Since Kyabram
Interpret: O'Rourke, Declan
Label: V2
Veröffentlichung: 2006
Bewertung: 4/5
Declan O’Rourke ist ein junger Musiker aus Irland. Der Titel seiner ersten Platte trägt den Namen einer kleinen australischen Stadt, in der er als Kind mit seiner Familie eine Weile gelebt hat. Sie soll die Erinnerung an diesen Ort tragen und vor allem an den Priester, der ihm seine erste Gitarre schenkte und damit auf gewisse Weise zum verantwortlichen ‚Schuldigen‘ wurde, dass aus einem jungen Burschen ein junger Musiker geworden ist.
Seitdem ist schon einige Zeit vergangen und vieles hat sich verändert – daher auch der Plattentitel „Since Kyabram“. Dass seit Kyabram wirklich schon eine ganze Weile ins Land gegangen ist, zeigt allein die Tatsache, dass Declan heute ein hoch geschätzter und bekannter Musiker ist, vor allem auf den Britischen Inseln und in Australien. Angeblich war dieses Album eines der meisterwarteten Debüts aller Zeiten in Großbritannien und stieß schon bei der Promotion auf eine ausverkaufte Halle in Dublin, und das gleich drei Abende hintereinander; außerdem wurde er live im internationalen Radio gespielt. Schnell setzte er sich ganz oben in den irischen Charts fest und ist dort bis heute zu finden, und das obwohl das Album ursprünglich schon Ende Oktober 2004 erschienen ist! Zunächst nur bei dem kleineren Label N4, während der Rest der Welt es größtenteils erst dieses Jahr hören konnte, als das mächtigere Label V2 das Album veröffentlichte und ein bisschen überarbeitete – und ihm damit noch mehr Türen zum Erfolg öffnete.
Die Sterne stehen für ihn also mehr als offensichtlich günstig: Neben Lob von Kritikern und guten Verkaufszahlen sind auch seine Musikerkollegen begeistert von ihm. In seiner kurzen Karriere hatte er schon die Gelegenheit, mit der Sängerin Bic Runga aufzutreten, stand auf derselben Bühne wie Bob Dylan, und jetzt hat ihn auch noch Paul Weller unter seine Fittiche genommen und ihm die Chance gegeben, bei einigen seiner Auftritte das Publikum anzuheizen.
Aber jetzt zur Musik. Im Großen und Ganzen könnte man Declan O’Rourke zu den typischen modernen Singer-Songwritern stellen, die sich vom reichen Erbe des Singer-Songwritertums der 60er und 70er Jahre inspirieren lassen, aber jeder Vergleich mit irgendwem ist eigentlich überflüssig. Der Musiker wirkt reif und überlegt, mit langsamer und zugleich sehr optimistischer Akustikmusik, die vor allem auf der Gitarre basiert, von Klavier begleitet wird und von schlichten, aber reichen Orchesterarrangements getragen wird, die den verträumten Hintergrund unglaublich zart einfärben und gerne vergessene herbstliche Küstenlandschaften vor dem inneren Auge heraufbeschwören.
Für noch mehr Intensität auf dem Album sorgen leichtfüßige Drums und Percussion, die manchmal fast schon an ‚Late-Night‘-Jazz grenzen und seiner Stimme zusätzlich Melancholie und Dramatik verleihen – einer Stimme, die sich meist im Bariton bewegt, stellenweise aber auch in Falsett-Lagen hinübergleitet.
Ins Album führt uns das leise Geräusch von Regen ein, doch sobald die Instrumente einsetzen, wird klar: Das ist nicht der Regen, der dir die Stimmung versaut, weil mal wieder alles durchnässt ist, sondern ein Regen, den es unbedingt braucht, um alle vergangenen Sorgen und Probleme wegzuwaschen – willkommen, erwünscht, ja fast schon erlösend. Und ihm entkommen kann man nicht, wie schon der Songtitel „No Place To Hide“ andeutet.
Egal, aus welchem Anlass diese Songs entstanden sind – den Texten nach zu urteilen geht es oft um verzwickte zwischenmenschliche Beziehungen –, über ihnen liegt keine Wolke aus Beklemmung oder Unbehagen, und auch die Stimme, die sie trägt, klingt entschlossen und mit jeder Situation versöhnt, die ihr diese Songs eingebrockt haben.
Das ganze Album verwebt und steigert sich dann langsam und hält dabei erstaunlich erfolgreich die Wucht und die Zartheit zugleich, die es sich in den ersten drei Songs vorgenommen hat.
Die einzigen Ausreißer, die diese Stimmung ein wenig durchbrechen, tauchen im Grunde genau bei den Songs auf, die sich auch schon vom Ansatz her am meisten vom Rest abheben (Your World, No Brakes und 1-Way Minds). Sie sind etwas hüpfender und leichter, grenzen schon an ‚Power-Balladen‘ und sind in ihrer Essenz wohl vor allem für ein breiteres Publikum gedacht, trotzdem sind sie alles andere als zwingend notwendig.
Passend wäre vielleicht der Vergleich mit einer der größten neuen Hoffnungen für etwas ‚anspruchsvollere‘ Musik von vor ein paar Jahren, mit John Mayer, der ebenfalls als außergewöhnlicher Songschreiber und Interpret galt, den aber genau solche ‚Power-Balladen‘ zwar an die Spitze der medialen Aufmerksamkeit katapultiert haben, ihn zugleich aber vor allem (noch, nur) für Teenager attraktiv gemacht haben.
Alle diese auffälligen, vorhin erwähnten Songs sitzen in der Mitte des Albums, sodass sich die melancholische Stimmung gegen Ende wieder festigt, und der Song, der das Album als gelungenes Ganzes abschließt, „Marrying The Sea – Til Death Do Us Part“, ist trotz des vermutlich tragischen Endes des Helden, der das Meer um die Hand bittet und von ihm erhört wird, im A-cappella-Stil gesungen, und zwar völlig unbeirrt und direkt. Das einzige ‚Instrument‘, das ihn begleitet, ist leises Wellenrauschen im Hintergrund, und wenn der Gesang plötzlich in der Stille versinkt, taucht eine verspielte Melodie auf, nur von akustischen Instrumenten gespielt, die noch ein paar Minuten auf den Wellen schaukelt und irgendwo zwischen ihnen verschwindet. Übrig bleiben nur noch das immer leisere Wellenrauschen und das angenehme Gefühl, das sich das ganze Album hindurch aufgebaut hat.
Alles in allem ist das trotzdem eine ordentliche Leistung, die garantiert noch in so manches Ohr finden wird – und das ist auch gut so.
Besetzung
Declan O’Rourke – Gesang, Gitarre
Steve Wickham – Arrangements, Violine
Produktion
Declan O’Rourke
Tracklist
01. No Place To Hide
02. Birds Of A Feather
03. Galileo (Someone Like You)
04. Your World
05. No Brakes
06. We Didn’t Mean To Go To Sea
07. 1-Way Minds
08. Love Is The Way
09. Sarah (Last Night In A Dream)
10. Everything Is Different
11. Marrying The Sea – Til Death Do Us Part
Spieldauer: 46.15