Starless And Bible Black

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: King Crimson
Label: Discipline Global Mobile
Veröffentlichung: 1974
Bewertung: 5/5

Fans von Improvisationen – das hier ist euer Album! Mit „Starless and Bible Black“ haben King Crimson eines ihrer experimentellsten und innovativsten Alben geschaffen. Das Besondere an diesem Album: Es wurde fast komplett live aufgenommen, mitten auf der Konzerttour 1973 – nur zwei Songs („The Great Deceiver“ und „Lament“) stammen aus dem Studio. Klangliche Unterschiede zwischen den Studio- und den Live-Aufnahmen hört man überhaupt nicht heraus. Wie bei den meisten King-Crimson-Alben klingt auch hier alles unglaublich lebendig, und trotzdem hat man klar das Gefühl, ein Studioalbum zu hören. Gleichzeitig gibt es weniger Gesang und weniger melodische Parts als auf den meisten ihrer Platten, was für den durchschnittlichen Hörer eine etwas größere Herausforderung ist – aber das sind die meisten King-Crimson-Hörer zum Glück ohnehin nicht. Auch wenn John Wetton gesanglich auf diesem Album noch einen Schritt nach vorn gemacht hat, sind es seine aggressiven Basslinien, wegen denen das Album für alle Pflicht ist, die selbst dieses Instrument spielen. Heute ist das schwer zu glauben, aber damals galt Wetton eher als großartiger Bassist denn als Sänger. „Starless and Bible Black“ ist unter anderem auch das letzte Album des avantgardistischen Violinisten David Cross, auch wenn er auf dem nächsten Album noch als Gastmusiker mitwirkte. Seine Rolle ist hier etwas kleiner als auf „Larks‘ Tongues in Aspic“ (1973). Bis zu diesem Album gelang es King Crimson endlich, den Großteil der Besetzung des Vorgängers zu halten – mit Ausnahme von Drummer und Percussionist Jamie Muir. Diese Version der Band war bis dahin schon eine gut geölte Maschine, denn die Harmonie zwischen den Instrumentalisten ist auf dem Album auf einem herausragenden Niveau. Der Verlust des charismatischen Muir fällt kaum auf, denn Bill Bruford zeigt hier einige seiner besten Momente, und die meisten „Kenner“ wissen, dass es davon in seiner bunten Karriere so einige gab. Er ist ein Schlagzeuggenie, das herausragende rhythmische Passagen auf den Drums erschafft und Schlagzeug spielt wie Keyboards. Das wichtigste Element der Band ist aber natürlich auch hier ihr Chef Robert Fripp, der wieder nicht mit seiner Gitarrenkunst geizt – das Album enthält eine ganze Reihe seiner unverkennbaren Soli, darunter einige seiner besten überhaupt. Das Mellotron nimmt dagegen merklich weniger Raum ein als auf den früheren Alben, was auch Platz für Cross‘ Keyboards schafft. „Starless and Bible Black“ ist noch druckvoller und unberechenbarer als „Larks‘ Tongues in Aspic“ (1973), mit zahlreichen Rhythmuswechseln, explosiven Gitarrenriffs, eleganter Violine und atmosphärischen Mellotron-Klängen, die sich über weite Teile des Albums ausbreiten. Oft findet man all das innerhalb einzelner Kompositionen. Auch diesmal ist stellenweise, vor allem bei den Improvisationen, diese düstere, apokalyptische Stimmung präsent, zu der die Band mit dem Vorgängeralbum „Larks‘ Tongues in Aspic“ (1973) zurückzukehren begann und die sie mit „Red“ (1974) zu Ende entwickelte. Während „Larks‘ Tongues in Aspic“ textlich von zwischenmenschlichen Beziehungen handelte, genauer gesagt vom Verhältnis zwischen den Geschlechtern, beschäftigen sich die Texte auf „Starless and Bible Black“ vor allem mit gierigen Plattenfirmen und der falschen Welt aus Glitzer und Ruhm der Popmusiker. Das lässt schon Fripps Besessenheit von der Korruptheit der Plattenfirmen anklingen – und deutet auf den Grund hin, warum sich die Band kurz nach dem Nachfolger dieses Albums (zum ersten Mal) auflöste

„The Great Deceiver“ ist eine echte Eröffnungsexplosion. Eine unglaublich dynamische Komposition, in der Fripps gewundene Gitarrensoli wie ein Saxofon klingen, unterlegt von Wettons aggressiver Basslinie sowie Cross‘ Kunststücken an Violine und Keyboards. Wetton singt zwischendurch einen zynischen Text über die materiellen Güter der Welt berühmter Musiker (Eiscreme, Cadillacs, Zigaretten…) – einer seiner besten Gesangsmomente mit der Band. In den Übergängen klingt seine Stimme so sarkastisch wie nie wieder danach. „The Great Deceiver“ ist ein Stück, in dem man alle besten musikalischen Zutaten der Band findet, hier noch mit einer Prise schwarzem Humor gewürzt.

Es folgt ein direkter Übergang ins zunächst ungemein melancholische „Lament“. Es beginnt als Ballade, getragen von Wettons wehmütigem Gesang, Cross‘ Violine und Fripps atmosphärischem Anschlagen einer einzelnen Saite, verwandelt sich am Ende aber in einen noch härteren Song als sein Vorgänger. Im zweiten Teil zeigt Wetton seine herausragende Beherrschung des Basses, während Bruford mit seinen schnellen Drum-Übergängen glänzt. Fripp schüttelt seine „metallischen“ Soli, so typisch für ihn, wie nebenbei aus dem Ärmel. Der Song steigert sich bis zum Klimax, dann kommt plötzlich das Ende – eines der Hauptmerkmale der Band, die Meisterin der Spannung und ihrer jähen Entladung. Ab diesem Moment sind alle übrigen Stücke auf dem Album bei Konzerten aufgenommen. Die meisten davon wurden natürlich im Studio zusätzlich „nachbearbeitet“.

„We’ll Let You Know“ ist die erste Improvisation auf dem Album, bei der das avantgardistischste und obskurste Gesicht der Band in den Vordergrund tritt. Das Hauptmerkmal dieses kurzen „Improvs“ ist die rhythmische Funk-„Gymnastik“ auf Percussion und rauem, extrem aggressivem Bass sowie Fripps Gitarre, die durch einen Wah-Wah-Effekt geschickt wird. Bei dieser Improvisation muss man vor allem wieder Wettons Bassspiel hervorheben. Zweifellos war er einer der herausragendsten Bassisten seiner Zeit.

„The Night Watch“ ist eine der besten und atmosphärischsten epischen Balladen der Band, mit extrem romantischer Stimmung. Sie beginnt mit einem langsamen Intro auf großartiger Percussion, Mellotron und Violine. Fripps herausragende Terzsoli erzeugen über den ganzen Song hinweg eine ausgeprägte Melancholie. Wettons ausgezeichneter, melodramatischer Gesang, voller Charisma, kann keinen Hörer kaltlassen. „The Night Watch“ zeigt die elegante und zartere Seite der Band und jenen Aspekt, der den Hörer daran erinnert, wer die Väter des symphonischen Progressive Rock waren. Der Song ist übrigens von Rembrandts berühmtem Gemälde inspiriert und damit ein weiterer Beweis dafür, wie King Crimson bei bestimmten Gelegenheiten ihre Musik auf wunderbare Weise mit anderen Kunstformen verbanden. Interessant und für King-Crimson-Verhältnisse etwas ungewöhnlich: „The Night Watch“ wurde als Single veröffentlicht. King Crimson waren nämlich nie eine Band, die viel auf Singles gegeben hätte. Von der musikalischen Struktur her steht „The Night Watch“ für ihren epischen, symphonischen und romantischen Stil, den sie in dieser Phase nach und nach hinter sich ließen.

„Trio“ ist eine Instrumentalkomposition ohne Gesang, in der das Können aller Mitglieder am besten zur Geltung kommt. Im Kern ein äußerst zartes Instrumental voller klassischer Motive, in dem Cross‘ Violine viel Raum bekommt und vor allem mit ihrer wunderschönen Stimmung begeistert, die zeitweise sogar leicht orientalisch klingt. Ist der Titel des Stücks vielleicht eine Vorahnung der Zahl der Bandmitglieder, die nach Erscheinen dieses Albums und dem Ende der Tour noch übrig bleiben sollten?

„The Mincer“ ist eine aufwühlende, fast schaurige Improvisation mit apokalyptischer Stimmung, die zu den avantgardistischsten Werken der Band zählt. Sie baut größtenteils auf gespenstischen Mellotron-Klängen auf. Gegen Ende des Stücks hört man Wettons absichtlich entfernten und schaurigen Gesang, der zeitweise wie ein Wiegenlied aus einem Albtraum klingt. Diese Improvisation ist laut Fripp seinem „liebsten“ Musikkritiker gewidmet, mit dem er sich über Jahre in den Haaren lag.

Die Titelimprovisation „Starless And Bible Black“ ist die erste von zwei längeren Improvisationen auf dem Album. Auch wenn es hier einige atemberaubende rhythmische Passagen gibt, ist es vor allem Fripps Gitarre, die die apokalyptische Stimmung erzeugt, welche von Minute zu Minute wächst. Die Melodie wird hier komplett in den Hintergrund gedrängt. Auf jeden Fall ist das eines der experimentellsten und ungewöhnlichsten Werke der Band, das bei jedem Hören einen anderen Eindruck hinterlässt. Die meisten Titelstücke von King Crimson gehören zu ihren besten Werken beziehungsweise Klassikern, bei „Starless And Bible Black“ könnte man aber sogar sagen, dass es ihr avantgardistischstes Werk ist, das mit einer außergewöhnlichen Atmosphäre begeistert, die aus den instrumentalen Parts der einzelnen Musiker aufgebaut wird. Trotz des Titels hat es musikalisch nichts mit dem majestätischen Epos „Starless“ vom nächsten Album „Red“ (1974) zu tun.

„Fracture“ ist ohne Zweifel eine der besten Improvisationen, die die Band je geschaffen hat, und ein unglaublicher Beweis für Fripps Gitarrengenie. Nach einem extrem experimentellen Intro entwickelt es sich zu einer Komposition voller Farben, die zugleich außergewöhnliche Technik, Intelligenz und Raffinesse im Gitarrenspiel widerspiegeln. Das Ende ist ganz im perfekten, traditionell apokalyptischen Stil der Band. Viele Jahre später nahm die Band auch eine modernere Version dieser Improvisation auf, was wohl ebenfalls ein Beleg dafür ist, dass es zu Fripps Lieblingsstücken gehört. Das wundert nicht, denn eine bessere Demonstration von Fripps Gitarrenkünsten als eben „Fracture“ gibt es wohl nicht – manchmal hat man das Gefühl, drei Gitarristen würden gleichzeitig spielen! So muss sich der Hörer regelmäßig daran erinnern, dass die Gitarre in diesem Stück nur Fripp spielt. Es fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie komplex und anspruchsvoll die Gitarrenparts in dieser Improvisation sind und was für ein außergewöhnlicher Gitarrist Fripp ist. „Fracture“ ist der beste Beweis dafür, warum er einer der besten Gitarristen aller Zeiten ist.

Wie alle Alben aus der klassischen Phase der Band ist auch „Starless and Bible Black“ ein Werk, das seiner Zeit voraus war. Weil es zwischen den beiden Klassikern „Larks‘ Tongues in Aspic“ (1973) und „Red“ (1974) erschien, bleibt es bei den meisten Fans der Band das am meisten übersehene Album der „Wetton-Ära“, doch das schmälert weder seine Qualität noch seine große Bedeutung für die Entwicklung moderner, innovativer Musik. „Starless and Bible Black“ zeigt nämlich genau das, wie solche Musik sein sollte: ungewöhnlich und schön zugleich. Wenn ihr Gitarrist, Bassist seid oder irgendein Instrument spielt, müsst ihr dieses Album unbedingt hören. Es spiegelt die ganze Intelligenz des Komponierens und Spielens dieser durchweg hervorragenden Musiker wider, die auf wunderbare Weise wilde Energie mit außergewöhnlicher Schönheit und Intelligenz verbanden. Das ist ein Album, das den Hörer auch nach mehrmaligem Hören enorm belohnt und ohne Zweifel zu den besten Werken der Band gehört.

Besetzung

John Wetton – Gesang, Bassgitarre
Robert Fripp – Gitarre, Mellotron, devices
Bill Bruford – Schlagzeug
David Cross – Violine, Viola, Keyboards

Produktion

King Crimson

Tracklist

1. The great deceiver (4:02)
2. Lament (4:00)
3. We’ll let you know (3:46)
4. The night watch (4:37)
5. Trio (5:41)
6. The mincer (4:10)
7. Starless and bible black (9:11)
8. Fracture (11:14)

Spielzeit: 46:41

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