Stand Up
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Jethro Tull
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1969
Bewertung: 4/5
Nach dem bluesigen Einstieg mit „This Was“ (1968) entschieden sich Jethro Tull auf „Stand Up“ für einen Wechsel in Sound und musikalischer Ausrichtung. Das bedeutete, die Blues-Elemente nach und nach fallen zu lassen und in folkige Hardrock-Gewässer abzubiegen – zugleich der Beginn ihres Wegs in Richtung Prog Rock. Dieser wichtige Schritt kam zweifellos mit dem Abgang des klassischen Blues-Gitarristen Mick Abrahams, dem die neue Richtung der Band nicht schmeckte, und mit dem Einstieg seines Ersatzes Martin „Lancelot“ Barre. Damit machte die Band den wichtigsten Zug ihrer Geschichte. Als deutlich vielseitigerer Gitarrist als sein technisch zwar ebenfalls hervorragender Vorgänger brachte Barre der Band jenen unverwechselbaren Sound, den sie bis heute hat. Neben Ian Anderson wurde Barre über die Jahre zum unersetzlichen Mitglied der Band (und ist neben ihm das einzige feste), die sich gerade auf „Stand Up“ komplett neu erfand. Barre war nämlich viel weniger auf Blues gepolt als Abrahams, seine Gitarrenlinien sind deutlich härter, stellenweise sogar hardrockig. Und genau das trug am meisten zur wichtigen Veränderung im Sound der Band bei. Der zentrale Musiker und ungekrönte Boss der Band, Ian Anderson, war bis „Stand Up“ schon zu einem außergewöhnlichen Multiinstrumentalisten herangewachsen (auf dem Album spielt er stolze acht Instrumente), am stärksten ist er aber wie gewohnt beim Gesang und an der Flöte. Gerade als Flötist war er schon damals eine Klasse für sich. Klar, auf einzelnen Songs bleiben die Blues-Einflüsse noch spürbar, aber im Großen und Ganzen ist die Band auf „Stand Up“ viel komplexer geworden (ihr Mix aus Folk, Blues, Jazz und klassischer Musik mit Rock wurde hier noch tiefer), härter (dank Barres Gitarre) und vor allem raffinierter (herausragende Instrumentalisten und Meister der Atmosphäre – und die großartige Rhythmusgruppe Cornick-Bunker darf ich nicht unerwähnt lassen). Das Album enthält drei Klassiker, „Bouree“, „Nothing’s Easy“ und „Fat Man“, die bis heute fester Bestandteil ihrer Auftritte sind. Auch sonst gibt es auf dem Album keinen einzigen schwachen Moment, und es wäre verdammt schwer, den besten Song darauf zu nennen, denn jeder ist auf seine Art ein Meisterwerk, während andererseits keiner so richtig aus der Masse herausragt.
„A New Day Yesterday“ ist ein glänzender „heavy“ Blues-Rocker zum Einstieg, in dem vor allem Barre mit seinen aufgedrehten Riffs und Soli glänzt, die ein völlig anderes Lied sind als bei seinem Vorgänger. Er hat die meisten Verdienste dafür, dass die Band auch bei vielen Fans von „härterem“ Rock gut ankommt, und das merkt man hier schon sofort. Der Song wird natürlich von Andersons unverkennbar charismatischem Gesang und seinem verschmitzten Flötenspiel getragen, und auch seine Mundharmonika steuert ihren Teil zum Blues-Sound des Songs bei. Der Song ist bis heute bei den Fans der Band enorm beliebt. „Jeffrey Goes To Leicester Square“ ist nach „A Song For Jeffrey“ (This Was, 1968) ein weiterer Song, der Ians Freund und dem späteren Tull-Bassisten Jeffrey Hammond-Hammond gewidmet war. Das ist ein charmanter Folk-Rock-Song, der vor allem mit dem Zusammenspiel von Andersons bluesig angehauchtem Gesang und Barres Soli begeistert. Auch Ians Einsatz der Mandoline ist geschmackvoll. Das Instrumental „Bouree“ ist eine großartige jazzige Adaption eines Klassikers von J. S. Bach. Es ist eines der ersten und besten Beispiele dafür, wie Rock auf wunderbare und enorm witzige Weise mit klassischer Musik „gespielt“ hat. Ian raubt dem Hörer hier mit seinen lebhaften, so typischen Flötensoli regelrecht den Atem. Besonders begeistert aber Cornicks großartiges Basssolo, bei dem man sich wirklich alle zehn Finger ablecken kann. Die Band hat es geschafft, eine tolle Version einer klassischen Komposition zu machen und damit einen eigenen Klassiker zu schaffen, der in ihrem Live-Repertoire bis heute unersetzlich ist. Das witzige, aber auch angespannte „Back to The Family“ lebt vor allem vom Zusammenspiel zwischen Barres jazzig ausgerichteter Gitarre und Cornicks Bass. Ians Gesang ist auf diesem Song meiner Meinung nach sogar der beste auf dem ganzen Album. „Look Into the Sun“ ist einer der meistübersehenen Songs der Band. Ein lockerer Folk-Rocker mit einem Intro auf der Akustikgitarre und einem leicht psychedelischen Unterton, vor allem wegen Ians Gesangsweise. Auch wenn ich ihn kaum als vergessenen Klassiker bezeichnen würde, fängt er in seiner Stimmung doch hervorragend den Geist der Zeit ein, also des Endes der 60er. „Nothing Is Easy“, das in einem echten Blues-Rhythmus durchgespannt ist, ist einer der besten Songs auf dem Album und auch sonst bei den Fans der Band enorm beliebt, ein Song, der eher der Psychedelik nahekommt als Folk Rock oder Blues. Bassist Cornick begeistert hier wieder an seinem Bass, und beim Hören dieses Songs überkommt mich immer wieder die Erkenntnis, dass er einer der meistübersehenen Bassisten seiner Zeit war, auch wenn am Ende Barre mit seinen Soli der große Gewinner ist. Die Instrumentalparts und die Rhythmusgruppe im Song sind insgesamt einfach mitreißend, und obendrein hat der Song auch noch einen tollen Refrain. Der bluesige „Fat Man“ ist dem früheren Gitarristen Abrahams gewidmet, der offenbar eine beliebte Zielscheibe von Andersons Witzen war. Der Song ist auch sonst, vor allem wegen Ians Mundharmonika, am ehesten den Stücken von ihrem Debüt ähnlich. Er ist einzigartig und begeistert mit Ians witzigem Gesang, Mandoline und Balalaika sowie Bunkers bildhafter Percussion. Den „Dicken“ vergisst die Band nur selten auf ihre Setlist zu setzen. Das melodramatische, folkrockige „We Used To Know“ setzt vor allem auf die Akustikgitarre. In der Stimmung ist es komplett anders als alle anderen Songs auf dem Album und deutet mit seiner ausgeprägten Melancholie an, wohin die Band mit ihren nächsten Alben („Benefit“, „Aqualung“ usw.) gehen würde. Ians Gesang ist wunderbar, Barres Solo gehört zu den besten auf dem Album, sodass ich es getrost zu ihren vergessenen Klassikern zählen kann. „Reasons For Waiting“ ist eine außergewöhnlich schöne Folk-Ballade, die vor allem mit einer außergewöhnlich schönen Flöte und den Orchesterarrangements von David Palmer begeistert. Cornicks Bass steht für einen Folk-Rock-Song unglaublich weit im Vordergrund. Dieser Song ist eigentlich eine Art Vorgeschmack auf ihre Folk-Rock-Nummern, die in Zukunft mit „Songs From the Wood“ (1977) ihren Höhepunkt erreichen sollten. Das abschließende „For a Thousand Mothers“ ist wieder ein deutlich aufgedrehterer Song, der sich mit Zimbeln und einer ruppigen Flöte öffnet und in eine komplexe, größtenteils instrumental ausgerichtete Nummer mündet. Ians Gesang ist hier interessanterweise in der Produktion in den Hintergrund geschoben, sodass vor allem das Können der einzelnen Instrumentalisten zur Geltung kommt. Hier lassen die Bandmitglieder ihren Instrumenten freien Lauf, und man spürt tatsächlich eine außergewöhnliche Geschlossenheit innerhalb der Band.
Die Neuauflage von „Stand Up“ enthält auch vier Bonustracks. Drei davon erschienen schon auf der beliebten Kompilation „Living in the Past“ (1972), nämlich der Klassiker „Living in the Past“, der bluesig ausgerichtete „Driving Song“ und der angespannte „Sweet Dream“, während der psychedelische „17“ für die Hörer erstmals verfügbar ist. Alle genannten Songs entstanden in der „Stand Up“-Phase. „Living in the Past“ mit seiner ungewöhnlichen 7/8-Struktur und der dramatische Heavy-Rocker „Sweet Dream“ sind Klassiker der Band, die den meisten Fans nicht extra vorgestellt werden müssen (mehr dazu in der Rezension zu „Living in the Past“). Alle Bonustracks sind kurz gesagt hervorragend und werden bestimmt alle Sammler und Fans der Band freuen.
„Stand Up“ ist das Album, auf dem Jethro Tull ihre wahre Bestimmung fanden und sich als eine Band erkannten, die dazu neigt, ständig neue musikalische Horizonte zu erkunden und dabei, vor allem dank Andersons charakteristischem Gesang und der Flöte sowie Barres Gitarre, die ganze Zeit ihren schon von Weitem erkennbaren Sound beibehält. „Stand Up“ belohnt den Hörer mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Heavy Rock, Folk, klassischer Musik, Blues und Jazz, stets in kompakte Grenzen gepackt, vor allem was die Länge der Songs angeht. Es ist schlicht unglaublich, wie frisch dieses Album noch heute klingt. „Stand Up“ bedeutete für die Band auch einen enormen kommerziellen Erfolg, denn es brachte ihnen Platz 1 der britischen Charts der damaligen Veröffentlichungen ein. Ian sagte sogar einmal, dass es sein liebstes Tull-Album sei. Zweifellos ist es ihr erster Klassiker, eines der besten Werke der Band und die Grundlage, auf der sie ihren weiteren musikalischen Ausdruck aufzubauen und zu verfeinern begannen. Auch wenn es bei Weitem nicht ihr bestes Album ist, denn später schufen sie noch eine ganze Reihe interessanterer und fortschrittlicherer Werke, wäre „Stand Up“ wohl dasjenige, das ich jemandem zum Hören geben würde, der ihre Musik gerade erst kennenlernt.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre, Hammondorgel, Klavier, Mandoline, Balalaika, Bouzouki, Mundharmonika
Martin Barre – E-Gitarre, Flöte auf „Jeffrey Goes To Leicester Square“ und „Reasons For Waiting“
Glenn Cornick – Bass
Clive Bunker – Schlagzeug, Percussion
Gastmusiker:
David Palmer – Streicherarrangement und Dirigat auf „Reasons For Waiting“
Produktion
Ian Anderson und Terry Ellis
Tracklist
1. A New Day Yesterday (4:10)
2. Jeffrey Goes To Leicester Square (2:12)
3. Bourée (3:47)
4. Back To The Family (3:48)
5. Look Into The Sun (4:21)
6. Nothing Is Easy (4:26)
7. Fat Man (2:52)
8. We Used To Know (4:00)
9. Reasons For Waiting (4:06)
10. For A Thousand Mothers (4:13)
Spieldauer des Albums: 37:55
Bonustracks der Neuauflage:
11.Living in the past* (3:23)
12.Driving Song* (2:44)
13.Sweet Dream* (4:05)
14.17* (3:07)