Sedam

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Künstler: Plavi Orkestar
Label: Dallas Records
Erschienen: 2012
Laufzeit: 51:37
Wertung: 3/5

Auch mit dem Album »Sedam« bleiben Plavi orkestar »jugoslawisch«. Umso mehr »jugoslawisch«, je weniger »jugoslawisch« die Zeiten sind. Dieser Kontrast wird bei »Sedam« sogar noch deutlicher betont, denn die Band bewahrt auch im Jahr 2012 jenes unverkennbare Sentiment, das auf Herzen im Stil retro-nostalgischer Wehmut klopft und Zeiten wiedererweckt, von denen wir heute oft »enttäuscht« leider eingestehen müssen, dass sie viel schöner waren, vor allem aber sorgloser.

Da zieht euch der Opener (R)evolucija hinein, der strophenmäßig sanft im Stil des Hits Ako su to bile samo laži daherkommt, aber mit einem Refrain, der bereits beim Einstieg ins Album die Erkenntnis liefert, dass die Band genug abwechslungsreiche Ideen gefunden hat, die ihre Glaubwürdigkeit wahren und dabei noch frisch klingen. (R)evolucija trägt auch einen ausgeprägten Rocker-Vektor in sich, ist der »härteste« Track des Albums, und schade, dass die Gitarren im weiteren Verlauf nicht öfter stärker in den Vordergrund rücken. In diesem Stück gastiert Dubioza Kolektiv mit einem starken Kontrast im mittleren Instrumentalteil.  Schon zu Beginn ist also klar, dass man »Sedam« nicht als Album »Abschreiben von sich selbst« bezeichnen kann. Es ist aber ein typisches Plavi orkestar-Album, was der Rest bestätigt. Von Kopf bis Fuß.

 Der Titeltrack Sedam hält die Schwingung vergangener Achtziger aufrecht. Die Band liefert einen maximal hörenswerten, leicht arrangierten Track. Diese Leichtigkeit hat bei Plavi orkestar immer gezündet. Durch sie entsteht jener Charakter von Naivität und Sympathie, mit dem Plavi orkestar die Massen immer zu gewinnen wussten. Im Stück Nedodirljiva (auf Deutsch: »Unberührbar«) duftet es zum ersten Mal intensiver nach Pop-Elementen, und in der Strophe könnte sich ein beliebiger »Hip-Hopper« mühelos an Lošićs Verse dranhängen.  Slatke ćari bringt einen gelungenen old-school-Walzer, in den sich die Harmonien von The Platters mühelos einfügen könnten. Amerika ist einer der ausgefeiltesten Tracks des Albums in Sachen Arrangement-Lösungen. Ein Tanzrhythmus, ein packender Refrain mit einer simplen Melodie, in die man leicht einstimmen kann, mit einem besonders ansprechenden Effekt der vollblütigen Klangbildgestaltung in der Produktion, die Lošićs Gesang umhüllt. Die Band hat den Track als erste Promo-Single des Albums veröffentlicht, der aber fast zu ausgefeilt dafür ist, während das geringere Publikumsinteresse daran zugleich beweist, dass Plavi orkestar nach wie vor am stärksten durch ihre Hits bekannt bleiben werden – und die sind nun mal Liebeslieder.

Was Hits angeht, zündet da ein Ethno-Pop-Schlager mit Dragana Mirkovič im Duett mit Lošić viel besser. Loša hat den Track noch zusammen mit dem verstorbenen Šaban Bajramović geschrieben, weshalb es fast selbstverständlich ist, dass es sich um den Track des Albums handelt, der am stärksten das Element volkstümlicher Balkan-Unterhaltungskultur trägt – jenes, das heute noch die größten Konzerthallen auch in Slowenien füllt. Dieses balkanische Ethno-Element lebt später auch in Život nije bajka voll auf, den kommerziellen Pop-Sentiment der Achtziger bringt hingegen S tvojim imenom na usnama zurück aufs Album, wo eine tänzerische Funk-Pop-Figur Lošićs süßlichen Vokalansatz trägt. Svaki od nas nosi svoju bol (auf Deutsch: »Jeder von uns trägt seinen Schmerz«) liefert am Ende des Albums ein sanfteres Ausdrucksbild der Band. Es ist ein melancholisches Stück über das Ende einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die schon lange zusammen sind. Lošićs Verse vermarkten auch diesmal erfolgreich die Kulisse eines leicht zugänglichen Melos,  und das Album schließt so mit einem Track, der in arrangementtechnischer Hinsicht zu den stärkeren Punkten des Albums zählt.

Der Track, der am meisten Diskussionen auslösen wird, ist mit Sicherheit Od kod si doma. Loša erprobt sich im teilweisen Einsatz slowenischer Verse. Der Mann lebt seit zwanzig Jahren in Slowenien. Es ist kaum zu glauben, wie schlecht ihm das Slowenische gelingt. Und doch kontrastiert gerade diese (ob bewusst oder unbewusst – das ist nicht einmal wichtig) äußerst unglückliche und unbeholfene Verwendung des Slowenischen den Track so, dass seine Botschaft noch wirkungsvoller erscheint. Auf der anderen Seite ist dies ein Beispiel für einen typisch blöden Track, der das Album leider verhagelt.

Sedam liefert in künstlerischer Hinsicht rein gar nichts Besonderes. Es ist ein bewährtes und vorsichtiges Album, das darauf aus ist, die Massen zu vermarkten und zu gewinnen. Man fragt sich, wie es sein kann, dass eine Band, die bald ihr 30-jähriges Bestehen feiert, kein Album mit höherem künstlerischem Anspruch und multifacettierterem Charakter herausbringen will. Dass sie ihre Kreativität nicht auch in einem anderen Licht herausfordern will. Spontaner und unvorhersehbarer. Diese Frage ergibt sich aus dem logischen Schluss, dass Musiker künstlerisch über die Jahre reifen, weshalb solche Erwartungen oder Anforderungen sogar völlig berechtigt sind. Aber das werden nur anspruchsvolle Hörer bemerken, denen es in den Grundzügen ihrer Musikwahrnehmung herzlich egal ist, ob Plavi orkestar überhaupt auf der Szene präsent sind oder nicht. Leere Grübeleien also.

Und dennoch ist »Sedam« ein qualitativ hochwertiges und in jeder Hinsicht glaubwürdiges Album, wie es dem Namen Plavi orkestar gebührt. Das Quartett beharrt eisern  auf dem, was ihm immer das Ass im Ärmel war. Vorne stehen wieder die Liebeslieder.  Das ist jene Naivität, die der Band bis heute anhaftet.  Man würde sich noch härtere Inhalte wünschen, wie sie der mitreißende Adrenalinstoß des eröffnenden Rock-Marsches (R)evolucija auslöst, während es sich nicht mehr lohnt zu erwähnen, dass Plavi orkestar in reifen Jahren ihre kreativen Talente in künstlerischer Hinsicht stärker herausfordern könnten. So aber handelt es sich um ein sehr vorsichtiges Album, das in erster Linie der Masse gefallen will. Und es wird der Masse gefallen. Es bewahrt nämlich alles, was Plavi orkestar sind, waren und sein werden (offenbar auch in Zukunft bleiben werden). Einst jugoslawische Fahnenträger, heute retro-jugoslawische Nostalgiker. Aber genau das ist es, was ihnen die Türen nach wie vor weit offenhält und ihren Schritt im Rhythmus der Mainstream-Anforderungen des aktuellen Raums und der Zeit auf dem Balkan hält. Ein in der Zeit verloren gegangenes Album, das aber einmal mehr glücklich seinen Besitzer wiedergefunden hat. Die Mission ist für Plavi orkestar mit dem Album »Sedam« erneut erfolgreich abgeschlossen. Auch wenn ohne Superlative. Ein gemäßigtes, vorhersehbares, entspanntes, leichtfüßiges Album, das allen  Fans der Band wie auf den Leib geschrieben ist.

Besetzung

Saša Lošić – Gesang, Gitarre
Saša Zalepugin – Gitarre
Samir Čeremida – Bassgitarre
Admir Čeremida – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Dragana Mirkovič – Gesang auf Track Nr. 6.
Dubioza Kolektiv – Gesang auf Track Nr. 1
Dalibor Marinkovič – Gesang auf den Tracks Nr. 3 und 11.
Bane Vasić – Akkordeon auf Track Nr. 6
Bruno Urlić – Viola, Violine auf Track Nr. 5.
Ljubinko Đurić – Violine auf Track Nr. 10.
Nikša Bratoš – Keyboards, Gitarre, Programmierung

Produktion

Nikša Bratoš

Trackliste

1. (R)evolucija
2. Sedam
3. Nedodirljiva
4. Slatke čari
5. Amerika
6. Ti misliš da je meni lako
7. S tvojim imenom na usnama
8. Od kod si doma
9. Bi li pošla sa mnom
10. Život nije bajka
11. Svako od nas nosi svoj bol

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