Sleeping In Traffic: Part Two
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Beardfish
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2008
Bewertung: 5/5
Die außergewöhnlich talentierten und vielseitigen schwedischen Prog-Rocker Beardfish, die mit „Sleeping In The Traffic: Part One“ (2007) für zahlreiche Prog-Feinschmecker ihr erstes Meisterwerk geschaffen haben, werden von Jahr zu Jahr zu einem immer wichtigeren Faktor, wenn es um aufregende, experimentelle Klangpaletten geht, und zu einer der führenden Bands im Bereich des modernen, eklektischen Progressive Rock. Anders als ihre deutlich etablierteren Landsleute The Flower Kings, die ebenfalls aus dem Erbe der Prog-Rock-Klassiker der 70er schöpfen, stößt man in der Musik von Beardfish auch auf einige düstere Töne, vor allem aber auf eine ordentliche Portion Hardrock-Elemente, die im modernen skandinavischen Prog-Revival alles andere als selbstverständlich sind.
Neben den traditionellen Einflüssen der britischen Prog-Klassiker allen voran Genesis, Gentle Giant, King Crimson und ELP (stellenweise spürt man sogar den Einfluss des großen Frank Zappa) findet man in ihrer Musik auch reichlich Elemente, die sonst eher im Art Rock oder sogar Hardrock zu Hause sind und aus dem Erbe von Bands wie Uriah Heep, Deep Purple oder Kansas stammen. Dafür sorgen vor allem das kraftvolle Heavy-Rock-Riffing der Gitarre, die verzweigte Rhythmusarbeit und der ausgiebige Einsatz der Hammond-Orgel von Keyboarder und Sänger Rikard Sjöblom, der obendrein ein sehr guter und eklektischer Vokalist ist. Seine Stimme ist eine Mischung aus „gabrielhafter“ Theatralik und melodisch-erotischem Pathos, wie es für die meisten Sänger des klassischen Rock typisch ist. Das rückt sie klanglich näher an die Amerikaner Spock’s Beard (wenn man schon einen Vergleich sucht) als an ihre vorhin erwähnten skandinavischen Landsleute, auch wenn sie genug eigene Merkmale besitzen, um schnell wiedererkannt zu werden. Man kann ihre Musik nicht einfach so in eine Schublade stecken, denn sie deckt ein enorm breites Genrespektrum ab, das von Folk, Avantgarde, Jazz-Fusion, Sinfonik, Pop-Rock und Heavy Metal bis hin zu Art Rock und sogar einem kurzen, possenhaften Country-Aufblitzen reicht (auf einem der Songs dieses Albums). Hin und wieder greifen sie auch gern zum Mellotron, was ihnen neben dem ausgiebigen Einsatz der Hammond-Orgeln und dem „archaischen“ Gesang einen ordentlichen Retro-Sound verschafft.
Beardifsh wären aber keine echten skandinavischen Prog-Rocker, wenn sie auf diesem Album nicht mehr als 70 Minuten Musik aufgenommen hätten und mindestens ein Epos von über 20 Minuten (der Titeltrack ist über 35 Minuten lang!), aber die Befürchtung, dass es hier im Stil von The Flower Kings unnötige, womöglich langweilige Minutenfüller gäbe, ist völlig unbegründet. Der zweite Teil der Saga „Sleeping In The Traffic“ ist von Anfang bis Ende ein spannendes, aufgewühltes und unberechenbares Abenteuer, und trotz des skurrilen Titels gibt es darauf keinen einzigen Moment zum Einschlafen. Die großartigste Eigenschaft von „Sleepin In The Traffic: Part Two“ ist, dass es der Band gelingt, avantgardistisch-exzentrische Possenreißerei, die bis ins Zappa-Erbe reicht, hardrockige Lausbubenhaftigkeit und den traditionellen (sinfonischen) Prog-Rock-Ernst unter einen Hut zu bringen. Auch die Texte sind oft witzig. Schön, dass die Band trotz ihrer technischen Ausgefeiltheit und hohen Virtuosität nicht alles zu ernst nimmt, was bei manchen modernen Progressiven oft nervt, die sowohl in der Musik als auch in den Texten viel „klüger“ sein wollen, als ihnen guttut. Das Konzept der Saga „Sleeping In Traffic“ ist denkbar simpel – sie beschreibt 24 Stunden im Leben einer unbestimmten Person (was ihr in dieser Zeit so passiert). Wenn der erste Teil das Geschehen am Tag beschrieben hat, beschreibt dieser die nächtlichen Ereignisse. Dementsprechend würde man erwarten, dass eine spürbar düsterere Stimmung vorherrscht, aber die gibt es nur in einzelnen Teilen des Albums. Größtenteils überwiegen Sprunghaftigkeit und Spaß.
Die nächtliche Stimmung und das nächtliche Geschehen bestätigt schon das kurze sinfonische Eröffnungsinstrumental „As The Sun Sets“, das die Bühne für das ganze Album bereitet (die Songs gehen ineinander über). Man könnte sich lang und breit über die Details einzelner Arrangements und verzweigter Instrumentalpassagen auslassen, aber damit diese Rezension nicht zu einem Kurzroman wird, greife ich nur die wesentlichen Stärken der einzelnen Kompositionen heraus. Die verzweigten Passagen einzelner Songs könnte man problemlos in mehrere Songs aufteilen, und alle würden immer noch hervorragend klingen, was viel über die außergewöhnliche kompositorische Farbenpracht dieses Werks verrät. „Into The Night“ ist ein großartiger, mit mächtigem und energiegeladenem Puls gewürzter Track, der eine breite Palette an Genre-Elementen enthält, von Folk, Avantgarde, Fusion und Space Rock bis zum klassischen Rock. Satte Hammond-Passagen und eine starke Gesangsleistung werden von Heavy-Rock-Gitarrenpassagen und einer pulsierenden Basslinie untermauert. Die Arrangements und der Charakter des Songs ändern sich ständig, von ruhigeren Momenten, die auch über den Text nächtliche Stimmung erzeugen, bis zu hüpfenderen und sogar komischen Augenblicken. Obwohl die meisten der komplexen Arrangements von Natur aus melodisch sind und unterhaltsame, hüpfende Rhythmen überwiegen, verlangt das Album konzentriertes Hören, denn selbst der anspruchsvollste Hörer wird bei jedem neuen Durchlauf etwas Neues in den Kompositionen finden, etwa ein bisher überhörtes Arrangement an den Keyboards oder ein Gitarrenriff.
Es folgt das großartige „The Hunter“, das sich durch außergewöhnliche rhythmische Vielfalt auszeichnet. Nach dem instrumentalen Beginn setzen die Hammond-Linien auf ganz tolle Weise ein, untermauert von mächtigem Gitarrenriffing und einer erstklassigen, melodischen Gesangsleistung. Die mächtige, dominante Hammond-Linie behält die ganze Zeit diesen retro-klassischen Rock-Touch. Der Großteil der musikalischen Verzierungen in dieser Komposition ruft Erinnerungen an einige Werke aus dem Erbe der legendären Uriah Heep wach. Noch mehr Leckerbissen ist „South Of The Border“, auf dem sie zum ersten Mal deutlicher zeigen, dass sie einen guten Sinn für Humor haben, eine der Eigenschaften, die man bei den meisten heutigen Bands vermisst, die meist versuchen, so ernst wie möglich zu klingen. Der Song enthält zahlreiche Anspielungen (auch in den Texten) auf einige Heavy-Rock- bzw. Classic-Rock-Bands der 70er, mit erotischen Konnotationen und ausgeprägten Heavy-Rock-Griffen, die am ehesten an Deep Purple erinnern. In der Mitte kommt ein kurzer Improvisationsteil mit Gitarren- und Bass-Soli, auch eine kurze Country-Passage fehlt nicht, auf die im nächsten Moment ein echter Heavy-Metal-Part folgt und danach wieder etwas völlig anderes. Manche der possenhaften Ideen in dieser Komposition hätten wohl auch dem unsterblichen Frank Zappa gefallen. Glatte Zehn. Es folgt das possenhafte Instrumental „Cashflow“ mit einer Flut an rhythmischen Wechseln, witzigen Gitarrenriffs und den verschiedensten schelmischen Keyboard-Sounds. Besonders unterhaltsam ist der wiegende, barocke Mittelteil, der mit seiner possenhaften Art ziemlich stark an Gentle Giant erinnert. „The Downward Spiral/Chimay“ ist der dunkelste Track auf dem Album, wofür vor allem das langsame Tempo sorgt (zweifellos das langsamste auf dem Album), dazu ein leicht gruseliger Synthesizer-Sound, eine obskure Gitarre und ein sarkastischer Text. Im zweiten Teil kommt eine verzweigte Instrumentalpassage mit zahlreichen musikalischen Einflüssen, die den Song wieder in eine andere Dimension trägt. Das alles reicht, damit sich auch diese Komposition eine hervorragende Note in Sachen Abwechslung, Unterhaltung und Unberechenbarkeit verdient.
Das Herzstück des Albums und der größte Leckerbissen für alle Prog-Fans ist aber zweifellos der Titeltrack, das über 35-minütige Super-Epos „Sleeping In Traffic“, eine lange, aber unvergessliche Reise durch wahrhaft kosmische Verhältnisse, die auch den anspruchsvollsten unter den anspruchsvollen Musikfeinschmeckern nicht kaltlassen kann. Diese kosmische, multidimensionale Komposition, die mit demselben Riff beginnt und endet, ist mit so vielen verschiedenen, aber durchweg unterhaltsamen Motiven und Übergängen gewürzt, dass es gar nicht lange dauert, bis sie mit ihrer Klasse den Hörer schon nach ein paar Durchläufen komplett vereinnahmt. Sie hat wirklich alles, was sich das Herz jedes anspruchsvollen Prog-Feinschmeckers wünscht: großartige Instrumentalpassagen mit unberechenbaren Rhythmuswechseln, melodische Gesangsteile, verträumte Ambient-Momente mit majestätischen Keyboard-Schichten (allen voran das Mellotron), und auch possenhafte und avantgardistische Experimente fehlen nicht. Fans der härteren, auch melodisch-metallischen Klänge kommen ebenfalls auf ihre Kosten, und zwar in einigen Abschnitten mit mächtigem Gitarrenriffing und saftigen Soli, wuchtigen Drum-Übergängen und epischem Gesang. Das ist eines dieser epischen Meisterwerke, die die Kraft haben, den Hörer mit ihrer Energie und Stimmung im Nu von einem Ort an einen anderen zu teleportieren. Schon ihre bloße Präsenz sichert diesem Album den Rang als einer der besten Prog-Rock-Veröffentlichungen des Jahres 2008. Angesichts der schon sprichwörtlichen kompositorischen Klasse und des Perfektionismus von Beardfish war das aber wirklich keine besondere Überraschung.
Die Fortsetzung der Saga „Sleeping In Traffic“ ist ohne jede Übertreibung eine der besten Leistungen im Bereich des eklektischen Progressive Rock der letzten Jahre und die Bestätigung, dass sich Beardfish immer mehr als eine der zentralen Bands des Progressive Rock zu Beginn des 21. Jahrhunderts etablieren. Das Album, das klanglich und kompositorisch noch eine Steigerung des ersten Teils ist, ist eine ganz eigene Herausforderung ebenso wie ein Vergnügen für jeden Prog-Feinschmecker, auch für den, der gern damit angibt, er habe schon „alles“ gehört und nichts könne ihn mehr überraschen. „Sleeping In Traffic: Part Two“ hat die außergewöhnliche Kraft, den Hörer schon vom ersten Moment an in sich hineinzusaugen und ihn auf ein langes, unvorhersehbares musikalisches Abenteuer voller unerwarteter Wendungen und Stimmungswechsel mitzunehmen, was meiner Meinung nach immer noch das wichtigste Merkmal guten Progressive Rocks ist. Beardfish erwartet allem Anschein nach eine schöne und lange Zukunft in der Elite des modernen Prog-Rock.
Besetzung
Rikard Sjöblom – Gesang, Keyboards
David Zackrisson – Gitarre
Robert Hansen – Bass
Magnus Östgren – Schlagzeug
Produktion
Beardfish
Trackliste
1. As The Sun Sets (1:13)
2. Into The Night (8:52)
3. The Hunter (5:57)
4. South Of The Border (7:43)
5. Cashflow (6:08)
6. The Downward Spiral/Chimay (7.10)
7. Sleeping In Traffic (35.44)
8. Sunrise Again (1.37)
Spieldauer: 74:24