Step 2 My World
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Seven Steps To The Green Door
Label: Progrock Records
Erschienen: 2008
Laufzeit: 65:49
Wertung: 3.5/5
Die Deutschen Seven Steps To The Green Door sind eine junge Progressive-Rock-Band, die mit ihrem Debüt „The Puzzle“ erstmals auf sich aufmerksam machte. Obwohl „Step 2 My World“ erst ihr zweites Album ist, haben sie sich bislang — vor allem dank ihrer Eigenständigkeit — bereits viel Lob in progressiven und experimentellen Musikkreisen geholt. Außerdem stehen sie auf der Liste der Erstplatzierten eines renommierten deutschen Musikfestivals, wo sie als aufstrebende Band im Rock- und Pop-Bereich ausgezeichnet wurden.
Seven Steps To The Green Door gehören definitiv nicht zum heute vorherrschenden Typ von Progressive-Rock-Bands, die meistens entweder aus dem Symphonic Prog oder dem Progressive Metal schöpfen. Ihr musikalisches Bild weicht den Genregrenzen aus — sie überschreiten diese regelmäßig. Dabei mischen sie Elemente verschiedener, scheinbar völlig unvereinbarer Genres auf die denkbar wildeste Art und Weise: Symphonic Rock, Art Rock, Metal, Pop, Jazz, Elektronik und sogar Rap. Für solche eklektischen Unternehmungen braucht man echten Mut, und daran mangelt es den Jungs und dem Mädel der Band ganz und gar nicht. Den Begriff Progressivität nehmen sie sehr ernst — statt wie die meisten zeitgenössischen Bands auf die schon fast klischeehaften Phrasen aus dem reichen Erbe des Symphonic Prog oder Prog Metal zurückzugreifen, sprengen sie lieber die Grenzen einzelner Genres. Dabei zeigen sie sehr gute kompositorische Qualitäten, denn aus so verschiedenen Genre-Mosaiksteinchen könnte schnell ein totales Durcheinander entstehen.
Auch auf ihrem neuesten Werk begibt sich die Band in völlig verschiedene musikalische Extreme. In einzelnen Kompositionen spielen sie am liebsten mit dem Ineinandergreifen verschiedener polyrhythmischer Muster, melodischer Vokalharmonien und verrückter Jazz-Phrasen. Manchmal folgt auch eine zarte balladenhafte Sektion — die im nächsten Moment völlig unerwartet von metallenem Ansturm mit messerscharfen Riffs und Double-Bass-Pedal unterbrochen werden kann, oder von einem kurzen, unaufdringlichen Rap-Part, der über eine sanfte Melodie gelegt wird. Genau das ist das Interessanteste: wie es ihnen gelingt, die vokalen Elemente des Rap — den so mancher Prog-Purist nicht mal als Musikrichtung anerkennen würde — in eine Komposition so einzuweben, dass sie keinen einzigen Moment nervig wirken. Trotz all dieser Experimentierfreude verlieren die Kompositionen nie den roten Faden, und die Genrevielfalt sorgt dafür, dass man auch nach unzähligen Durchläufen immer noch etwas Neues entdeckt.
Zu Gunsten ihrer Originalität spricht auch, dass sie in ihren Texten und bestimmten Arrangements einen sarkastischen Sinn für Humor nicht verbergen — was in der modernen progressiven und experimentellen Musik eine ziemliche Seltenheit ist. Ihre Neigung zu Klamauk sowie persönlicher und gesellschaftlicher Satire zeigt sich auch im Booklet. Dort sieht man, wie die Bandmitglieder sich per Fotomontage zu Winzlingen geschrumpft und in einem botanischen Garten versteckt haben, wo Schnecken, Insekten und ihr zahmes Frettchen Lane in der Rolle einer gefährlichen Bestie auf sie lauern. Ein Großteil der lyrischen Inhalte des Albums dreht sich in erster Linie um den Rückzug der Menschen in ihre eigene „Mikrowelt“, wo sie vor der verrückt gewordenen modernen Gesellschaft nach einem Hauch spirituellen Friedens suchen. Die Band ist, wie schon ihr Name andeutet, auch von einem starken ökologischen Bewusstsein durchdrungen.
Die Hauptqualität der Band liegt meiner Meinung nach in ihrem Sinn für das Erschaffen ausgezeichneter Vokalharmonien — von allen drei Sängern. Diese sind ebenso überzeugend, wenn sie solo auftreten, und ihre stimmlichen Fähigkeiten taugen für zahlreiche verschiedene Musikstile. Besonders hervorzuheben ist dabei Anne Trautmann, die über einen außergewöhnlich warmen und lyrisch reichen Gesang verfügt, der den Kompositionen den Löwenanteil an subtiler emotionaler Intensität verleiht. Natürlich darf man auch ihre hervorragenden instrumentalen Fähigkeiten keineswegs übersehen — vor allem im Bereich saftiger symphonischer Arrangements und des vielseitigen Einsatzes der Rhythmusgitarren. Überzeugend sind sie auch beim Verbinden moderner Produktion mit klassischen Klangphrasen auf Piano, Hammond-Orgel, Moog und Rhodes-Synthesizer, die ebenfalls unverzichtbar für das emotional reiche Ambiente sind. Trotz der vorherrschenden modernen Produktion hat man oft das Gefühl, die Band sei irgendwo aus den 70ern hergezaubert worden — als die meiste Musik noch mit Herzblut gespielt wurde. Einzelne Kompositionen herauszuheben fällt schwer, denn jede von ihnen ist qualitativ hochwertig und ein eigenes Kapitel für sich. Besondere Aufmerksamkeit verdienen meiner Meinung nach der Opener „New Rising“, der Titelsong und „Out Of Clouds“. Alle drei sind perfekte Beispiele ihres musikalischen Stils.
„Step 2 My World“ ist ein Album, das vor allem jene Musikgenießer begeistern wird, die auch nach vielen Durchläufen noch immer etwas Neues entdecken wollen. Seven Steps To The Green Door beweisen mit ihrer Verweigerung klarer Genregrenzen, dass sie eine Band aus dem richtigen Holz geschnitzt sind — eine, mit der man in den kommenden Jahren noch ernsthaft rechnen muss. In vielerlei Hinsicht verkörpern sie eine positive Richtung, was die Zukunft des Progressive Rock und der experimentellen Musik im Allgemeinen betrifft. Außerdem sind sie auch für die deutsche Progressive-Rock-Szene äußerst wichtig, wo es zuletzt an Bands gemangelt hat, die den Mut hatten, etwas Frisches anzubieten und aus den gewohnten Neo-Prog- und Prog-Metal-Schienen herauszutreten. Seven Steps To The Green Door sind eine Band mit einem außergewöhnlichen Gespür — sowohl für ältere als auch für zeitgenössischere musikalische Einflüsse. Dabei vergessen sie nie, sich vor der klanglichen Tradition der Giganten der experimentellen Musik zu verneigen.
Besetzung
Marek Arnold – Keyboards, Saxofon, Klarinette, elektronisches Blasinstrument, Programmierung
Ulf Reinhardt – Schlagzeug und Perkussion
Heiko Rehm – Bassgitarre
Andreas “Eddy†Gemeinhard – E-Gitarre und Akustikgitarre
Anne Trautmann – Gesang
Ronny Gruber – Gesang
Lars Köhler – Gesang
Produktion
Marek Arnold und Ulf Reinhardt
Trackliste
1. New Rising
2. Stay Beside
3. Step Into My World
4. Melissa
5. My Lovely Mr. Singing Club
6. Attract Me
7. Paid for Glance
8. Moon Talks to Me
9. Rising Shore
10. Closer
11. Out of Clouds
12. The Making Of