Serenade mit White Widdow in Triest (2011)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Triest / Etnoblog / Italien
Konzertdatum: 28.09.2011
Besucherzahl: 150
Eintrittspreis: 10,00€ (Vorverkauf) / 12,00€ (Abendkasse)

White Widdow sind australische Melodic-Rocker, die 2008 gegründet wurden! Trotz dreijähriger Karriere sind das Musiker, die man nicht zu den Anfängern zählen sollte. Ein abgebrühtes Quintett mit klarer Vision. Das beweist das hervorragende Debütalbum „White Widdow“, das letztes Jahr erschienen ist, und endgültig etabliert wird die Band durch das zweite Studioalbum „Serenade“, das dieser Tage (erneut) über das Label AOR Heaven Records erschienen ist. „Serenade“ ist offiziell noch keine Woche draußen, und schon ist White Widdow in Triest unterwegs.

Etnoblog ist ein Clubraum nahe der Triester Marina. Um neun Uhr lässt sich zumindest in diesem Teil der Stadt noch problemlos ein Parkplatz finden. Es ist halb zehn abends, als die Locals Fist Of Rage die Bühne betreten. Angesichts des Namens, der eher nach Power Metal klingt, und des Indie-Rock-Jacketts des Sängers hätte man von Fist Of Rage alles erwartet, nur keinen Hard Rock.  Und doch. Fist Of Rage pflegen ihr Erbe auf einer soliden Grundlage von Klassikern wie Whitesnake, Rainbow und Deep Purple. Tadellose Performance mit Coversongs von Deep Purple, Whitesnake und AC/DC, wobei der Großteil dem Vortrag von Songs aus dem gleichnamigen Debüt der Band gewidmet war. Die Besetzung ist ein Sextett mit zwei Gitarren und einem Keyboarder. Abstimmung und Eingespieltheit sind auf hohem Niveau, der Sänger übernimmt gerne die Gestik und das Bühnenverhalten von David Coverdale. Einige Probleme hatten die Jungs nur mit dem Gesang, der im Soundmix zu leise eingestellt war, weshalb er gelegentlich aus der idealen melodischen Linie geriet. Ansonsten der Auftritt auf gutem Niveau. Inklusive des Englischen im Gesang!

White Widdow brauchten gerade mal 15 Minuten, wenn nicht sogar weniger, um die Bühne für ihren Auftritt vorzubereiten. Zehn Minuten vor elf Uhr abends eröffnete das Quintett sein Konzert mit One More Night, das dem Debütalbum der Band entstammt. Das klassische Eröffnungsmotiv der Synthesizer sog gut und gerne 100 Köpfe in den Club und vor die Bühne, die anfangs nur höflich zuhörten und die Band anstarrten. Jules Millis, der in Statur und Gesichtszügen entfernt an eine Mischung aus Jeff Keith (Tesla) und Johan Fahlberg (Jaded Heart) erinnert, brauchte ein gutes Dutzend Minuten, um das Publikum schließlich mehrheitlich dazu zu bringen, dem Bühnengeschehen aktiv zu folgen. Dass White Widdow trotz allem kein Unbekannter in diesen Gefilden des westlichen Nachbarlandes ist, bewies sich bei Spirit Of Fire, wo das Publikum ganz spontan in das führende Keyboard-Motiv einstimmte, und kurz vor Schluss auch bei Broken Hearts Won’t Last Forever — in beiden Songs erkannte es die Refrains, was bedeutet, dass das Debüt der Band im Norden Italiens schon vorbildlich Fuß gefasst hat. Das überraschte auch Jules selbst, der bei Spirit Of Fire daraufhin sofort an den Bühnenrand trat, einen Fuß auf den Monitorrand stellte und so das Publikum noch intensiver bei sich hielt.

Die Band stieß vor Tourneestart auf einige Schwierigkeiten, da sie kurzfristig einen Ersatzbassisten finden musste. Leider habe ich den Namen nicht mitbekommen, obwohl der charismatische und agile Frontman Jules Millis den Bassisten während des Konzerts gleich zweimal vorstellte. Naja, ich bezweifle jedenfalls, dass es sich um einen permanenten Wechsel handelt, denn der Typ passt von seiner Erscheinung her kaum zum Melodic-Rock-Prinzip. Er trug ein Metallica-Shirt und erinnerte mit seinem „alternativen“ Look an den exzentrischen Bassisten Nick Oliveri (ex-Queens Of The Stone Age). Wie auch immer — der Mann ist ein Meister seines Fachs, denn er hat sich in wenigen Tagen beide White Widdow-Platten draufgeschafft und der Band die Tournee gerettet.

White Widdow sind unglaublich stark in Sachen Gesangsharmonien. Jules wird gesanglich nur von Gitarrist Enzo und Jules‘ Bruder Xavier an den Keyboards unterstützt. Interessant ist, dass sowohl Xavier als auch Enzo stimmlich eine ähnliche Intonation wie Jules treffen, weshalb die Band in den Songs problemlos auch geteilte Strophen einflechten kann, die sich alle drei Mitglieder abwechselnd in der Hauptgesangsrolle zuspielen. Hervorragende Ausführung. Das gilt ebenso für das Harmonisieren mehrteiliger Gesangslinien. Schlicht Perfektion. Und das ist ein äußerst wichtiges Element des Melodic-Rock-Prinzips, wo es wirklich nicht klug ist, wenn du versagst — denn damit geht auch die echte AOR-Atmosphäre in deiner Musik den Bach runter. White Widdow muss sich davor wirklich nicht fürchten, denn beim Harmonisieren der Gesangsstimmen sind sie schlicht ein Vorbild für andere.

Enzo hat viel Inspiration für seine musikalische Entwicklung aus dem Werk von Eddie Van Halen (Van Halen) sowie George Lynch (Dokken, Lynch Mob)  geschöpft und machte in einigen bravourösen Solopassagen deutlich, dass man es hier mit einem erstklassigen Gitarristen zu tun hat. Der Sound war dem Raum hervorragend angepasst. Nur der Gesang wieder eine Spur zu leise im Mix.

Dass White Widdow in spielerischer Hinsicht wirklich eine kohärent gefestigte Einheit sind, bestätigte die Euphorie des Publikums am Ende des Konzerts. Im ersten Drittel wirkte das Publikum sehr reserviert. Für das sprichwörtlich heiße italienische Temperament war das besonders überraschend. Am Ende aber riefen lautstark und kraftvoll über 100 Köpfe im Raum und forderten eine Zugabe.

Die Band kehrt nach einer längeren Pause auf die Bühne zurück. Jules weist erneut darauf hin, dass die Band aufgrund des unerwarteten Wechsels am Bassgitarrenposten leicht gehandicapt ist — was der Sänger indirekt damit sagen wollte, dass die Band eben nicht alle Nummern aus beiden Studioalben vollständig souverän beherrscht. Trotzdem legten die Jungs noch einen drauf! Das neue Mistake („Serenade“, 2011), und nach fünf Minuten Zugabe verabschiedeten sie sich endgültig vom Publikum.

Beim bloßen Nennen des Namens White Widdow im Zusammenhang mit Melodic Rock / AOR zuckt heute in Slowenien kaum jemand zusammen. Dennoch ist die Tatsache, dass die Band nach gerade einmal drei Jahren Bestehen zum alljährlichen zweitägigen britischen Festival gewidmet dem Erbe des Melodic Rocks namens „Firefest“ eingeladen wurde, der Beweis, dass es sich um eine hervorragende neue Band handelt. Nicht nur das Konzert in Triest, sondern auch beide Studioalben, die ein Beispiel für großen melodischen Perfektionismus im AOR-Revivalismus sind — diesmal australischer Herkunft, die jedoch ein schönes Bündel atmosphärischer Parallelen zu Survivor oder skandinavischen Bands wie Treat, 220 Volt oder Renegade enthält — sind insgesamt der direkte Beweis, dass hier eine neue Melodic-Rock-Band auf dem Vormarsch ist, deren musikalische Aktivität es sich lohnt, in jedem Moment zu verfolgen.

Nach einer Stunde und 10 Minuten war das Konzert vorbei. White Widdow haben also den Großteil beider Studioalben gespielt. Für mehr werden sie ein drittes Studioalbum aufnehmen müssen. Auch die Tatsache, dass einer Band, die einem Genre entstammt, das ausstirbt, sich nicht mehr weiterentwickelt und seinen Zenit in den Achtzigern erreicht hat, eine eigenständige Europatournee ermöglicht wird, ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, wie geschätzt ihre Musik ist, die (vorerst) von den Alben „White Widdow“ (2010) und „Serenade“ (2011) verkörpert wird. Wenn ihr Fans dieser Musik seid, denkt nicht zweimal darüber nach, ob ihr ein White Widdow-Konzert besuchen sollt oder nicht, falls sich dieses hervorragende australische Melodic-Rock-Quintett irgendwann wieder auf den Bühnen Triests wiederfinden sollte!

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

WHITE WIDDOW: 1. One More Day 2. Shoukai (intro) / Tokyo Rain 3. Cross To Bare 4. Do You Remember 5. Cry Wolf 6. Change Of Passion 7. Fire & Ice 8. Strangers In The Night 9. Serenade 10. Spirit Of Fire 11. Reckless Night 12. Broken Hearts Won’t Last Forever —Zugabe— 13. Mistake

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