Seventh Star

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Black Sabbath
Label: Vertigo Records
Erschienen: 1986
Laufzeit: 34:55
Wertung: 4.5/5

Die erste Hälfte der Achtziger war zweifellos die chaotischste Phase in der Geschichte der britischen Hard-Rock/Metal-Institution Black Sabbath. Dem großen Wiederaufstieg, den der große Ronnie James Dio mit den Kultplatten „Heaven and Hell“ (1980) und „Mob Rules“ (1981) ausgelöst hatte, folgte nach seinem Abgang ein beschleunigter Zerfall. Gitarren-Großmeister Tony Iommi, nach dem Abgang von  Bassist Geezer Butler und Schlagzeuger Bill Ward (letzterer kehrte zwischenzeitlich noch einige Male erfolglos zurück) das einzige verbliebene Originalmitglied der Legendenband, versuchte die Sängerlücke mit seinem Kneipenkumpel Ian Gillan (Deep Purple) irgendwie zu stopfen. Diese, gelinde gesagt, seltsame Entscheidung hat Black Sabbath durch das kontroverse Album „Born Again“ (1983) und die noch kontroversere Tournee mit einer miniaturhaften Stonehenge-Replik (eines der Hauptelemente der späteren Spinal Tap-Satire) ordentlich Kredit gekostet und die Band am Ende fast begraben.

Nach der symbolischen, nur kurzzeitigen Reunion der Ozzy-Osbourne-Ära-Besetzung beim Live Aid 1985 und dem gescheiterten Experiment mit Sänger David Donato, einem Ex-Model, entschied sich Iommi, sein erstes Soloalbum unter dem Titel „Seventh Star“ aufzunehmen. Zur Seite standen ihm Bassist Dave Spitz (später Great White, Impellitteri, White Lion), Schlagzeuger Eric Singer (ex-Lita Ford, später Badlands, Alice Cooper, Kiss) und Keyboarder Geoff Nichols, langjähriges inoffizielles Mitglied von Black Sabbath, der damit endlich das Etikett »inoffiziell« loswurde. Komplettiert wurde die Besetzung durch Kultsänger und Bassist Glenn Hughes (ex-Trapeze, Deep Purple, Hughes-Thrall), nach Gillan der zweite ehemalige Deep Purple-Sänger, der sich den Sabbath anschloss.

Hughes, der nur für die Gesangsaufgaben engagiert worden war, befand sich damals in einem katastrophalen psychophysischen Zustand, verursacht durch Kokainabhängigkeit und übermäßigen Konsum von Junkfood, vor allem von Mars-Riegeln, auf die er schlechterdings versessen war. Der aufgedunsene, griesgrämige Bartträger mit Bundesliga-Frisur erinnerte kaum noch an das aufstrebende ehemalige Mitglied von Trapeze und Deep Purple. Trotzdem hat einer der besten Rocksänger aller Zeiten seinen Auftrag mit Bravour erfüllt und dem Album eine ordentliche Dosis seines charakteristischen »White Soul« eingeimpft. Der rehabilitierte Hughes hat sich bei Iommi später übrigens bereits mehrfach für seine damalige nachlässige Haltung gegenüber dem „Seventh Star“-Projekt und der Konzerttournee entschuldigt.

Auf Druck der Plattenfirma, vor allem dank des damaligen Sabbath-Managers Don Arden (Vater von Ozzys Frau Sharon), versank Iommis Soloprojekt in der Versenkung, denn dem Albumtitel wurde das Label »Black Sabbath featuring Tony Iommi« aufgeklebt, damit es sich bei den breiten Massen besser verkaufen ließ. Dabei störte sie das wenig gelungene Cover nicht, auf dem ein leicht melancholischer, mitten in der Wüste vereinsamter Iommi in einer seiner zahllosen Lederjacken zu sehen ist. Das Ganze sah nach einem Rezept für eine komplette Katastrophe aus und nach dem letzten Nagel im Sarg der Legendenband — doch der alte Haudegen Iommi ließ sich von den Labelhaien nicht so einfach übers Ohr hauen und schuf wider Erwarten ein exzellentes Album, das seinen Vorgänger „Born Again“ locker in die Tasche steckt und sich mit den besten Black Sabbath-Leistungen souverän messen kann. „No Stranger to Love“ sowie der Titeltrack — beide führt Hughes noch gelegentlich bei Soloauftritten auf — haben sich in die Reihe der Sabbath-Klassiker eingeschrieben.

„Seventh Star“ steht für einen bewussten Bruch mit dem traditionellen »Doom and Gloom«-Sound von Black Sabbath; das Gesamtbild lässt sich am ehesten als Hard Rock mit Blues- und Melodic-Rock-Einflüssen beschreiben. Dennoch finden sich darin auch gewisse Parallelen zur glorreichen Vergangenheit. So ist die Atmosphäre der meisten Stücke auf dem Album ziemlich düster, während sich in den Texten, wo sonst hauptsächlich Liebesgeschichten dominieren, ab und zu ein mystischer Moment findet,  wie bei der Titelkomposition, die sogar leicht nach der Dio-Ära riecht.

Der Eröffnungsreißer „In for the Kill“ trifft den Hörer wie ein Blitz aus heiterem Himmel — mit einem mächtigen Gitarrenriff, galoppierendem Rhythmus und Hughes an der äußersten Grenze seiner Stimmbänder. Natürlich fehlt auch das obligatorische gastronomische Iommi-Solo nicht. Hughes, vielleicht der vielseitigste Sänger in der Geschichte von Black Sabbath, fühlte sich gleichermaßen zuhause in Hard Rock, Funk, AOR, Blues, Pop, Soul und noch so einigem mehr.

Beredtes Zeugnis davon gibt die nostalgische Liebesballade „No Stranger to Love“, bei weitem das kommerziellste und eingängigste Stück des Albums. Dieser Klassiker, der auch als Promo-Single erschien, ist dank eines leicht komischen Videos, in dem sich der einsame Iommi vergeblich der Gesellschaft einer wasserstoffblonden Jägerin in High Heels erwehrt (gespielt von Denise Crosby, später bekannt als Tasha Yar in Star Trek the Next Generation), der mit Abstand bekannteste Track des Albums. Nach dem einleitenden Mellotron-Einsatz entfaltet sich eine melodramatische Melodie, die ihren Gipfel in einem sinnlich-hypnotischen Refrain in bester Hughes-Manier erreicht, während das königliche Gitarrensolo die ergreifende atmosphärische Weite dieses unvergesslichen Evergreens noch weiter vertieft.

„Turn to Stone“ ist ein ziemlich traditioneller Heavy Rocker mit einem Hauch Blues, was dazu beiträgt, dass Hughes‘ ausgeprägt aufgewühlter Gesang sich darin besonders wohl fühlt. Das kurze Instrumental „Sphinx (The Guardian)“ dient in erster Linie als Intro zum Titeltrack. Das großartige „Seventh Star“ ist ein mächtiges Epos mit enigmatischem, orientalischem Ambiente, einem wütenden Gitarrenriff und einem langsamen, melodramatischen Rhythmus. „Danger Zone“, das von der Struktur her ein wenig an die Joe Lynn Turner-Ära von Rainbow erinnert, ist durchzogen von einem kataklystischen Gitarrenriff und Hughes‘ unaufhaltsam drängendem Gesang.

Das bluesrockige „Heart Like a Wheel“ lebt von einem langsamen Tempo und einem eigenartigen, ausgesprochen innovativen Gitarrenriff, wie ihn nur ein Großmeister vom Schlage Iommis hervorzaubern kann. Hier nutzt Hughes erneut die Gelegenheit, sich als bluesiger Ritter des gebrochenen Herzens zu profilieren. „Angry Heart“ ist ein solider Hybrid aus Hard Rock und Melodic Rock, bei dem dynamisch gesetzte Orgellinien im Refrain für ordentlich Würze sorgen und dabei in idealem Einklang mit den kräftigen, aber melodischen Gitarrenfiguren stehen. Die ergreifende Ballade „In Memory…“, bei der Hughes‘ Ausbruch von Scherben eines zerbrochenen Herzens mit ganz besonderem Pathos intoniert wird, ist ein würdiger Abschluss dieses qualitativ durch und durch konsistenten Albums.

Das oft zu Unrecht übersehene „Seventh Star“, das verhinderte Solo-Debüt des vereinsamten, von einem gierigen Label ausgetricksten Iommi, gehört dennoch zu den strahlendsten Juwelen des gewaltigen Black Sabbath-Vermächtnisses — daran können auch die glühendsten Ozzy-Ära-Traditionalisten nicht rütteln. Die Tournee zum Album war erwartungsgemäß eine Katastrophe, da Hughes sich bereits nach wenigen Auftritten in einen vollständigen, zur normalen Artikulation unfähigen aufgedunsenen Zombie verwandelt hatte, sodass Keyboarder Nichols den größten Teil der Gesangspartien aus dem Hintergrund für ihn übernahm. Mit Hughes‘ Ersatz Ray Gillen konnten sie die Tournee immerhin irgendwie zu Ende bringen. Auch Gillen (später Badlands) hielt es nicht lange aus, weshalb Tony »the Cat« Martin einsprang und Black Sabbath erfolgreich in ihre stabilste Phase nach dem Ende der Ozzy-Ära führte.

Besetzung

Glenn Hughes – Gesang
Tony Iommi – Gitarre
Dave Spitz – Bass
Geoff Nicholls – Keyboards
Eric Singer – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Gordon Copley – Bass auf „No Stranger to Love“

Produktion

Jeff Glixman

Trackliste

1. In for the Kill
2. No Stranger to Love
3. Turn to Stone
4. Sphinx (The Guardian)
5. Seventh Star
6. Danger Zone
7. Heart Like a Wheel
8. Angry Heart
9. In Memory…

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