Sleep Talking

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Künstler: Chance:Risiko
Label: Altrock
Erscheinungsjahr: 2009
Bewertung: 4/5

Chance:Risiko hatte ich das Vergnügen, zum ersten Mal beim Altrock-Festival in Mailand kennenzulernen, wo ich sie nach einem halbstündigen Auftritt als Radiohead-Klon abgestempelt hatte. Damit hab ich ihnen wirklich Unrecht getan. Chance sind nämlich viel mehr als das – aber das lässt sich aus einem einzigen Hördurchgang kaum herauslesen, weil die auffälligsten Einflüsse eben genau die schon erwähnten sind. Mit einer gründlicheren Analyse lässt sich jedoch erkennen, dass es sich bei Weitem nicht um Imitatoren handelt, sondern um eine Band, die manche Vorbilder lautstark herausposaunt, während andere im Hintergrund bleiben. Und genau dieses verborgene, infiltrative Element macht sie zu einem echten Ohrenschmaus.

Ihr Debüt Sleep Talking startet ziemlich alternativ-rockig und trompetet lautstark „Radiohead“ heraus – gelegentlich auch Muse. Der Wendepunkt kommt mit dem Track Oompa Loompa, wenn das musikalische Umfeld viel bunter wird. Was danach folgt, ist deutlich verspielter – eine Musik, die auf Schritt und Tritt mit stilistischen Überraschungen aufwartet: von Avantgarde über meditative Einflüsse (My Plastic Jaw) bis zu Post-Rock und natürlich immer noch Alternative Rock, der zumindest wegen des Gesangs immer irgendwo in der Nähe bleibt. Die Italiener zeigen im weiteren Verlauf einen größeren Hunger nach rhythmischer Vielfalt als deine typischen Post-Rocker oder Alternativler. Sie mischen lieber einfachere Strukturen mit gewagteren Ausflügen.

Das grundlegende Klangbild ist irgendwie Radiohead. Das erweitern sie mit einer breiten Auswahl aus dem Katalog der experimentellen Komposition, verbunden mit einer klugen Verflechtung von Melodien und üppigen Arrangements. Zunächst wirken ihre Bemühungen ziemlich trocken – Gitarren und andere Instrumente klingen recht basic, ohne wirkliche Soli oder instrumentales Großtun. Doch hinter diesem Schleier aus ziemlich gewöhnlichem Alternative Rock verbirgt sich die Tiefe ihrer musikalischen Ausdruckskraft. Wenn man sich erst mal in das Meer aus ineinander verwobenen Melodien und clever platzierten Gastinstrumenten fallen lässt (besonders erwähnenswert: Perkussion wie Vibrafon, Glockenspiel und Xylofon – aber auch Violinen, Cello und Holzbläser), wird klar, wie vielfältig und durchdacht diese Kompositionen wirklich sind. Im Allgemeinen stecken ihre hochfliegenden Ziele und großen Ambitionen in einem kleinen Paket. Die kurzen, ereignisreichen Stücke lassen sich einzeln oder als Teil des Albums hören, das wie ein Art Konzeptwerk funktioniert. In drei- oder vierminütige Kompositionen packen sie so viele Informationen und Kostbarkeiten, dass die Analyse eines einzigen Songs bereits mehr Zeit beansprucht, als man ihnen anfangs zugeschrieben hätte.

In Sachen Klangmanipulation liefern die Jungs keine Highlights vom Kaliber Radiohead oder ihrer avantgardistischen Vorbilder. Trotzdem erfinden sie was Eigenes. Kompositorisch sind sie sehr stark, und in dieser Hinsicht blasen sie Radiohead locker weg (was man von den avantgardistischen Einflüssen nicht ganz so behaupten kann). Ihr Gebräu – in dem man einerseits Alternative Rock schmeckt (kurze Songs, Gesang) und gleichzeitig eine starke Dosis kompakter avantgardistischer Ausschweifungen (komplexe Kompositionen) steckt – wirkt immer stimmig und erfrischend wie eine Frühlingsbrise.

Wer also das Grundgerüst von Radiohead mag – mit dem jammernden Gesang (wenn auch weniger als bei Thom Yorke) und den verträumten Gitarren- und Keyboard-Motiven –, dem aber manchmal das Gefühl beschleicht, dass da irgendwas Tiefgründigeres und Musikalisch-Vielschichtigeres fehlt, für den sind diese Italiener genau die richtige Lösung. Sleep Talking serviert nämlich genau das richtige Maß an Post-Rock/Alternative-Rock-Zugänglichkeit und Hypnose sowie avantgardistischer musikalischer Ausgelassenheit.

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Chance:Risiko hatte ich das Vergnügen, zum ersten Mal beim Altrock-Festival in Mailand kennenzulernen, wo ich sie nach etwa 30 Minuten ihres Auftritts als Radiohead-Klon abgetan hatte. Aber damit habe ich ihnen und mir selbst einen Bärendienst erwiesen. Chance sind viel mehr als das – doch das lässt sich aus einem einzigen Hördurchgang kaum heraushören, weil die auffälligsten Einflüsse eben genau die bereits erwähnten sind. Bei genauerer Analyse stellt sich heraus, dass es sich nicht um Imitatoren handelt, sondern um eine Band, die bestimmte Einflüsse ganz offen trägt, während andere eher im Hintergrund bleiben. Genau dieses geheimnisvolle, infiltrative Element macht sie zu einem so verlockenden Versprechen.

Das Album startet ganz ähnlich wie Radiohead – oder gelegentlich sogar Muse. Der Wendepunkt kommt mit Oompa Loompa, wenn sich Spiel und Atmosphäre von einem hauptsächlich alternativ-rockigen Setting in eine viel vielfältigere musikalische Welt verwandeln: mit Avantgarde, meditativen Einflüssen (My Plastic Jaw), Post-Rock und natürlich immer noch Alternative Rock, der zumindest wegen des Gesangs immer irgendwo in der Nähe lauert. Diese Italiener zeigen einen größeren Hunger nach rhythmischer Vielfalt als deine typischen Post-Rocker oder Alternativler. Sie mischen lieber einfachere Passagen mit gewagteren Ausflügen.

Das grundlegende Klangbild scheint um Radiohead herum geformt zu sein. Sie erweitern das mit einer breiten Auswahl aus dem Katalog der experimentellen Komposition, plus einer klugen Verflechtung von Melodien und üppigen Arrangements. Anfangs wirken ihre Bemühungen ziemlich langweilig – Gitarren und andere Instrumente klingen recht basic, ohne echte Soli oder instrumentales Großgetue. Doch dieser Schleier aus ziemlich gewöhnlichem Alternative Rock verbirgt eine immense Tiefe ihrer musikalischen Ausdruckskraft. Wenn du dich erst mal in das Meer aus ineinander verwobenen Melodien und clever platzierten Gastinstrumenten fallen lässt (achte besonders auf Perkussion wie Vibrafon, Glockenspiel, Xylofon – und natürlich Violinen, Celli und Holzbläser), wird klar, wie vielfältig und intelligent diese Kompositionen wirklich sind. Ihre großen Ziele und Ambitionen stecken generell in einem sehr kleinen Paket. Diese kurzen, ereignisreichen Stücke lassen sich einzeln oder als Teil des Albums hören, das wie ein Art Konzeptwerk funktioniert. Sie packen so viele Informationen und wunderbare Musik in drei oder vier Minuten, dass die Analyse eines einzigen Songs deutlich länger dauert, als ich ihnen anfangs zugetraut hätte.

In Sachen Klangmanipulation hören wir keine der Highlights, die Radiohead oder ihre avantgardistischen Einflüsse liefern. Aber die Jungs erfinden trotzdem was Eigenes. Sie sind sehr starke Komponisten und blasen Radiohead in dieser Hinsicht locker weg (auch wenn dasselbe von den avantgardistischen Einflüssen nicht gesagt werden kann). Im Grunde nehmen sie das Beste aus beiden Welten und kreieren eine kompositorisch anspruchsvolle, dabei aber melodische Brühe: mit Elementen des Alternative Rock (kurze Songs, Gesang) und einer ordentlichen Dosis kompakter experimenteller Ideen (komplexe Kompositionen).

Wenn dir das Grundgerüst von Radiohead gefällt – mit dem jammernden Gesang (wenn auch deutlich weniger als bei Thom Yorke) und den verträumten Gitarren- und Keyboard-Motiven –, dir aber irgendwas Komplexeres und Musikalisch-Anspruchsvolleres fehlt, könnten dir diese Italiener genau das Richtige sein. Sleep Talking serviert die richtige Menge an Post-Rock/Alternative-Rock-Zugänglichkeit und Hypnose sowie die größere kompositorische Reichweite der Avantgarde-Musik. Dieses Album stillt sowohl den experimentellen als auch den Alternative-Rock-Hunger, und man darf sich von diesen Youngsters definitiv noch viel mehr erhoffen.

 

Besetzung

Paolo D’ Alonzo – Gesang/Texte, E-Gitarre, Akustikgitarre, Rhodes, Synthesizer
Giacomo Di Paolo – Bass, Vibrafon, Xylofon, Akustikgitarre, E-Gitarre, Synthesizer, Rhodes, Glockenspiel
Gregorio Salce – E-Gitarre, Hintergrundgesang, Synthesizer, Vibrafon
Emilio Trevisani – Schlagzeug, Vibrafon, Perkussion, Rhodes
Gäste: Francesco Cassino – Perkussion und E-Gitarre, Gianfrancesco Falbo – Violine, Tommaso Tesini – Cello, Alessandro Scagliarini – Trompete, Carlo Di Paolo – Fagott, Elena Veronesi – Klarinette, Francesco Zago – Mellotron, Jo Marie Sison – Violine

Produktion

Chance:Risiko

Trackliste

1. Sleep Talking
2. Beating a Dead Horse
3. Monday Morning Motivation
4. Dead End
5. Oompa Loompa
6. What’s Wrong with Salamander
7. 30/03/07
8. Active Life
9. My Plastic Jaw
10. Radiations
11. Aus Tokio

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