Sonik Kicks
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Weller, Paul
Label: Universal Music Group
Erschienen: 2012
Laufzeit: 43:30
Wertung: 5/5
Paul Weller ist ein außergewöhnlicher Künstler. Schon vor dreißig Jahren erschütterte er die Chartspitzen, dass es nur so blitzte. Der Pate des Mod-Revivals hat nie auf seinem zurückgelegten musikalischen Weg zurückgeblickt oder auf den Lorbeeren des Ruhms ausgeruht und sich damit gebrüstet, indem er versucht hätte, eine identische Schablone für den Nachfolger jenes Albums zu erschaffen, das für ihn kommerziell gezündet hat. Nein. Das Charakteristische dieses Künstlers ist das ständige Setzen neuer artistischer Herausforderungen und das Umgießen seiner grundlegenden musikalischen Essenz in Bild und Form vieler musikalischer Reflexionen, die nur er selbst kennt und versteht zu vermitteln, und so seine treue Zuhörerbasis stets zu überraschen. Bei Weller natürlich immer im positiven Sinne.
»Sonik Kicks« ist ein Album, bei dem Weller vollständig in die Psychedelia totaler Klangmanipulation abgetaucht ist! Das Einblenden von Klangmustern, hypnotischen Klangschleifen – all das hat er mit dem Einbau altehrwürdiger Keyboards verdichtet, von Hammond-Orgeln bis zum guten alten Mellotron; er hat sogar den Einsatz des Moogs hinzugefügt.
Auf dem Album wirkt mit Weller, wie immer, wieder eine Reihe außergewöhnlicher Musiker mit, unter denen besonders zwei Gitarristen herausstechen, die aus dem Gipfel der goldenen Ära des Brit Pop stammen. Das sind Noel Gallagher (Oasis) und Graham Coxon (Blur), wobei dies nicht ihre erste Zusammenarbeit mit Weller ist. Man denke nur an das Album »22 Dreams« (2008).
Die Kontraste der Klanglandschaft, die »Sonik Kicks« ziert, sind außergewöhnlich. Neben dem klassischen Gestus des altehrwürdigen britischen »Jangle«-Sounds elektrischer, halbakustischer und akustischer Gitarren gibt es die trivialen, aber stoßartigen, scharf geschnittenen Rhythmen des Snare-Drum-Diktats (mehrfach sinnvoll mit Perkussionsarbeit unterlegt, wie in den Stücken Drifters oder The Attic), auf dem das hochvibrierende atmosphärische Abenteuer von Weller diesmal ruht, frisch dimensioniert in seiner Klanglandschaft. »Sonik Kicks« schwebt in einer Art »Space«-Hypnose, die von einer genialen Implementierung der urwüchsigen Klänge des Mellotrons und des Hammonds sowie der raffinierten Manipulation verzerrter Klangschleifen gesättigt ist. Weller setzt sich mit seiner Kompanie im Studio diesmal keinerlei Grenzen und hat es so geschafft, einen so reichen und vollen Klang zu erschaffen, der den Zuhörer stets belohnt, indem er ihm bei mehrmaligem Auflegen des Albums im CD-Player immer neue Erfahrungen erschließt, mit seinem überaus besonderen und einzigartigen Art-Paradigma. »Sonik Kicks« ist ein Album, das langsam unter die Haut geht. Aber wenn es zündet, wird es für immer zünden!
Weller beweist erneut die außerordentliche Stärke seiner Rolle als Vokalinterpret. Sein Gesang bleibt der Dirigent dieses Albums. Auch diesmal bewahrt er den Charakter einer besonderen Kontur nahe dem Stempel der Vocals von Peter Gabriel und Gary Brooker (Procol Harum). Dieses Gefühl tritt besonders an ruhigeren Momenten an die Oberfläche, wenn geschmackvolle Streicherarrangements den Gesang umschließen und vor allem, wenn das Piano ins Zentrum der Begleitung rückt. So ist es beim abschließenden Be Happy Children, das mit einem ausgesprochen feierlichen Moment, ansteckender Melodiosität und dem außergewöhnlichen Duett zwischen Paul und seiner Tochter Leah begeistert.
Das Album bewahrt den ausgearbeiteten sarkastischen Charakter von Weller, der erstmals reichlich an die Oberfläche dringt, besonders im ersten Hit-Single des Albums That Dangerous Age, das auch das meiste Pop-Element trägt – und triumphierend ist natürlich das Zusammenspiel von Wellers Gesang mit den weiblichen Begleitvokalen im ansteckenden Refrain. Ebenfalls voller authentisch platzierter und auf dem Album besonders herausstechender schwarzbritischer Humoresken sind Kling | Klang, When Your Garden’s Overgrown und Paperchaser.
Die meisten artistischen Herausforderungen hat sich Weller diesmal in dem dub-basierten Study In Blue gesetzt, wo Wellers Ehefrau Hannah für ein Vokalduett einsteigt. Das längste Stück des Albums trägt in seiner Substanz am meisten von den Eigenheiten der Musik von Weller, die jedoch arrangementtechnisch so eingesetzt sind, dass sich Wellers Eklektizismus und die Anknüpfungspunkte des genannten Genres (Dub) in einem idealen Maß vollständiger Koexistenz die Hand reichen. Klangschleifen vertiefen dabei auch die Berührung mit den Richtlinien des Trip-Hop (aufgenommenes Klangmuster des Harmonikaeffekts). Dies ist das Stück, das für sich allein den Höhepunkt von Wellers Experimentalismus auf dem neuen Album darstellt.
Dann wären da noch das düsterer ausgerichtete Dragonfly und Around the Lake, auf einem beschleunigten Rhythmusmuster aufgebaut, deren Kernigkeit wieder erfolgreich von der ausgezeichneten Kulisse der »Space«-Landschaft vieler Klangeffekte verdichtet wird, die man problemlos für jeden Science-Fiction-Film verwenden könnte.
Nach dem, was uns das Album »Sonik Kicks« liefert, hat Paul Weller als Künstler den ausdrucksstarken Status stilistischer Eigenständigkeit erreicht, mit dem er die Lücke füllt, die beim Rückzug des ersten Rock-Chamäleons dieses Planeten, David Bowie, entstanden ist. Durch das filigrane Gespür, mit dem er neue musikalische Substanz eines außergewöhnlichen mehrschichtigen Vorhangs einer psychedelisch-kaleidoskopischen Landschaft erschafft, sind auch die Parallelen zur Raffinesse eines weiteren britischen, experimentell gestimmten Wunderwirkers nicht mehr weit entfernt. Das ist Damon Albarn. Kurzum, um es zu vereinfachen: Paul Weller hat sich mit seinem 11. Studioalbum »Sonik Kicks« auf neues, noch unerobertes Terrain des musikalischen Ausdrucks begeben und damit eigentlich alles herausgeholt, was sich in einer solchen Situation überhaupt herausholen lässt. Er hat seinen unverwechselbaren artistischen Charakter bewahrt und ihm eine neue Ausdrucksdimension hinzugefügt. Die klanglich aufgewertete Art-Charisma des neuen Werks beweist, dass es für Weller keinen Halt gibt. Der Mann entwickelt sich unaufhörlich und reift artistisch. Das Album »Sonik Kicks« gehört zu den schönsten Veröffentlichungen in der Welt des Rock ’n‘ Roll dieses Jahr. Es bewahrt seine gesamte Eklektizität und hohe Zugänglichkeit, während Weller auf dem neuen Werk wieder wirkungsvoll sein unverkennbares musikalisches Universum mit noch unerprobten musikalischen Horizonten verschmilzt und dem Markt ein neues Album von hochgradig herausforderndem Charakter und filigran detaillierter Haltung liefert.
Besetzung
Paul Weller – Gesang, E-Gitarre, Akustikgitarre, Bassgitarre, Perkussion, Schlagzeug, Begleitgesang, Piano, Mellotron, Hammond, Farfisa, Moog
Steve Cradock – E-Gitarre, Akustikgitarre, Schlagzeug, Begleitgesang
Andy Crofts – E-Gitarre, Begleitgesang, Xylophon, Celesta, Vibes, Bassgitarre, Streicherarrangement für Stücke Nr. 2 und 12
Noel Gallagher – E-Gitarre, Akustikgitarre, Bassgitarre
Graham Coxon – E-Gitarre
Simon Dine – E-Gitarre
Aziz Ibrahim – Akustikgitarre
Stan Kybert – Programmierung
Simon Dine – Schleifen, FX, elektrische Streicher
Andy Lewis – Bassgitarre, Celesta, Vibes, Xylophon
Marco Nelson – Bassgitarre
Roger Nowell – Bassgitarre
Charles Rees – Perkussion, Schlagzeug
David Nack – Schlagzeug
Steve Pilgrim – Schlagzeug, Begleitgesang
Ben Gordelier – Schlagzeug
Leah Weller – Begleitgesang
Mac Weller – Begleitgesang
Hannah Weller – Begleitgesang
Sean O’Hagan – Streicherarrangement für Stücke Nr. 4 und 5
Produktion
Paul Weller & Simon Dine
Trackliste
1. Green
2. The Attic
3. Kling | Klang
4. Sleep of the Serene
5. By the Waters
6. That Dangerous Age
7. Study in Blue
8. Dragonfly
9. When Your Garden’s Overgrown
10. Around the Lake
11. Twilight
12. Drifters
13. Paperchase
14. Be Happy Children