Sparks: A Steady, Drip, Drip, Drip

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Label: BMG
Erscheinungsdatum: 15. 5. 2020
Produktion: Russell Mael, Ron Mael
Albumlänge: 54.26 Min.
Genre: Art pop
Wertung: 9/10

Vor uns liegt ein neuer Stein im chamäleonartigen Schaffen eines der exzentrischsten Namen, den die Rockgeschichte je hervorgebracht hat. Das Brüderduo Sparks aus Los Angeles besteht aus den Brüdern Mael. Ron spielt Keyboards und schreibt die Texte, Russell singt und greift gelegentlich in den kreativen Prozess ein. Sie zählen zu den seltenen Künstlern, und weil Kultiges stets auf Besondere beschränkt bleibt, folgen ihnen auch nur Besondere. Sie sind seit Ende der Sechziger aktiv und veröffentlichen seit knapp fünfzig Jahren Platten. Es war schon immer so, dass Visionäre und Denker Menschen sind, die weiter oder anders denken und stets als seltsam und verschroben galten.

Genau das ist dem Duo Sparks passiert, denn kommerziell erfolgreich waren sie nie. Ihre Natur hat sie stets dazu getrieben, Gedanken auf ungewöhnliche Weise zu vermitteln. Mit ihrer Musik haben sie alle zum Nachdenken gebracht, die das noch wollen, obwohl ihnen allerlei Machthaber auf ihre eigene Art den Kopf verdrehen. „A Steady, Drip, Drip, Drip“ ist ihr vierundzwanzigstes Album. Ron und Russell Mael haben in ihrer Karriere jeden Wandel der Musikindustrie zu ihrem Vorteil genutzt, indem sie den jeweiligen Modeausdruck aufgriffen, ihn verinnerlichten, unnötigen Ballast ausspuckten und ihn in ihrem eigenen Licht anboten. So sind auch ihre Alben voller eklektischer Musik, die den Zeitgeist widerspiegelt, aber dennoch mit den Jahren weiter reicht, als sie selbst wohl erwartet hätten. Wie üblich steckt auch „A Steady, Drip, Drip, Drip“ voller funkelnder, sezierender, luzider und kluger Betrachtungen des Geschehens um sie herum. Selbst die glühendsten Fans können sich nicht satt an ihnen hören. Diesmal haben sie unter anderem Menschen, die Masken tragen, einen Spiegel vorgehalten — und das nicht nur in Zeiten des neuen Coronavirus. Weit davon entfernt, ihnen zu neiden, wie geschickt und verkleidet sie sich über diese Leute lustig machen, ist es für jeden ein Vergnügen. Wenn jemand gesagt hat, die Brüder Mael seien das Beste nach den Beatles, wird das größtenteils stimmen. In ihrer umfangreichen Diskografie haben sie es verstanden, noch etwas mehr zu bieten als die Melodik des britischen Quartetts. Das neue Album ist mit jedem einzelnen Track interessant — zuerst durch die Texte, dann durch die Ausführung, wobei Russell nach wie vor das berühmte Falsett einsetzt, das ihr Markenzeichen ist. Schon vor vielen Jahren erklärte er, dass das aus reiner Funktionalität entstanden sei, die Rons Kompositionsweise verlangte. Und daran hält er auch auf „A Steady, Drip, Drip, Drip“ fest.

Die Brüder Mael sind nach wie vor relevant, frisch und neugierig. Wenn sie etwas entdecken, brennen sie es in ihren Ausdruck ein, lassen sich dabei aber stets die Freiheit beim Zusammenstellen der klanglichen Stützen. Genau das macht sie einzigartig, denn sie lassen sich nicht vorschreiben, was sie zu denken haben. Auch deshalb haben sie in ihrer Karriere trotz des Wechsels einer ganzen Reihe von Labels stets den Weg zu jenem Teil des Publikums gefunden, der zuhören konnte und wollte. Es erübrigt sich zu sagen, dass sie mit ihrer Luzidität und ihrem dunklen Humor mehr erreichen als so mancher viel jüngere Musiker. Bekannt ist, dass zumindest Depeche Mode, Queen, Pet Shop Boys, Sonic Youth, Nirvana und noch einige andere sich bei Sparks das eine oder andere abgeschaut haben. Mit Franz Ferdinand haben sie 2015 sogar ein gemeinsames Album namens FFS aufgenommen. Ja, ihr Sinn für Humor ist stachelig, direkt und regt zum Nachdenken an. Diesmal haben sie ihn erneut in das Album „A Steady, Drip, Drip, Drip“ eingeflochten.

Ihr Balancieren am Rand des Unterhaltungsbusiness hätte längst mit etwas finanziell Greifbarem belohnt werden müssen, aber leider werden sie in die Geschichte eingehen als Indikatoren eines vermurksten Kapitalismus und Spießbürgertums — und auch als solche, die nur deshalb erschaffen, weil sie erschaffen. Auch nach fünfzig Jahren sind sie frisch und scharf, kritisch und in der Lage, etwas zu schaffen, das zum Nachdenken anregt. Auf der Platte „A Steady, Drip, Drip, Drip“ wirst du opernhafte Theatralik, glänzende Orchestrierungen, Synth-Pop, Rockgitarren und stets interessante Wendungen in Songs hören, die sie leichtfüßig und überzeugend geschaffen haben. Die ehemaligen Kunststudenten haben ihren Art Rock, der im Laufe der Jahre Glam Rock, Disco, New Wave und noch einiges mehr durchgekaut hat, auch diesmal mit brutal direkter Gesellschaftskritik über das Leben im Jahr 2020 bewaffnet. Die Brüder Mael haben sich nie und beugen sich auch diesmal nicht den aktuellen Lebens- und Moralvorstellungen und -normen. Eine ähnliche Band wird so schnell nicht kommen, und die Brüder Mael ziehen in ihrem achten Lebensjahrzehnt keineswegs die Handbremse an — ganz im Gegenteil.

Autor: Jernej Vene

Trackliste:
1. All That
2. I’m Toast
3. Lawnmower
4. Sainthood Is Not In Your Future
5. Pacific Standard Time
6. Stravinsky’s Only Hit
7. Left Out In The Cold
8. Self-Effacing
9. One For The Ages
10. Onomata Pia
11. IPhone
12. The Existential Threat
13. Nothing Is Faster Than The Speed Of Light
14. Please Don’t Fuck Up My World

Besetzung:
Russell Mael – Gesang, Engineering, Mix
Ron Mael – Keyboards, Programmierung

Gastmusiker:
Steven Nistor – Schlagzeug
Evan Weiss – Gitarren
Eli Pearl – Gitarren
Patrick Kelly – Bassgitarre
Ryan Parrish – Saxofon
Alex Casnoff – zusätzliche Keyboards auf One For The Ages
Jugendchor Coldwater Canyon – Hintergrundgesang auf „Please, Don’t Fuck Up My World“


Sparks – Lawnmover (offizielles Video)
Sparks – One for the Ages (offizielles Animationsvideo)
Sparks – All That („live aus der Isolation“, offizielles Video)
Sparks – I’m Toast (offizielles Lyricvideo)
Sparks – „A Steady Drip, Drip, Drip“
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