Santana IV
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Santana
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2016
Laufzeit: 75:26
Bewertung: 4.5/5
Fans der klassischen Version der legendären Latin-Rock-Band Santana mussten ganze fünfundvierzig Jahre warten, bevor Carlos Santana und seine Kumpel aus der Woodstock-Ära, Neal Schon, Gregg Rolie, Michael Shrieve und Mike Carabello, wieder die Kräfte bündelten und ein Album in ihrem klassischen Stil aufnahmen — dem Stil, mit dem sie Ende der Sechziger bzw. Anfang der Siebziger berühmt wurden: afrikanisch-lateinisch-karibische Rhythmen, bluesig-psychedelische Gitarren-Variationen mit gelegentlichen Anklängen an Jazz-Improvisation. Der Albumtitel »Santana IV« ist kein Zufall, denn seit »Santana III« (1971), als diese Besetzung zuletzt gemeinsam spielte (»Caravanserai« zählt nicht, weil der Originalbassist da nicht mehr dabei war), sind genau fünfundvierzig Jahre vergangen. Die Idee für die erneute Zusammenarbeit zwischen Carlos und Neal Schon entstand übrigens bereits 2013.
Der Keim des dreiundzwanzigsten Santana-Studioalbums entstand aus einem ziemlich harmlosen Vorschlag von Schon, gemeinsam mit Carlos nach langer Zeit wieder die musikalischen Kräfte zu bündeln und ein neues gemeinsames Projekt zu kreieren. Carlos schlug dem in allen Wassern gewaschenen Gitarristen der AOR-Legenden Journey dann vor, dass es am besten wäre, wenn sich alle noch lebenden Mitglieder der klassischen Santana-Besetzung zusammentun — was zur allgemeinen Überraschung und Begeisterung der langjährigen Fans zu Aufnahmen neuen Materials in den Jahren 2014 und 2015 führte. Zur klassischen Besetzung stießen auch beide Mitglieder der modernen Santana-Version: Bassist Benny Rietveld und Perkussionist Karl Perazzo. Der Originalbassist David Brown starb leider bereits 2000, während der nicaraguanische Perkussionist und ebenfalls ursprüngliche Bandmitglied Jose ‚Chepito‘ Areas sich gegen eine erneute Mitwirkung entschied.
Entstanden sind sechzehn neue Songs, die trotz moderner Produktion und einigen ‚zeitgemäßeren‘ Ideen größtenteils der Klangvision der meistrespektierten Version der Legendenband folgen — jener Version, die 1969 mit dem Auftritt von »Soul Sacrifice« beim Woodstock-Festival die Herzen der Fans eroberte. Das bedeutet: Das giftige Gitarren-Duo aus Carlos und Neal ist zurück, das beim wilden Improvisieren nicht knausert, während ihm Rolies säuselnde Hammond-Orgel sowie extrem abwechslungsreiche Rhythmen an der Grenze zwischen Rock, Blues, Jazz-Fusion und lateinamerikanisch-afrikanischer Ethno-Musik die ideale Begleitung liefern. Den Großteil der Vokal-Tracks sang der ursprüngliche Leadsänger, also Rolie, während Sänger Ronald Isley bei zwei Songs zu Gast war. Eigentlich wäre absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn Schon, der von Song zu Song brilliert, alle Gitarrensoli des Albums alleine einspielen würde — der Schüler hat den Meister längst übertroffen —, aber der Bandchef darf dann doch nicht allzu sehr im Hintergrund verschwinden, weshalb es gut ist, dass auch Carlos mehrfach beweist, dass seine melancholischen Gitarren-Improvisationen noch lange nicht zum alten Eisen gehören.
Nostalgiker werden sich am meisten an Songs wie »Filmore East«, »Love Makes The World Go Round«, »Freedom In Your Mind«, »Blues Magic« und »Leave Me Alone« erfreuen, die von Anfang bis Ende vom altehrwürdigen Latin-Rock-Geist der klassischen Santana-Inkarnation durchdrungen sind. Auch die Tracks mit kommerziellem Potenzial — etwa das ultra-melodische »Choo Choo« mit seinem fast schon tänzerischen Rhythmus — glänzen mit klassischem Santana-Sound und -Ansatz. Liebhaber der Latino-Melancholie werden im siebten Himmel schweben beim Hören von »Suen os«, das inmitten üppiger symphonischer Arrangements ein durch und durch charakteristisches, dabei aber noch immer zu Herzen gehendes Carlos-Gitarrensolo enthält.
Die Fans des Latino-Rock-Fusion werden überglücklich sein beim Hören von »Caminando«, das förmlich strotzt vor leidenschaftlichen Latino-Rhythmen und mörderischen Gitarrensoli, während als zusätzlicher Bonus ein mächtiger Gesangsauftritt wartet, wie er viel zu lange gefehlt hat. Das Interessanteste an »Santana IV« ist zweifellos, dass die Vokal-Tracks qualitativ ebenbürtig — wenn nicht sogar atmosphärisch stärker — als die Instrumentals sind, was bei Santana schon lange nicht mehr der Fall war. Dazu findet sich auf dem Album kein einziger schlechter, langweiliger oder auch nur durchschnittlicher Song, was angesichts der außergewöhnlichen stilistischen Vielfalt und der enormen Leidenschaft, mit der der Löwenanteil der Tracks eingespielt ist, ebenfalls höchst lobenswert ist. Die Santana-Magie der Woodstock-Ära hält also von Anfang bis Ende an.
Das Latino-Fieber unter der Klangregie von Santana klingt auf »Santana IV« wieder so wie in ihren besten Zeiten — langjährige Fans des legendären Gitarren-Urgesteins, die noch nicht aufgegeben haben, können also aufatmen. Schon beim Erscheinen des hervorragenden instrumental-fusionistischen Albums »Shape Shifter« (2012) war klar, dass es Carlos wieder zu seinen Wurzeln zieht, doch nach dem unerwarteten Erscheinen des kommerziellen Ausfalls »Corazon« (2014) schien es, als hätte sich der legendäre Gitarrist wieder ‚verschlechtert‘ und als würden auch auf zukünftigen Werken allerlei vom MTV-Konzern gesegnete kitschige Rapper und langbeinige Pop-Diven zu Gast sein.
Nun, mit »Santana IV« hat Carlos sich letztendlich rehabilitiert und sich gleichzeitig der langjährigen Fans erbarmt, die die Möglichkeit einer erneuten Auferstehung des klassischen Woodstock-Ära-Bands bereits abgehakt hatten — und er hat ein sehr gutes Album geschaffen, das den einstmals hohen kompositorischen Standards recht nahekommt, was in Gesellschaft alter musikalischer Weggefährten eigentlich kaum überraschend ist. Überraschender wäre es gewesen, wenn solchen Musikern etwas misslungen wäre und sie ihr ehrwürdiges Erbe nicht hätten rechtfertigen können — ein Erbe, das auf Klassikern wie »Santana« (1969), »Abraxas« (1970), »Santana III« (1971) und »Caravanserai« (1972) für immer in den goldenen Annalen des klassischen Rock und Fusion verewigt ist. Angesichts der vergangenen schlechten Erfahrungen mit Carlos‘ kompositorischer Beständigkeit und seiner Anfälligkeit für kommerzielle Mausefallen ist es eine große Frage, wie lange das alles noch (auf diesem Qualitätsniveau) so weitergehen wird — daher soll das Latino-Fieber von »Santana IV«, das die gesamte Band revitalisiert hat, so lange wie möglich andauern.
Besetzung
Carlos Santana – Gitarre, Backgroundgesang
Neal Schon – Gitarre, Backgroundgesang
Gregg Rolie – Keyboards, Leadgesang
Michael Shrieve – Schlagzeug
Michael Carabello – Congas, Perkussion
Karl Perazzo – Perkussion
Benny Rietveld – Bassgitarre
GASTMUSIKER:
Ronald Isley – Leadgesang (5,6)
Produktion
Santana
Trackliste
1. Yambu
2. Shake It
3. Anywhere You Want To Go
4. Fillmore East
5. Love Makes The World Go Round
6. Freedom In Your Mind
7. Choo Choo
8. All Aboard
9. Sueños
10. Caminando
11. Blues Magic
12. Echizo
13. Leave Me Alone
14. You And I
15. Come As You Are
16. Forgiveness