Sonntagsmeditation mit Soen! (2015)
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Channel Zero, Metelkova, Ljubljana
Konzertdatum: 22.03.2015
Sonntagskonzerte sind (für mich) mindestens genauso lästig wie, na ja, Montagskonzerte. Wir sind nicht mehr die Jüngsten, und manchmal fällt es einem am Sonntagabend wirklich schwer, sich vom bequemen Sofa loszureißen. Aber diesmal war das nicht so schwer – Channel Zero wurde letzten Sonntag nämlich von den schwedischen Soen besucht, die mit ihrer ersten Headliner-Tour auftraten. Auf unseren Bühnen sind sie keine Unbekannten (beim ersten Mal spielten sie bei uns als Vorband von Paradise Lost, beim zweiten Mal auf dem letzten Metaldays), waren bis vor Kurzem aber vor allem als Band des ehemaligen Opeth-Schlagzeugers Martin Lopez bekannt. Nun, Soen schütteln diesen Ruf mittlerweile definitiv ab und bauen ihre eigene Identität auf, was sie mit dem aktuellen Nachfolger ihres Debüts Cognitive, Tellurian, unter Beweis gestellt haben. Trotz des Sonntagstermins überraschte diesmal vor allem der ausgezeichnete Besuch – das Publikum (auch aus dem Ausland) füllte den Channel Zero schon während der Vorband Lizzard fast bis auf den letzten Platz.
Als Erste betraten die französischen Eidechsen die Bühne – keine kulinarische Spezialität aus Frankreich, sondern Lizzard, ein progressives Art-Rock-/Metal-Trio aus der französischen Stadt Limoges. Das Trio macht seit 2006 Musik und präsentierte sich diesmal auch erstmals dem slowenischen Publikum – und tat sich damit selbst einen riesigen Gefallen. Das französische Trio begeisterte und überzeugte nämlich einen rappelvollen Channel Zero mit seiner schieren Lautstärke, die live eine echte Steigerung gegenüber dem Studioklang darstellt. Dank des exzellenten, kristallklaren und zugleich ausreichend lauten Sounds (Basssaiten, die auch das Zwerchfell zum Vibrieren brachten) kamen alle Stärken dieser Band mühelos zur Geltung. Diese liegen vor allem in der relativ einfachen Gitarrenriffage – mal melodisch, mal erschütternd wuchtig, mal psychedelisch verführerisch –, noch mehr aber in der gebrochenen Polyrhythmik der außerordentlich versierten Rhythmussektion, über die Schlagzeugerin Katy Elwell das Zepter schwingt. Das Hauptaugenmerk lag meist auf ihr, denn sie bewies nicht nur, dass sie ihr Instrument beherrscht, sondern vor allem, dass auch Frauenhände ordentlich auf die Felle hauen können. Katy offensichtlich sogar kraftvoller als so mancher männlicher Schlagzeuger. Mathieu Ricou beschwor mit seinem Gesang vor allem Maynard James Keenan herauf (Lizzard orientieren sich auch sonst offensichtlich, aber ohne übertriebene Imitation, an Tool), wirkte gegen Ende aber vielleicht etwas eintönig, während Bassist William Knox für eine eigenartige Vorstellung sorgte – er legte zwar eine ausgesprochen groovige und massive Grundlage, hatte aber vor dem Konzert weiß Gott was gegessen und schaute auf der Bühne ständig paranoid hin und her, als wäre er auf einem wirklich schlechten Trip, hehe. Lizzard ernteten verdientermaßen eine ausgezeichnete Reaktion des Publikums und am Ende donnernden Applaus und stürmische Begeisterung, die das Mädchen und die Jungs mit sichtlichem Erstaunen und ehrlichem Dank entgegennahmen.
Lizzard stellten Soen damit vor die schwere Aufgabe, ihren Headliner-Status zu rechtfertigen – und stachen sie in dieser Hinsicht diesmal sogar etwas aus. Soen plagten nämlich, zumindest in der ersten Hälfte ihres dreiviertelstündigen Sets, vor allem ein deutlich schlechterer Sound. Bei den ersten paar Songs war die Beschallung sogar so schwach, dass Sänger Joel Ekelöf kaum zu hören war, weil ihn die wuchtige Rhythmussektion – der überzeugendste Teil ihres diesmaligen Konzerts – vollständig verschluckte. Der Sound besserte sich nach ein paar Songs zwar, war aber immer noch weit von der Qualität des Lizzard-Sounds entfernt; trotzdem gelang es Soen, ihren Headliner-Status zu rechtfertigen, wenngleich ihre melancholische Atmosphäre zunehmend einschläfernd wirkte und sie mit den zügigeren und druckvolleren »metallischen« Momenten der Songs von Cognitive wie auch Tellurian bei weitem am stärksten punkteten. Gut zurechtgefunden haben sich auch die neuen Mitglieder, die die Lücke nach dem Abgang von Gitarrist Kim Platbarzdis füllten – Veteranen-Gitarrist Marcus Jidell (derzeit bei Avatarium und solo unterwegs, in der Vergangenheit tätig bei Evergrey, Royal Hunt, Candlemass und Pain) spielte seine Parts ohne größere Probleme, noch überzeugender war aber Multiinstrumentalist Lars Ahlund, der im Hintergrund sowohl für Backing Vocals als auch für Keyboards und diverses Schlagwerk sorgte, sich stellenweise aber auch eine Gitarre umhängte und sich Jidell anschloss. Die gesamte Aufmerksamkeit stahl diesmal aber definitiv das zuverlässige und fehlerlose Rhythmusgespann aus Bassist Stefan Stenberg und dem außerordentlichen Lopez, der die gesamte Bandbreite seiner Schlagzeugtechniken zur Schau stellte. Die Instrumentalisten retteten so Joels diesmal schwächere Vorstellung – zwischen den Songs hat er bei weitem nicht annähernd die Ausstrahlung wie während dieser; vielleicht waren aber auch der Sonntag (oder die überzeugendere Vorband) daran schuld, dass Soen noch verschlafener wirkten als sonst. Die Songauswahl war zwar gut, aber persönlich kommen mir Soen in kleineren Dosen deutlich mehr entgegen.
Setliste
SOEN:
1. Tabula Rasa
2. Delenda
3. Ennui
4. Koniskas
5. Canvas
6. Kuraman
7. Fraccions
8. Void
9. Savia
10. The Words
11. Pluton
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