Srce v kovčku
Interpret: Jure Ivanušič & NORDunk
Label: Celinka
Veröffentlichung: 2011
Laufzeit: 44:09
Wertung: 4.5/5
Jacques Brel gehört neben Georges Brassens, Camille Dalmais, Edith Piaf, Olivie Ruiz zu den größten und repräsentativsten Vertretern der Chanson.»Srce v kovčku« ist eine »slowenische Transkription« des berühmten Werks des legendären belgisch-französischen Chansoniers, untermauert durch eigene Übersetzungen. Das ursprünglich »Le coeur dans une valise« betitelte Werk zeichnet das Leben von Jacques Brel nach, von den frühen Reifejahren über den Erfolg bis zum Rückzug, wo er seine letzten Jahre auf Tahiti verbrachte. Für die Übersetzungen aus dem Französischen ins Slowenische hat sich in erster Linie Jure Ivanušič gekümmert, ein wenig Unterstützung »erbat« er sich in dieser Hinsicht auch von den Werken von Janez Menart (Obupanci, Pesmi okna) und Dušan Velkavrh. Letzterer steuerte die Übersetzung für das Stück Ne zapusti me (Ne me quitte pas) bei, das für die Vokalinterpretation von Majda Sepe gedacht war. Dieses Stück haben in ihren Versionen auch Nina Simone und Sting gecovert, und auch Brels Zeitgenossin Edith Piaf hat es aufgeführt.
In dieser Hinsicht erfindet Ivanušič also das Rad nicht neu, doch wenn wir uns auf den slowenischen Kulturpuls beschränken, bringt dieses neue kreative Abenteuer von ihm zweifellos einen markanten Stein ins Mosaik und ist ein schöpferisches Glanzstück auf der slowenischen Szene. Wie beliebt es ist, einen beliebigen Standard von Jacques Brel zu bearbeiten, beweist auch der Hit »Seasons in the Sun« des kanadischen Singer-Songwriters Terry Jack, der 1974 Brels Le Moribond (Umirajoči) auf den Kopf stellte. Auch letzteres ist auf »Srce v kovčku« enthalten.
Ivanušič musste für diese Gelegenheit seinem artistischen Reservoir wirklich alle seine Talente abringen, die sich in der einzigartigen Rolle des bis heute geschätzten und anerkannten slowenischen Künstlers, Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors, Komponisten und — was in diesem Text wesentlich ist — Keyboarders sowie Chansoniers verkörpern. Angesichts der enormen Erfahrung, die dieser Künstler hinter sich hat, des bewiesenen Artismus früherer Werke, die mit ihren tiefgründigen Lösungen und Adaptionen wirklich niemanden kalt lassen, und der nachgewiesenen Tradition der Interpretation (oder Reinterpretation, wenn man so will), ist der Bissen, den sich Jure Ivanušič diesmal zum Ziel gesetzt hat, zweifellos ein ambitionierter Schritt — eine Art neuer Weg des Selbst-Herausforderns des kreativen Radius von Ivanušič, so wie seine künstlerische Sprache ihn versteht, die Erkundung noch unerforschter Dimensionen eben dieser und das Setzen neuer Maßstäbe, die den eigenen artistischen Radius des Künstlers nur erweitern und ihm neuen Wert, neue Qualität hinzufügen.
Während Brel ursprünglich von Arrangements aus Piano, Akkordeon und den Streichern eines Begleitorchesters begleitet wurde, hat Ivanušič, der beim Rearrangen ansonsten den Hauptstrukturen der Originalmelodien treu geblieben ist, den Einsatz von Piano, Bläsern und Akkordeon in den Vordergrund gerückt, die den Großteil der Klangkulisse und neben der vokalen Interpretation auch die Atmosphäre der Lieder tragen. In dieser Hinsicht hat er ohne Streicher sogar zusätzlich das Element der charakteristischen Eigenheiten des Melos des französischen Kabaretts betont und hervorgehoben. Der Löwenanteil der harten Arbeit für dieses Projekt, das viele Jahre gereift ist und dessen konzeptuelle Anfänge bis in die Neunziger zurückreichen, entfiel auf die Adaption von Brels Poesie ins Slowenische. Hier galt es, den Bedeutungsgehalt der Botschaft zu erhalten, die angemessene Steigerung der Theatralik durch Reime in den Versen zu finden, die passende Schocktherapie in der metaphorischen Spitzigkeit, die beim Übermitteln von Gefühlen sofort zündet!
Guten Gewissens lässt sich sagen, dass Ivanušič der große Wurf gelungen ist und er sich meisterhaft in die Figur von Jacques Brel hineingelebt hat. Eine Kopie ist natürlich nie besser als das Original, doch dieses Werk muss man anders betrachten. Sein Anspruch ist nicht, das Original etwa überbieten zu wollen. Es ist eine Dankesnote von Jure Ivanušič an die Persönlichkeit und das Werk von Jacques Brel, der Ivanušič all die Jahre ideell inspiriert und ihm Türen zur Erkundung des eigenen kreativen Genies geöffnet hat, um so Ivanušičs Ausdruckssprache zu bereichern, sie zu pflegen und auf ein neues qualitatives Niveau zu heben.
»Srce v kovčku« ist zugleich ein Versuch, ein Kunstwerk »auf Slowenisch« zu gießen! Und dieser ist in vollem Umfang gelungen. Ivanušič deutet schon im Stück Hudič sofort an, dass dieses Projekt kein Spaß ist. Schon zu Beginn überrascht die überzeugende Ansteckungskraft der theatralischen »Bissigkeit« der Verse, die den Hörer wachsam und fest an sich gebunden hält. Die Gefühle — eine Mischung aus Wahnsinn und Schmerz, Liebe und Verzweiflung, Ekel und Angst (das Unbehagen der Einsamkeit) — werden auf der anderen Seite bereichert durch den Charakter des spöttischen Theaters, das voll von Ironie, antikriegerischen Botschaften, sogar Klohumor und Satire steckt. Die Ereignisse verbindet ein sinnvoller roter Faden — man könnte sagen, der Lebensfaden von Jacques Brel —, und im Kern des Charakters ist die gesamte Atmosphäre mit einem echten Moment der Tragödie belastet; der Untergang des Haupthelden ist also unvermeidlich. Trotz aller Triumphe muss der Hauptheld scheitern!
Ivanušič ist auch ein hervorragender Schauspieler — was keine Neuigkeit mehr ist. Seine Bühnenfigur in Kombination mit dem einfühlsamen Vortrag der Verse und dem bravourösen Klavierspiel verzaubert und hypnotisiert buchstäblich, so überzeugend ist dieses Spiel. Die Zusammenarbeit von Ivanušič und der Band NORDunk hat bereits vor zehn Jahren beim gemeinsamen Projekt »Bil sem ti blizu« sensationelle Früchte getragen. Auch für »Srce v Kovčku« gilt, dass es als Bühnenmanifestion vorbereitet ist, als theatralisch-musikalische Aufführung. Schon das bloße Hören dieser CD erschüttert dich, wenn sich die Gefühle des Schmerzes, der inneren Beklemmung, der ungelebten Träume von Jacques Brel entfalten (der goldene Kontrast der inneren Zerbrechlichkeit der Sehnsucht des Poeten mit den gnadenlosen Häschern der Realität – Zangra, Naslednji, Amsterdam), doch um die vollblütige Verkörperung dieser Botschaft zu erleben, musst du unbedingt das echte theatralisch-musikalische Spektakel erwischen. Das meisterhaft ausgearbeitete Album lässt auch das Gefühl nicht verbergen, dass Ivanušič jeden einzelnen Arrangementschritt und jede Adaption von Brels Poesie über lange Zeit abgewogen, konzeptionell durchdacht und dabei dem Großmeister der Chanson in seinen Taten großen Respekt gezollt hat. Man kann sagen, dass er ihm in dieser Hinsicht ein wunderschönes slowenisches Denkmal gesetzt hat!
Besetzung
Jure Ivanušič – Gesang, Klavier (5,8,16)
Simon Šimat – Gitarre
Gregor Antauer – Klavier, Hammond
Tomaž Marčič – Akkordeon
Bojan Logar – Klarinette, Bassklarinette, Saxofon
Andrej Antauer – Bassgitarre
Ciril Sem – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
Bojan Podlesnik & SImon Šimat
Trackliste
1. Hudič
2. Moramo gledati
3. Naslednji
4. Obupanci
5. Marieke
6. Matilda
7. Nežnost
8. Ne zapusti me
9. Amsterdam
10. Okna
11. Plašen človek
12. Obešenec
13. Zangra
14. Sam
15. Umirajoči
16. Pada dež