Samo da prođe demokratija

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Zaklonišče prepeva
Label: Lip Art Events
Erschienen: 2014
Laufzeit: 47:27
Bewertung: 4/5

Zaklonišče prepeva sind zurück mit einem neuen Album. Dem ersten seit fünf Jahren. Die Rocker aus Nova Gorica, die unaufhaltsam auf zwei runde Jahrzehnte ihres Schaffens zusteuern, haben eine gute Portion Zeit in das neue Studioalbum gesteckt. Es ist insgesamt das siebte! Der Vorteil eines längeren Entstehungszeitraums ist bekannt. Die Regel lautet, dass der Inhalt in der Regel künstlerisch klarer definiert ist als sonst. Das ist natürlich keine absolute Regel, aber sie stimmt oft.

Das Album »Samo da prođe demokratija« ist, auf den ersten Blick gesagt, das reifste Album der Bandkarriere. Die Philosophie der Gruppe bleibt im Großen und Ganzen unverändert. Auch mit dem neuen Album bleiben Zaklonišče prepeva stilistisch in den Achtzigern verankert. Simpel gestrickte und arrangierte Songs mit der vertrauten, voreingestellten Bitterkeit rockerisch betonter Gitarren. Der Macho-Gesang von Vanja Alič bleibt nach wie vor den Texten auf Serbokroatisch verschrieben. Das liegt ihnen einfach. Die Sprache ist im Kontext des Arrangierens ihrer Songs schon immer die passendste gewesen — sie hält nicht nur die Melodik, sondern steigert sie in den Songs sogar noch. Das hängt freilich mit Aličs musikalischer Treue zu Geist und Werk einiger Rock-Bands des ehemaligen gemeinsamen Staates zusammen — allen voran natürlich Riblja Čorba.

Man kann sagen, dass Zaklonišče prepeva diesmal den Arrangements ihrer Songs deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet haben als auf früheren Werken. Die Jahre vergehen, und die Musiker bestätigen mit neuen Schöpfungen ihr schrittweises künstlerisches Reifen. Trotz der wiedererkennbaren Elemente, die ihr musikalisches Profil ausmachen, hat die Band mit »Samo da prođe demokratija« in künstlerischer Hinsicht eine bemerkenswerte Reifebalance gefunden — zwischen Rock-’n‘-Roll-Lausbuben-Charme, den sie mit feinfühligem Auflockern der Arrangements veredelt hat  (Keyboard-Einsätze, Bläser als Farbtupfer der Klanglandschaft). So bewahrt die Band die schon bekannte Radiotauglichkeit ihrer Stücke. Aber man spürt es, wenn man die neuen Songs neben ältere Werke stellt: Wie viel saftiger die Neuen inhaltlich sind! Die Gruppe hat also mit »Samo da prođe demokracija« eine spürbare Reifeverlagerung im Artismus erreicht, und jene gelegentlich naive Trivialität der vorhersehbaren melodischen Ringelreihen-Lösungen in den Songs, die Zaklonišče prepeva stets gekonnt mit witziger, aber inhaltlich greifbarer Botschaft ihrer Verse kaschiert haben,  hält sich noch in Grenzen (Haile Selassje).

Auf dieses reife Upgrade — man könnte es die künstlerische »Ernüchterung« der Band nennen, die die Rock-’n‘-Roll-Veteranen aus Nova Gorica mit den Jahren ehrenvoll eingeholt hat — macht gleich der Eröffnungstrack Volim te aufmerksam. Zaklonišče prepeva agieren diesmal wie ein Mini-Orchester. Die Bausteine ihres Sounds verteilen sie gleichmäßig. Auch wenn der Hintergrund (die Instrumentalbegleitung) typisch rockig abgeschmiert ist, wird er ständig vom warmen Sound der Keyboards bereichert — sogar Hammond-Orgeln und E-Piano. Die Melodien sind ausgeprägt durch mehrstimmige Harmonien unterstützt, die die Band mit Fingerspitzengefühl an genau abgemessenen Stellen der Songs platziert. Das geschieht sensibel und filigranisch durchdacht, denn sie weiß genau, dass ein Song so eine angenehm gestufte Stimmungssteigerung mit einem emotionalen Crescendo im Refrain erreicht. Die Band legt mehr Wert auf die Feinmechanik der Arrangement-Definition, was sich besonders in den »Mid-Eight«-Passagen zeigt, wo sie den verfügbaren Arrangierraum auch durch Bläsereinsätze effektiv verdichtet. Der Sound ist dynamisch, warm, außergewöhnlich organisch. Die Kontraste zwischen den Klang-Bausteinen optimal ausbalanciert. In diesem natürlichen Klangton — dieser organischen Klanglandschaft — entfaltet der unverwechselbare Gesang von Vanja Alič seine optimale Wirkung. Gerade weil den Kleinigkeiten der Arrangement-Bereicherung so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, erreicht Aličs Stimme eine umso überzeugendere Ausstrahlung von Leidenschaft und Emotionen.  Die Texte sind wieder pfiffig gesetzt und witzig formuliert. Der kreative Funken ist noch da — sogar noch intensiver.

Zaklonišče prepeva sind eine Volksband. Was sie wahrnehmen und was sie fühlen, das sagen sie. Ohne Umschweife, ohne Verstellung. Wenn die Realität schmerzt, dann salzen sie das mit dem reichen Arsenal des Serbokroatischen funkensprühend ein — das glänzt besonders in der pfiffig gesetzten Reimstruktur, durch die Alič durchgehend den roten Faden der Botschaften hält. Gerade der Titeltrack ist neben dem Eröffnungstrack Volim te einer der stärksten Punkte des Albums in Sachen Arrangement. Ich wage zu behaupten, dass es der stärkste Song des Albums ist — und vielleicht hat die Band ihn deshalb auch als Titeltrack gewählt. Darin enthüllen Zaklonišče prepeva schlagartig unsere gesamte Realität. Wir haben nämlich alle festgestellt, dass die Demokratie der Mehrheit schadet, während eine Handvoll gerontokratischer Quasi-Moralisten von ihr profitiert — Leute, die die Demokratie ständig im Mund führen, um den Planeten Erde ausrauben zu können. Für die paar Jahrzehnte ihrer kleinen Leben zerstören sie alles, was heilig ist. Sie werden sowieso sterben. So oder so. Bald. Alte Geschichte also. Absurde Geschichte. Auf der anderen Seite galten Zaklonišče prepeva schon immer als die eitlen Rock-’n‘-Roll-Lausbuben, die bei den Mädels gut ankommen. Die »kunstfertigen Aufschneider« beschreiben diesmal wieder anschaulich einige süße Erinnerungen an nächtliche Damenabenteuer (besonders unterhaltsam: Široka Milena, Niki je opet tu, Ljubav na poslednji pogled, Rudy Boy).

Das ist es. Ein kompaktes, produktionstechnisch verdichtetes, organisch und warm klingendes Album, das in Sachen Arrangement auch das am besten definierte der Bandkarriere ist. Es ist zugleich ein Beweis der gesunden Evolution der Gruppe. Ein fürs Ohr erwartungsgemäß invasives Werk, das eine klare melodische Dominante beibehält und gleichzeitig die künstlerische Reife der Band spüren lässt. In Zukunft ist eine Vertiefung des künstlerischen Elements der Arrangement-Sensibilität zu erwarten. Angesichts der Tatsache, dass Zaklonišče prepeva nicht als Band gelten, die über die Jahre auf einen stilistischen Wandel ihres musikalischen Profils abgezielt hätte — sie verwenden beim Komponieren eines Songs selten den »sechsten Akkord« — ist das eine wünschenswerte Ausrichtung für die Zukunft. Hin zur Sophistizierung und zu klanglich vielschichtigeren Arrangements, was »Samo da prođe demokratija« mehr als überzeugend ankündigt.

Besetzung

Vanja Alič – Gesang
Miha Jerovec – Gitarre, Hintergrundgesang
Peter Baroš „Irie“ – Keyboards, Saxofon, Hintergrundgesang
Mitja Marussig – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Uroš Buh – Schlagzeug, Hintergrundgesang

GASTMUSIKER:
Davor Skočič „Mafia“ – Schlagzeug auf Track Nr. 4, 11 und 12
Tomaž Rožanec – Akkordeon auf Track Nr. 3
Andreja Čamernik – Hintergrundgesang auf Track Nr. 1, 6 und 10 
Borja Bolčina – Gitarre auf Track Nr. 3
Damjan Mašera – Trompete auf Track Nr. 5, 11 und 4
Vid Žgajner – Posaune auf Track Nr. 5 und 11
Paul Kempf „DJ Pavo“ – Hammond-Orgel auf Track Nr. 11 

Produktion

Rok Podbevšek & Vanja Alič

Trackliste

1. Volim te
2. Niki je opet tu
3. Samo da prođe demokratija (i da opet zaživimo kao ljudi)
4. Još uvek pomislim na tebe
5. Široka Milena
6. Ostani tu, pored mene
7. Ljubav na poslednji pogled
8. Hoču da živim
9. Rudy Boy
10. Hajde, budi se
11. Haile Selassje
12. Kapital-anal d.o.o. (ne grem več na volitve)*

*…Bonustrack der Platte 

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