen Mitgliedern mitteile – und die dann versuchen, seine Ideen mit ihren Instrumenten umzusetzen. Als Beispiel nannte er einen verlorenen Bonbon, der nachts in den Wald geraten war, und Gitarrist Guthrie Govan versuchte mit einer Melodie auf der Gitarre eben diesen verlorenen Bonbon zu beschreiben. In der zweiten Ansage wies Wilson darauf hin, dass das Mellotron in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Musiker hätten das Mellotron seiner Meinung nach verwendet, um die Klänge klassischer Instrumente nachahmen zu können, ohne dafür ein ganzes Londoner Orchester engagieren zu müssen – obwohl die Mellotron-Klänge alles andere als gut gewesen seien. Die musikalische Lektion mit Adam Holzman war zweifellos lehrreich und unterhaltsam.

Einen Konzerthöhepunkt bildete Raider II vom Album Grace For Drowning, das zwar sehr lang, aber sehr interessant strukturiert ist. Die Melancholie erreichte ihren Gipfelpunkt mit dem Titelstück The Raven That Refused to Sing, zu dem auch die Projektion des animierten Musikvideos lief.

Nach zwei Stunden hatte Wilson noch nicht genug. Man sah dem Publikum die Erschöpfung an, und in der Band wirkte Theo Travis am erschöpftesten, der den ganzen Abend zwischen Querflöte, Saxofon und Klarinette gewechselt hatte. Dennoch musste noch einmal Kraft für Remainder the Black Dog aufgebracht werden – erneut vom Album Grace For Drowning.

Wilson kündigte schließlich an, das Konzert zu beschließen, und man solle keinen Hit von ihm erwarten, denn er habe noch nie einen geschrieben (obwohl in der Diskografie von Porcupine Tree durchaus einige potenzielle Radiohits zu finden sind). Wilson entschied sich für einen anderen Abschluss, was zweifellos eine Überraschung war: gespielt wurde noch ein weiteres Novum mit dem Titel Happy Returns. Dazu meinte Wilson, vielleicht werde dieses Stück ja ein Hit … In einer Paralleldimension. Doch irgendwie zeigte sich am Ende, dass das Stück alle Attribute hat, ein Hit zu werden – eine eingängige Melodie, schöner melodischer Gesang und ein emotionaler Text. Als wolle er etwas Ähnliches wie Trains anbieten, mit dem er das Konzert eröffnet hatte.

Schwer vorstellbar, dass Steven Wilson gleich zwei neue Stücke spielen würde, obwohl seit dem letzten Album noch kein Jahr vergangen ist. Hier tauchte aber die zentrale Kontroverse auf: Es war offensichtlich, dass Wilson Porcupine Tree noch eine Weile nicht wiederbeleben will – andererseits hatte er sich mit den zwei neuen Stücken aufgrund ihrer Ähnlichkeit Porcupine Tree deutlich angenähert.

Steven Wilson hat nicht enttäuscht. Er präsentierte sich im professionellsten Licht mit außergewöhnlichen Musikern, die man nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Obwohl die Aufmerksamkeit oft auf Wilson selbst gerichtet war, wurden die anderen Mitglieder nicht vernachlässigt. Das Team war eingespielt, irgendwelche Ausreißer waren nicht zu verzeichnen. Ähnliches wie für Porcupine Tree lässt sich auch über seine „Solo“-Auftritte sagen. Man konnte erstklassige Musiker mit hervorragender Bühnenproduktion erleben. Über dieses Konzert könnte man eine wirklich ausführliche Analyse schreiben, aber auch damit würde man nicht zum Kern vordringen. Der Kern ist, dass ihr ein Konzert von Steven Wilson genauso wie Porcupine Tree einfach erlebt haben müsst.

Autor: Primož Novak
Fotos: Jernej Čemas

Setliste:

  1. Trains (akustische Version)
  2. Luminol
  3. Postcard
  4. The Holy Drinker
  5. Drive Home
  6. Unbenanntes neues Stück (Arbeitstitel A Death in Shadows)
  7. Watchmaker
  8. Index
  9. Sectarian
  10. Harmony Korine
  11. Raider
  12. The Raven That Refused to Sing
  13. Remainder the Black Dog
  14. Happy Returns
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