Savage Sinusoid

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Autor: Kristijan Matjašič

Künstler: Igorrr
Label: Metal Blade Records
Erschienen: 2017
Laufzeit: 39:26
Bewertung: 4.5/5

Der französische Multi-Instrumentalist Gautier Serre, besser bekannt unter dem Namen Igorrr (und nein, das ist kein Rechtschreibfehler), ist ein Mensch mit einer etwas anderen Vision in der Musikwelt. Der Produzent/DJ und Bühnen-Einzelgänger hat 4 Alben hinter sich. Er ist außerdem Mitglied/Gründer der Gruppe Corpo Mente und Techniker bei Öxxö Xööx und den ungarischen Thy Catafalque. In einer Welt, in der es an Originalität und »Andersartigkeit« mangelt, brauchen wir genau das. Igorrr serviert uns nicht nur Andersartigkeit, sondern treibt es mit absurden Melodien, dissonanten Harmonien, einer Mischung aus Balkan- und französischen Themen und Rhythmen beinahe zu weit – bleibt dabei aber im Rahmen des guten Geschmacks, was natürlich von den musikalischen Geschmacksknospen jedes Einzelnen abhängt. Dieses Jahr hat er sich entschieden, seine kreativen Flügel auf der Bühne auszubreiten, und hat für Igorrr die Hauptsängerin von Corpo Mente –   Laure Le Prunenec, den Sänger von Öxxö XööX – Laurent Lunoir sowie den Schlagzeuger Sylvain Bouvier eingeladen.

Savage Sinusoid ist das fünfte Studioalbum von Serres Projekt. Neben den beiden Sängern und dem Schlagzeuger, die zur festen Besetzung dieses Projekts geworden sind, hören wir auch Serres leider inzwischen verstorbenes Huhn namens Patrick. Alle Instrumente, die wir auf diesem Album hören, wurden live im Studio eingespielt. Der Kopf des Projekts wollte Samples vermeiden, die normalerweise recht digital klingen, und lud deshalb verschiedene Meister ihres Fachs zur Aufnahme ein. Von Sitar-Gitarren bis hin zu Saxofonen und Cembali. Alles live eingespielt und im Studio aufgenommen. Und ja, auch Patrick wurde aufgenommen und dem Album hinzugefügt. Wenn du mehr über die Aufnahmesession erfahren möchtest, kannst du dir die »Making of«-Videos auf ihrem YouTube-Kanal ansehen.

An diese Rezension ranzugehen ist keine leichte Kost, denn das Album ist ziemlich wild und überall gleichzeitig. Von kopfzertrümmernden Death-Metal-Blast-Beats am Schlagzeug, die Sylvain – der körperlich dazu auch bestens geeignet ist, denn ein Arm von ihm ist so groß wie meine beiden zusammen – mit exzellenter Präzision auf die Tracks bringt, bis hin zu Laures arienhaften Operngesängen, die an klassische Opernwerke erinnern. Dazu kommt noch Laurent, der wahrscheinlich Weltmeister im Schnellsprechen der Phrase »la la la« ist. Aber das ist kein verspieltes kindliches »la la la«, sondern ein düsteres, beinahe beängstigendes »la la la«, bei dem ich dir vom Drogenkonsum abraten würde – denn es könnte dich in einen »bad trip« treiben. Serre sorgt im Hintergrund für die elektronische Basis, die das Album an manchen Stellen in den metalligsten Rave verwandeln kann.

Schon der Albumtitel verrät uns, dass das Album wahnsinnig und wild sein wird – aber zeitweise auch sehr schön. Der Opener Viande bestätigt das noch einmal. Das zweiminütige Intro stellt uns die Energie vor, die das Album durch seine gesamte Länge tragen und verbrauchen wird – mit Schreien und monströsem Schlagzeuggedröhn. Weil das aber noch nicht »over the top« genug ist, versuch mal, die Songtexte zu finden. Leider muss ich dich enttäuschen, denn die gibt es nicht. Die beiden Sänger haben sich die Sprache, in der sie singen, selbst ausgedacht – also musst du dir keine Mühe geben, einen tieferen Sinn zu suchen, denn den gibt es schlicht nicht. Das gesamte Album malt eine seltsame Zirkus-Freakshow, bei der jeder einzelne Track seinen eigenen »Freak« repräsentiert.

Zwischendurch unterbricht der Song Houmous diese Energie – eine Mischung aus Balkan- und französischer Musik. Für diese Stimmung sorgen Akkordeon und Saxofon. Stell dir vor, du gehst zu Ćevapčići aus Sarajevo, Mazedonien oder Serbien – oder welche auch immer deine liebsten sind, das ist nicht mein Thema hier –, und dazu würde man dir einen Korb Baguette und Croissants servieren. Beim Essen hättest du etwas zu viel Rakija getrunken und wärst aus dem Restaurant geworfen worden. Danach würdest du dich auf verschiedenen Schauplätzen wiederfinden – von französischer Musik bis hin zu einem Death-Metal-Event.

Mir scheint es, als würde sich das Projekt nicht ganz ernst nehmen. Das lässt sich an den Titeln einiger Songs ablesen, wie etwa Spaghetti Forever und Apopathodiaphulatophobie. Aber es nimmt sich ernst genug, um eine der originellsten und eigenständigsten Veröffentlichungen dieses Jahres zu sein. Das gesamte Album ist eine Mischung aus Death Metal, Grindcore, Trip-Hop, Barockmusik und elektronischer Musik. Obwohl es sich wie eine unmögliche Genremischung anhört, gelingt es Serre irgendwie, sie auf die richtige Art zu vermischen und uns etwas Neues und vor allem Interessantes zu bieten, das sich schlicht nicht kopieren lässt.

 

Besetzung

Schlagzeug – Sylvain Bouvier
Gitarre – Morten Iversen, Antony Miranda
Klassische Gitarre – Nils Cheville
Bass – Morten Iversen, Erlend Caspersen
Gesang – Laurent Lunoir, Laure Le Prunenec, Travis Ryan, Yasmina Barra
Cembalo – Katerina Chrobokova
Saxofon – Yann Le Glaz
8-Bit-Sound – Aymeric Thomas
Sitar – Antony Miranda
Streicher – Benjamin Violet
Akkordeon – Pierre Mussi
Mandoline – Pedrou Lacasa

 

Produktion

Gautier Serre

Trackliste

1. Viande
2. Ieud
3. Houmous
4. Opus Brain
5. Problème D’émotion
6. Spaghetti Forever
7. Cheval
8. Apopathodiaphulatophobie
9. Va te foutre
10. Robert
11. Au Revoir

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