Siamese Dream

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Smashing Pumpkins, The
Label: Virgin Records
Release: 1993

 Rhythmus, Pomp und Schönheit ohne Gleichen. Der Frühling naht, ihr Lieben. Der Frühling ist schon da, und genau die richtige Dosis Liebeslyrik und leiser Melancholie ist der perfekte Begleiter für diese Tage, in denen in uns die Sonne erwacht und wir zu unseren mystischen Zentren hin gravitieren…Es gibt wenige Alben, die man fünf Minuten vor der dringenden Evakuierung aus der Wohnung ohne Nachdenken schnappen und mitnehmen würde. Eins von denen, die man auf die einsame Insel mitnehmen würde, ist zweifellos Siamese Dream, mit dem die Chicagoer Poeten des Schmerzes, der Liebe und der Einsamkeit, Smashing Pumpkins, den Kontakt zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu einem Ganzen verschmolzen und die ohnehin schon reichen und fruchtbaren Neunziger unauslöschlich um einen weiteren Klassiker bereicherten, ein Monument seiner Zeit.

Das Debüt Gish hatte ihnen eine ganze Palette an Möglichkeiten eröffnet, aus denen sie die Richtung ihres Ausdrucks wählen konnten, der schon ganz am Anfang des musikalischen Wegs von guter Resonanz begleitet war. „Die vielversprechendsten jungen Hoffnungen“ und ähnlich schmeichelhafte Titel taten nichts anderes, als der jungen Band eine riesige Last auf die Schultern zu laden, weshalb sie schon ganz zu Beginn ihres Wegs kurz vor dem Auseinanderbrechen stand. Die kreative Krise, durch die Ideengeber, Visionär, Texter und vor allem zerbrechlicher Künstler Billy Corgan in eine tiefe Depression fiel, der dekadente Wunsch nach Selbstzerstörung, dem sich Drummer Jimi Chamberlain mit Narkotika annäherte, und die zerbrochene Beziehung zwischen Bassistin D’Arcy und Gitarrist James Iha waren eine ziemlich miese Mitgift auf dem Weg ins Studio, wo sie ein kleines Wunder vollbringen mussten, ein Kunstwerk, mit dem sie Nirvanas Nevermind und Superunknown der Seattler Soundgarden Paroli bieten konnten. Reibereien, ewiger Zoff, worauf Corgan fast alle Inštrumente auf der Platte allein einspielte. Eine tyrannische Tat oder eine Notwendigkeit? Man sagt, dass Streit und Reibung, natürlich im Rahmen des Normalen, zur Entstehung der besten Musik beitragen. Das ließe sich auch am Beispiel von Siamese Dream bestätigen, das sich mit dem Titel eines der besten Alternative-Rock-Alben aller Zeiten schmückt.

Statt den Trendvorgaben zu folgen, die Nirvana abgesteckt hatten, und das Rezept der punkigen Musiklogik zu übernehmen, die sich als Gewinnerkombination erwiesen hatte, gingen Smashing Pumpkins auf Siamese Dream ihren ganz eigenen, ganz anderen Weg. Epische Gitarrensoli, eine vielschichtige und pompöse Produktion, die eine mächtige Soundwand hochzieht… Für die Bausteine sorgte die Band bzw. Billy, zu einem festen Ganzen fügten sie aber Corgan und das Produzentengenie Butch Vig zusammen (der übrigens auch Drummer bei Garbage ist). Die Kompositionen liebäugeln mit Progressive Rock, und zusätzlichen Wert verleihen ihnen neben den musikalischen Kabinettstückchen die tiefgründigen Texte, in die Billy sein ganzes Herzblut gegossen hat, in die er seine ganze kreative Energie gepumpt hat – bis zum letzten Atom. Die Reise durch die Welt des Verehrens, Liebens, gelegentlichen Leidens und der Süße des Schmerzes beginnt mit dem Song ‚Cherub Rock‘, der schon mit den ersten Takten Leidenschaft und die Sehnsucht nach einer ewigen Dosis dessen entfacht, wobei wir uns lebendig fühlen. Er erinnert uns daran, wo das Herz sitzt, falls wir es vielleicht vergessen haben. Nach dem Drum-Intro schleicht sich nach und nach die Gitarre ein, die mit einem explosiven Riff, das wiegt, ganz natürlich neben Corgans für einen Mann untypischem Gesang existiert. Emotionalität und Gespür für Ästhetik tragen den Song im unverminderten Tempo über das Solo bis zum obskuren Refrain und zur Hingabe an verhüllte Parolen in den Texten. Die Stimme ist die Komponente, die Nuancen beisteuert. Corgan ist ein Medium, das gelegentlich in eure Herzen blicken kann. In die Herzen von euch, die ihr fühlt. Corgan malt mit Flüstern und Jammern und zerbrechlichen Melodien, die dem schweren, massiven Kontrast der verzerrten Gitarren aber mit Leichtigkeit gewachsen sind. Die Pastelle fließen ganz ungezwungen in den nächsten Song über. ‚Quiet‘ macht da weiter, wo ‚Cherub Rock‘ aufgehört hat; die Bilder reihen sich in wildem Rhythmus und mit dem Tempo leichten Wahnsinns aneinander, mit einer Melancholie, die aber nicht apathisch ist. Der Puls der Platte läuft ununterbrochen weiter bis zum ersten Hit des Albums, dem Song ‚Today‘, einer Hymne an den Moment und die Erotik des Daseins im Hier und Jetzt, die direkt und voll schlägt. Die Musik klingt pompös und erhaben. Produktionstechnisch reihen sich die Gitarren in immer neue Schichten, die aber stimmig, zusammenhängend und natürlich klingen. ‚Hummer‘ fügt der Perlenkette aus Sinnlichkeit, Entsagung und aufrichtiger Liebe eine orientalische Phrase hinzu, abgemildert durch verträumte Rutscher über das Gitarrengriffbrett, und die Schönheit wird durch warme Jazz-Drums und warmen Bass noch schöner. Die Meditation führt uns über sechseinhalb Minuten, dann überschütten uns die Smashings auf ihre ganz eigene Art mit neuen Riffs, bei denen man denken würde, sie seien schon abgenutzt, und die sie zu einem Elixier ewiger Schönheit gemischt haben, wegen dem sie immer wieder so süß und anziehend sind. ‚Rocket‘ ist ein Statement der Liebe und leichter Benebelung, oder zumindest davon, von Amors Pfeilchen angeschossen zu sein. ‚Disarm‘ ist eine akustische Verbeugung vor vergangenen Zeiten, dem Erwachsenwerden und Entscheidungen, die man nicht ewig beweinen kann, und zugleich ein Versprechen für die Zukunft. Über den Nebelschwaden steigt eine matte Sonne auf, die aus narkoleptischer Verträumtheit weckt. ‚Soma‘ berührt ohne Zögern. Die Traurigkeit ist so greifbar wie kalte Tautropfen in der Wüste ewiger Einsamkeit, ein sicherer Zufluchtsort nur für das einem selbst bekannte Gefühl herben Schmerzes, in dem wir gelegentlich geradezu süß schwelgen. In den Tempel des Sonischen gestellte Bilder, Ikonen des Schmerzes, der Tränen und der Reue sind hier so platziert, dass man bis zum Schluss gefangen genommen wird. Die Verträumtheit unterbricht ‚Geek USA‘, das die Melancholie energisch zertrümmert und eine neue Botschaft einführt. Die Botschaft, dass man überleben und bis zum Schluss weiterkicken kann. Optimismus? Enttäuschungen muss man niederringen oder zumindest in der Schublade verstauen für die Zeiten, in denen wir vergessen haben, wie es sich anfühlte zu fühlen. ‚Mayonaise‘ bringt die Hörerin und den Hörer zurück in den süßlichen Rhythmus etwas ruhigerer Kontemplation und des Fühlens. Man muss nicht wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpfen. Auf den Zustand der Süße folgt eine Reihe von Schmerz, auf den Zustand lucider Nüchternheit Traumbilder, die das Herz bis zum Rand mit Geheimnissen tränken. Der Kopf ist nicht der Wegweiser. Der Hauptwegweiser und die Schaltzentrale beim Hören der Smashing Pumpkins ist das Herz. Es folgt die Einladung zu fühlen und sich zu nehmen. Den ganzen Menschen zu kosten und gemeinsam die Becher des Lebens zu leeren. ‚Spaceboy‘ lehrt, was bleibt, wenn die Liebe nicht erwidert wird und nur einer gibt, während der andere ausgehöhlt fällt und sich ihr trotzdem bis zum Ende hingibt. Ohne Vorbehalte und Bedenken. ‚Silverfuck‘ Eine Explosion aus Energie und Kernigkeit. Zwischen Eros und Thanatos haben wir wieder einen vorläufigen Sieger bekommen, der das Leben dem Tod vorzieht. Aufstand und wilde Leidenschaft. Resignation und das Versinken in alten Gefühlen süßen Schmerzes kommen aber alle paar Minuten wieder. Die Dämonen schleichen sich ein. Immer noch zerstörerisch, obwohl sie sich Kristallmasken mit einem Lächeln aufgesetzt haben. Und schon folgt das große Finale. Für mich das schönste Bild aus dem Traum – ‚Luna‚ als Botschaft ewiger Liebe. Wie die Berührung der Morgenstrahlen. Wie ein warmes Versprechen für den Morgen nach einem kalten Abend. Verträumt, entrückt und hypnotisch.

Siamese Dream ist definitiv eine sehr zusammenhängende und kompakte Platte, die vom Anfang bis zum Ende trägt. Die Reihenfolge der Songs ist wirkungsvoll. Die Produktion genau richtig, um das Spektrum zwischen hohen und tiefen Tönen zu füllen. Der Sound ist saftig und dicht. Wie Blut aus der Herzkammer. Hier sind Smashing Pumpkins auf jeden Fall in ihrer reinsten, besten Form. Das Destillat aus Liebe und Schmerz ist untrennbar. Die beiden sind wie siamesische Zwillinge. Die beste Beschreibung von Siamese Dream liegt in der Allegorie der Liebe als Träumen zu zweit. Allein für sich ist der Mensch unvollständig. Allein für sich stirbt er ab und verkümmert als fühlendes Wesen. Die Blätter können wir nur zu zweit füllen, wenn uns jemand berührt und gelegentlich ins Herz verletzt, sodass wir mit Herzblut auf geheime Pergamente schreiben können: „Ja, ich habe geliebt. Ich liebe. Und ich werde noch lieben.“ Das ist die Grundlage des Lebens. Das ist das Urfeuer, das das Herz nährt. Gelegentlich verbrennt es sich daran, aber die Zeit heilt Wunden, oder etwa nicht?

Besetzung

Billy Corgan – Gesang, Gitarre, Mellotron auf dem Song „Spaceboy“
James Iha – Gitarre, Gesang
D’Arcy Wretzky – Bass, Gesang
Jimmy Chamberlin – Drums

Mike Mills – Piano auf dem Song „Soma“
Eric Remschneider – Cello auf den Songs „Disarm“ und „Luna“
David Ragsdale – Violine auf den Songs „Disarm“ und „Luna“

Produktion

Butch Vig & Billy Corgan

Tracklist

1. Cherub Rock
2. Quiet
3. Today
4. Hummer
5. Rocket
6. Disarm
7. Soma
8. Geek U.S.A.
9. Mayonaise
10. Spaceboy
11. Silverfuck
12. Sweet Sweet
13. Luna

LAUFZEIT DES ALBUMS: 62:14

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