Secret Garden

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Angra
Label: Edel Records
Erschienen: 2015
Spielzeit: 49:04
Wertung: 4.5/5

24 Jahre ist es her, seit diese außergewöhnliche brasilianische Band das Licht der Welt erblickt hat. Angra setzte mit der Unterschrift bei SPV Records und den Alben »Angels«, »Holy Land« und »Firewioks« einige bis dahin ungehörte und unbekannte Standards im Metal und katapultierte die Band damit schlagartig auf die Weltkarte des Metals. Die Gruppe war schon immer bekannt für ihre außergewöhnliche technische Perfektion im Zeichen virtuoser Symbiose, ultra-melodische Zugänglichkeit und die eigenwillige Verbindung von Elementen der klassischen Musik mit Elementen des traditionellen südamerikanischen Melos. Angra gelten also als Progressive-Metaller. Im Unterschied zu den Prog-Metal-Titanen Dream Theater haben Angra beim Arrangieren stets auf hohe Kompaktheit der ohnehin komplex angelegten Arrangements geachtet, weshalb ihre Songs immer ein ausgeprägtes Gespür für ein durchdachtes und kompaktes Paket bewahrten, in dem Strophe und Refrain klar herausgearbeitet sind. Die Band hat sich also nie in eine Art progressives Experimentieren verstrickt, bei dem sie motivisch in eine Art kompositorische Fragmentiertheit zerfallen wäre, die zeitweise schwer verdaulich sein könnte – was man von Dream Theater nicht immer behaupten kann.

Aber weg von der einleitenden Philosophie. Angra ist bekannt für die Launenhaftigkeit ihrer Mitglieder, weshalb die Karriere der Band von Abgängen und Zugängen geprägt ist. Wenn man auf die Jahre ihres Bestehens zurückblickt, ist es schlicht faszinierend, dass Angra überhaupt noch existiert. Wie man es auch dreht und wendet: Zwei Namen sind in dieser Band unverzichtbar, damit sie neue Musik erschaffen kann – Gründungsgitarrist Rafael Bittencourt und natürlich der außergewöhnliche Kiko Loureiro, der im Rahmen seiner Gitarren-Workshops auch schon zweimal in Ljubljana zu Gast war.

Vier Jahre nach der Veröffentlichung des Albums »Aqua« (2010) durchlief die Band erneut einige Rochaden in der Besetzung. Zunächst verließ Sänger Edu Falaschi die Band, der noch 2013 durch den angesehenen italienischen Sänger Fabio Lione (Rhapsody of Fire, Vision Divine, ex-Labirynth) ersetzt wurde. Ein Jahr später verließ Schlagzeuger Ricardo Confessori Angra – bereits zum zweiten Mal in seiner Karriere – und wurde kurz vor Beginn der Aufnahmen zum neuen Album »Secret Garden« durch den jungen, gerade mal 23-jährigen Bruno Valverde ersetzt!

Secret Garden beweist die außergewöhnliche Reifung des kreativen Kerns der Band – beider Gitarristen also: Loureiro und Bittencourt. Die Songs liefern wieder all die Vorzüge, für die Angra seit jeher geschätzt wurden, und gelten noch heute als eine der besten Prog-Metal-Bands – mit der Eigenständigkeit eines künstlerisch definierten und ausgefeilten musikalischen Unikats. Ihr musikalisches Ausdrucksrepertoire ist für Kenner unverkennbar und einzigartig. Hätte die Band nicht ständig mit Besetzungsinstabilität zu kämpfen gehabt, hätte sie wahrscheinlich größeren kommerziellen Erfolg erzielt – so aber hat das Interesse an der Musik von Angra in den letzten Jahren beim breiten Publikum deutlich nachgelassen. Zum Glück bleibt die Qualität!

All das koexistiert in einem außergewöhnlichen kompositorisch-arrangementtechnischen Pragmatismus, der eine brillante Kombination aus ultramelodischer Eingängigkeit und hochatmosphärischer Spannung eines überlegenen dramatischen Theaters liefert, das auf den Schwingen wechselnder Stimmungslagen über das Album dahinreitet. »Secret Garden« ist wieder ein außergewöhnlich düsteres Album. Diese Düsterheit boten Angra erstmals ernsthafter mit dem Album »Temple of Shadows« (2004) auf. Black Hearted Soul und Perfect Simmetry liefern das Sentiment älterer Songs wie die Klassiker Angels Cry oder Nova Era, während die Band stellenweise wieder tribale Unterhythmen in die rhythmischen Texturen einwebt (Newborn Me (mit Flamenco-Passage auf der Akustikgitarre), Final Light, Upper Levels), die ebenfalls das bekannte klassische Gesicht der Band heraufbeschwören – noch aus der Zeit der Erschaffung der epischen Mini-Suite Carolina The IV. Bereits der Opener Newborn Me bringt all die gesuchten typischen Charakteristika des Progressive Metal nach Angra-Rezept mit: progressiv gebrochene Rhythmen (Strophe, Übergangs-Pre-Chorus, außergewöhnliche »mid-eight«-Passage) sowie ein atmosphärisches Crescendo des melodisch hochgesanglichen Refrains. Wer auf dem neuen Album nach einem Übermaß an progressiven Elementen sucht, wird diesmal besonders von Upper Levels begeistert sein – das ist definitiv der kreative Höhepunkt des neuen Albums! Anleihen bei der klassischen Musik sind wieder allgegenwärtig, und diese Elemente gravitieren in den Kompositionen vor allem in Richtung der mittleren »mid-eight«-Teile, wo auch Loureiro und Bittencourt gewöhnlich mit vollem Anlauf zu einigen technisch extrem anspruchsvollen instrumentalen Passagen ihres brillanten Gitarrenspiels ansetzen. Die Band ist also mit außergewöhnlicher Akribie ans Arrangieren herangegangen und hat erneut ein Album von höchster künstlerischer Brillanz abgeliefert

Besondere Momente des Albums sind auch die beiden Gastauftritte weiblicher Vokalistinnen.  Der erste gehört Simone Simons. Sie eröffnet den Titelsong zunächst fast im Stil einer Chanson, die balladenhaft angelegt bleibt, sich aber später zu einer symphonischen epischen Metal-Suite entwickelt. Was für ein Mezzosopran! Der zweite Gastvokaleinsatz ist noch eine Spur interessanter. In das ausgesprochen düstere Crushing Room tritt nämlich Doro Pesch ins Duett ein und fügt ihrer unverkennbaren Klangfarbe eine gehörige Portion Rauheit hinzu, was ein besonderes Theater erzeugt – nicht nur im Song, sondern auf dem gesamten Album.

Angra sind zurück – mit einem ausgezeichneten Album im Gepäck. Zunächst war das größte Fragezeichen ausgerechnet Fabio Lione, vor allem wegen seiner nicht gerade geglückten Neuinterpretation der Angra-Klassiker auf dem Livealbum »Angels Cry 20th Annyversary Tour« – doch auf »Secret Garden« hat der Mann bewiesen, dass seine unverkennbare Operettenhaftigkeit direkt in die vielschichtige Kompositionsweise der Band passt. An Dynamit mangelt es dem Album nicht. An ideenreichem Funkenflug noch weniger. Das Album durchzieht eine außergewöhnliche kompositorische Frische und – wie eh und je – eine geradezu faszinierende Balance aus außergewöhnlicher Lebendigkeit der Arrangements und erstklassiger melodischer Würze! Die brasilianischen Metal-Nachtigallen sind also zurück und schlagen mit aller Vehemenz zu! Aufgestachelt und überschäumend wie schon lange nicht mehr! 

Besetzung

Fabio Lione – Gesang
Rafael Bittencourt – Gitarre, Backgroundgesang
Kiko Loureiro – Gitarre
Felipe Andreoli – Bassgitarre
Bruno Valverde – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Simone Simons  Gesang auf Track Nr. 7
Doro Pesch  Gesang auf Track Nr. 9

Produktion

Jens Bogren

Trackliste

01. Newborn Me
02. Black Hearted Soul
03. Final Light
04. Storm Of Emotions
05. Synchronicity II
06. Violet Sky
07. Secret Garden
08. Upper Levels
09. Crushing Room
10. Perfect Symmetry
11. Silent Call

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