Seine: 22
Label: Moonlee Records
Produktion: Dimitrij Petrović
Erscheinungsdatum: 06.05.2019
Albumlänge: 34.52 min
Genre: Alternative Rock
Bewertung: 8.5 / 10
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Seine ist das Duo zweier ehemaliger Mitglieder der kroatischen Alternative-Rock-Band Vlasta Popić, die nach der Auflösung der Gruppe ihre Kräfte in einem neuen kreativen musikalischen Projekt gebündelt haben. Die beiden sind Ivan Ščapec und Dimitrij Petrović. Keine zwei Jahre nach dem Erscheinen des Vorgängers »Sno sna« melden sie sich mit dem Nachfolger »22« zurück. Das Debüt hatte reichlich Ungewöhnliches und Eigenartiges zu bieten, was zur Etablierung der neuen Band in der Balkan-Region und Mitteleuropa beigetragen hat – vor allem aber hat sich der unverkennbare Gesang von Ivan Ščapec ins Gedächtnis eingebrannt, dessen Stimmfarbe auf ungewöhnlich androgyne Weise klingt und den Hörer schnell zu dem Fehlschluss verleitet, hier singe tatsächlich eine Frau. Wenn man dann zur richtigen Erkenntnis gelangt, dass dem keineswegs so ist, bleibt mindestens die schelmische Bemerkung, dass man es hier mit dem Mann mit der besten Frauenstimme zu tun hat – natürlich fast der besten, wenn man Geddy Lee (Rush) berücksichtigt.
Spaß beiseite. Ščapecs Gesang ist auch auf dem neuen Album ein integrales und geradezu essenzielles Element jenes Stils, der die ganze Eigenheit dieser in vielerlei Hinsicht kühnen Alternative-Rock-Formation garantiert. »22« bietet noch mehr herausforderndes Spiel als der Vorgänger, was bedeutet, dass es die künstlerische Reichweite der Band effektiv erweitert und auf ein neues, anderes Level hebt.
Zugespitztes und fettes Phrasing erzeugt den anschwellenden Schundr einer nun verzerrten Gitarre oder die aufgedickten, aufgeplusterten Abzüge der akustischen Gitarre, was sich geschickt mit dem Hinzufügen programmierter Soundloops und gesampelter Elemente vermischt, die sich auf das Erbe des Trip-Hop beziehen. Das Duo bewahrt – oder vertieft im Vergleich zum Debüt sogar – die noiserhafte Pose rudimentärer und massiver Klangmanöver elektrischer Aufgeladenheit, die Ščapecs Gesangslinien umgibt, die mehrfach bewusst dissonant gestimmt sind. Gesangliche »Benommenheit«, »Hohlheit«, ja vollständige »Abstumpfung«, »Entfremdung« – oder, in dem Maß, mit dem Gefühl (das die Produktion des Albums selbst hervorlockt), ein Gesang, der einen anspricht, als käme er aus einer anderen Galaxie.
Die Entwicklung der zwar kompakten Stücke, die dem Minimalismus des Axioms »weniger ist mehr« folgen, ist häufig auf der Suche nach atonalen Lösungen, was dem Album jenes anziehende Element der Skurrilität verleiht, das all jene positiv aufwühlen wird, die in den Sphären des Alternative-Rock-Untergrunds nach etwas (buchstäblich) Ungewöhnlichem suchen. Der kompositorische Fokus liegt jedenfalls auf allgemeiner Zugänglichkeit und Kompaktheit, weshalb die Stücke auch in experimentellen Ausbrüchen oder beim Kombinieren dissonanter Manöver zwischen Schundr und Gesang durchgehend ein nachvollziehbares Kompositionsformat bewahren.
Seine sind keine besonderen technischen Virtuosen oder musikalisch akademisch geschulten Genies und bleiben deshalb in ihrem Zugriff marginal und minimal – aber mit einer handwerklichen Kompetenz, die diesen Ansatz bis ins Detail beherrscht. Sie schleifen ihre Fertigkeit weiter und verfeinern sie wirkungsvoll. Gelegentlich sogar bis zur Bizarrerie, was den Hörer schlicht dankbar reizt. Seine bleibt eine Musikformation, die radikalen evolutionären Verschiebungen folgt, indem sie innere Empfindungen, Emotionen und Leidenschaften aufrichtig in eine ihr eigene musikalische Erzählung überträgt. Daher wird es spannend sein zu verfolgen, womit Seine im weiteren Verlauf ihrer Karriere aufwarten werden – und wohin sie sich in ihrem musikalisch-klanglich visionären Voranschreiten noch bewegen werden. Auch das Album »22« bricht mutig mit gängigen Schablonen und versetzt den Hörer im aufgeladenen Theater düsterer Aussichten – so wie sie das Innenleben von Ščapecs Existenz in der »schönen neuen verrückten Welt« bloßlegt – in Schock und Erschütterung; in den erzeugten Gefühlen hoffnungsloser Angstfesseln, die bis zu einem gewissen Grad auch Angst einflößen, winkt er nur noch mit der erhobenen weißen Fahne der Kapitulation und wartet gebrochen darauf, dass die unausweichliche Apokalypse endlich eintritt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Nebo (04:52)
2. Novče (03:00)
3. Pitaju (02:33)
4. Paresu (05:12)
5. Treba (03:59)
6. Borovnica (08:45)
7. El Zlo (07:04)
Besetzung:
Dimitrij Petrović – Schlagzeug, Perkussion, Keyboards, Gesang, Mundharmonika
Ivan Ščapec – Gitarre, Bassgitarre, Keyboards, Gesang, „hi-hat“-Becken auf Track 2
