Second Nature

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Lionheart
Label: AOR Heaven Records
Erschienen: 2017
Laufzeit: 50:59
Wertung: 4.5/5

Die unbestrittene N.W.O.B.H.M.-Legende Lionheart, eine Band, die Mitte der Achtziger ein Album veröffentlichte und sich danach unrühmlich auflöste – ähnlich wie eine ganze Reihe ihrer Zeitgenossen –, hat sich nach 30 Jahren im letzten Jahr wieder zusammengefunden und ein neues Album angekündigt. Tatsächlich haben wir es auch bekommen. Ende August erschien beim Label AOR Heaven Records das Album »Second Nature«. 

Die Geschichte von Lionheart begann 1980, als die Band von Gitarrist Dennis Stratton (Iron Maiden, Praying Mantis), Sänger Jess Cox (Tygers of Pan Tang), Gitarrist Steve Mann (Liar), Bassist Rocky Newton (Wildfire) und Schlagzeuger Frank Noon (Def Leppard) gegründet wurde. In der aktiven Phase der Achtziger, die für die Band durchaus turbulent war, bildeten Stratton, Newton und Mann stets den Kern von Lionheart, während die Band im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Sängern und Schlagzeugern verschliss. Auf dem Sänger-Posten wechselten sich Rueben Archer, John Farlham und Bob Hawthorn ab, wobei gelegentlich auch Stratton und Newton als Sänger einsprangen. Den Schlagzeuger-Stuhl besetzten in der Band im Laufe der Jahre: Les Binks (Judas Priest), Nicko McBrain (Trust, Iron Maiden, Pat Travers Band) und Clive Edwards (Wild Horses). Nach einer längeren Ruhephase fand sich die Band 2016 auf Initiative des Rockingham-Festival-Promoters Dave Herron wieder zusammen. Es folgte ein Auftritt beim diesjährigen Sweden Rock Festival, und in dieser Zeit erarbeitete die Band auch das Material für das neue Studioalbum. »Second Nature«, so der Titel, entstand zwischen November 2016 und Mai 2017; die Produktion übernahm Steve Mann in seinem Studio im deutschen Hannover. Lionheart absolvierten in diesem Sommer bereits eine erfolgreiche (kürzere) Japan-Tournee gemeinsam mit Praying Mantis. Für November und Dezember sind bereits Auftritte durch Großbritannien angekündigt. Als Tourbegleiter haben sie eine weitere legendäre britische Rockband gewählt: Airrace.

Und wie klingt »Second Nature«? Angesichts des obigen biografischen Abrisses und der musikalischen Vita der genannten Bands lässt sich am einfachsten sagen, dass es sich um eine gelungene Mischung aus allem handelt. Die stärksten stilistischen Ähnlichkeiten pflegt das neue Album mit Praying Mantis, außerdem mit den Uriah Heep-Alben »Head First« und »Abominog«; hinzu kommt auch die kurze Praying Mantis-Ära, als diese sich Stratus nannten und Bernie Shaw, der seit 1986 ununterbrochen für Uriah Heep singt, die Vocals für das einzige Stratus-Album beisteuerte. Was die stilistischen Parallelen betrifft, müssen unbedingt noch Sweet und Grand Prix erwähnt werden; und von den Vergleichen Lionhearts mit Zeitgenossen sei betont, dass die angekündigte Tourgespannschaft mit den Landsleuten Airrace absolut naheliegend ist. Wer Airrace mag, wird Lionheart sofort ins Herz schließen. Interessant dabei: In ihrer Frühphase spielten Lionheart schnörkellosen Heavy Metal – daher werden sie von Kritikern auch der NWOBHM-Welle zugerechnet –, änderten dann aber ähnlich wie Praying Mantis auf dem Debütalbum den Stil radikal und ließen sich auf einen damals radiofähigen AOR-Sound ein, woraufhin ihnen die alten Fans den Rücken kehrten. Das neue Album nähert sich in seinen Refrainmelodien gelegentlich sogar dem West-Coast-AOR-Feeling von Journey und Rob Morattis letzten beiden Soloalben an; musikalisch wird es auch den meisten Fans der klassischen Def Leppard vertraut vorkommen – auch wenn, wie bereits erwähnt, »Second Nature« am treffendsten durch folgende Beschreibung erfasst wird. Eine Kombination aus Praying Mantis, der Uriah Heep-Ära der ersten Hälfte der Achtziger und Airrace, plus einer satten Dosis Sweet-Einfluss. Die Art, wie die Refrainmelodien komponiert sind – pompös ausgeschmückt mit mehrstimmigen Vokalharmonien –, sagt eigentlich alles. Ebenso die Produktion und die Integration des alten »Eighties«-Keyboard-Sounds in die Arrangements.

An Wucht mangelt es dem Album jedenfalls nicht. Die Gitarrenlinien sind elementar, die Gitarren scharf genug angeschliffen, um von der gewünschten Härte sprechen zu können – auch wenn die Melodik durchgehend mit dem Pop der Achtziger flirtet (typische AOR-Charakteristika eben). Am nächsten daran ist der Albumauftakt; im weiteren Verlauf nimmt der klassische Heavy-Metal-Anteil zu. Erwähnenswert ist außerdem, dass der neue Sänger Lee Small eigentlich »unkenntlich« ist. Gemessen an dem Vokalansatz, den er bei Surveillance und dem letzten Album der kultigen britischen AOR-Rocker Shy pflegte – in dem die Beeinflussung durch Glenn Hughes und Steve Overland (FM, Shadowman, Overland) deutlich spürbar ist –, geht Small hier mit völlig klaren, »geraden« Linien vor, ohne jegliche »Soul«-Akrobatik. Gleichzeitig entwickelt er eine ausgeprägte vokale Dominanz und Autorität. Er passt sowohl vom Timbre als auch vom »neu gefundenen« Ansatz her hervorragend. Eine brillante Gesangsperformance eines brillanten Sängers also.

Ihre Reife und ihr Können beweisen Lionheart auf dem neuen Album auch daran, wie hervorragend sie Chris De Burghs Don’t Pay the Ferrymen und den Song Every Boy in Town der kultigen NWOBHM-Band Taurus neu arrangiert haben. Wer die Originale nicht kennt, würde im Handumdrehen denken, es seien Eigenkompositionen von Lionheart. Und wie gut sie sich erst in das Album »Second Nature« einfügen.

Lionheart haben mit »Second Nature« also ein sehr schönes, vollendetes, qualitativ kohärentes und kompaktes Album abgeliefert, das auf dem schmalen Grat zwischen den Elementen des klassischen Metal und der ausgesprochen melodisch-rockigen Komponente von Hard Rock und AOR-Musik wandelt. Für Achtziger-Nostalgiker und Fans der in dieser Rezension genannten Bands ist das ein Album, das ihr unbedingt checken müsst. Man spürt, dass die Ideen alt sind und über die Jahre sorgfältig gereift sind – entsprechend sind alle Tracks durchgehend hervorragend arrangiert und bis ins letzte Detail ausgefeilt. Von der ersten bis zur letzten Sekunde. Hoffen wir, dass die Band diese Inspiration beibehält und sie bald in ein weiteres Studioalbum einfließen lässt.

Lionheart – Don’t Pay the Ferrymen (offizielles Video):

Besetzung

Lee Small – Gesang
Dennis Stratton – Gitarre, Hintergrundgesang
Steve Mann – Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Rocky Newton – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Clive Edwards – Schlagzeug

Produktion

Steve Mann

Tracklist

1. Prelude
2. Give Me the Light
3. Don’t Pay the Ferrymen
4. Angels With Dirty Faces
5. 30. Years
6. On Our Way
7. Second Nature
8. Prisoner
9. Every Boy in Town
10. Time is Watching
11. Heartbeat Radio
12. Lionheart
13. Reprise

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