Something to Believe In
Autor: Rok Klemše
Künstler: Sarcasm
Veröffentlichung: 2011
Laufzeit: 45:00
Wertung: 5/5
Sarcasm, die Urgesteine des slowenischen Thrash Metals, starteten ihre Karriere im fernen Jahr 1987 und veröffentlichten nur zwei Jahre später den heute kultigen Erstling Crematory. Nach zahlreichen Konzerten quer durch das ehemalige Heimatland lösten sie sich auf — militärische, schulische und andere Verpflichtungen machten eine Weiterführung unmöglich. Doch der Name Sarcasm geriet nicht in Vergessenheit, und auch den Mitgliedern ließ der Ruf der Bühnen keine Ruhe — 1999 taten sie sich wieder zusammen und veröffentlichten 2001 das Album Igra narave, dem auch der Erstling beigelegt wurde. Seitdem ist Crematory noch zweimal erschienen, unter anderem (auf Vinyl) beim kalifornischen Label Nuclear War Now. Seit dem Neustart der Band haben sich einige Mitglieder abgelöst, doch das Kernstück bildeten weiterhin Bandgründer Aleš Blaznik und Sänger Egist Zagoričnik, die natürlich auch auf den Alben Divja kri (2003) und Revolt (2005) ihren Stempel hinterließen. Die beiden Scheiben trugen zwar die typische Sarcasm-Handschrift, doch hörte man, dass die Band auf diesen zwei Platten noch sehr auf der Suche nach sich selbst war. Nach einer längeren Pause kehrte Klemen Renko (Gitarre; Mitglied der zweiten Inkarnation der Band) zurück, und Schlagzeuger Aleš „Dime“ Korošec frischte die Besetzung weiter auf.
Die Frage war also, was Sarcasm mit ihrem neuen, fünften Studioalbum Something to Believe In bieten würden — doch die Befürchtung, es könnte nur ein durchschnittliches Werk werden, wird im Keim erstickt, sobald das tiefe Atemholen im Intro signalisiert: Das slowenische Old-School-Thrash-Biest lebt und atmet mit vollen Lungen. Das Erste, was einem auffällt, ist die für Sarcasm und dieses Album überaus passende Produktion — sie hat echten Punch, der einen mit großen, bunt leuchtenden Buchstaben aus Prügelszenen der Batman-Serie anspringt („BAM! KAPOW!“); es ist wie ein roher Schlag auf die Nase, nach dem einem vor lauter Tränen die Sicht verschwimmt und man noch ein paarmal taumelt, bevor man mit dem Hinterkopf auf den Bordstein knallt. Die Gitarrenlinien haben diesmal einen etwas dreckigeren und raueren Sound, während die torpedierenden Drums und der Bass die tieferen Lagen schön ausfüllen. Das Gitarrenduo Blaznik/Renko glänzt diesmal wirklich — die Riffs von Meister Blaznik sind stark und durchdacht, perfekt in die Songs eingebettet und malen die Atmosphäre, die jeder einzelne Track aufbauen will, auf den Punkt. Der gemeinsame thematische Nenner des Albums ist der Krieg — sowohl der buchstäbliche (1. und 2. Weltkrieg, der Slowenische Unabhängigkeitskrieg) als auch der symbolische (der „Krieg“, den Metaller zu führen haben – Something to Believe In; der Kampf mit dem eigenen Geist – Demons). Für die kriegerischen Themen der Songs schafft das Instrumentalquartett eine brillante Grundlage — es passt sich chamäleonartig dem Gefühl an, das jeder Track erzeugen will. Echte Thrash-Hymnen mit dem richtigen Schuss, bei dem Riffs wie Schrapnelle nach allen Seiten fliegen, sind der kompromisslose Titeltrack Something To Believe In, Summer 91 und 21 — während die langsamere, schwermütigere und melancholischere Seite des Albums von den beiden zentralen Stücken geschrieben wird, die dem Gedenken an das Schlachthaus des Ersten Weltkriegs gewidmet sind: Voices of Verdun und Ghosts in the River. Gerade Letzterer, vielleicht das stärkste Stück des Albums, ist zweifellos eines der besten Werke der Band und funktioniert auf emotionaler Ebene wie eine Metal-Vertonung von Gregorčičs Soči — mit Mucys grandioser Interpretation über die Kälte dieser smaragdgrünen Schönheit („River went cold ‚cause of so much blood“). Der Song ist durchdrungen vom Gefühl des tragischen Schicksals tausender Gefallener auf den Bergkämmen über dem Isonzo, dem Mucy mit seinem wehmütigen und erschreckend melancholischen Gesang noch einen draufsetzt — dazu schaurige Gitarrenlinien und eine schön platzierte Flöte gleich zu Beginn. Gerade in diesen Tagen starb der letzte Kämpfer des Ersten Weltkriegs, doch die Erinnerung an die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte darf nicht in Vergessenheit geraten — auch durch Songs wie Ghosts in the River wird sie es nicht! Auch durch die restlichen neun Songs liefert Mucy eine ausgezeichnete Gesangsleistung — wahrscheinlich die beste, seit er Mitglied von Sarcasm ist. Der überwiegend in mittleren Lagen liegende Gesang ist ansteckend melodisch, und mehrfach schreit er natürlich auch thrash-aggressiv los. Alle Songs zeichnen sich dabei ausnahmslos durch chirurgisch präzise Riffs aus, durch wunderbar fließende Soli, die Aleš Blaznik meisterhaft ausführt, und vor allem durch mächtige, ansteckende und brillant platzierte Refrains, bei denen man einfach mitmachen muss. Natürlich fehlt auch diesmal die typische Sarcasm-Schelmerei und -Frechheit nicht — im Gesang wie in den Texten — die die dunklere „Kriegs“-Seite des Albums ein bisschen auflockert. Hervor sticht dabei License to Sarcasm mit dem eingebauten James-Bond-Theme und der witzigen (lišenš to šarcasm) Imitation von Sean Connery, We Are At War (Yo! Ho! Ho!) sowie der von Mucy mit Leib und Seele gesungene Demons.
Something to Believe In ist zweifellos das stärkste Sarcasm-Werk seit Igra narave — vielleicht sogar seit dem Erstling Crematory. Es ist ein instrumental (vor allem die Gitarrenarbeit ist herausragend!) und vokal starkes Album, das exzellente Texte mit starken Botschaften noch besser in Musik überträgt. Und es hat die „License to Sarcasm“!
Besetzung
Aleš Blaznik – Gitarre, Gesang
Klemen Renko – Gitarre, Gesang
E.Z. „Easy Mucy“ – Gesang
Jurij Buh – Bass
Aleš Korošec – Schlagzeug
GASTMUSIKERIN:
Gordana Buh – Flöte
Produktion
Žika & Tim Antonijevič
Trackliste
1. Summer 91
2. Something to Believe In
3. Demons
4. Voices of Verdun
5. Ghost on the River
6. 21
7. License to Sarcasm
8. We Are At War
9. Generations in Blood
10. Surrender