Saga

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Siddharta
Label: Eigenveröffentlichung
Erschienen: 2009
Laufzeit: 54:43
Wertung: 4/5

Siddharta. Eine Art Abdruck des Charaktergemischs der Slowenen. Keine andere Gruppe hätte dieses „slowenische“ Element im Rock besser definieren und in der eigenen Evolution damit umgehen können als eben Siddharta. Sie haben ihren Stil entwickelt, eine stets interessante Rock-Vision bewahrt und gepflegt, die slowenische Sprache darin vollkommen attraktiv gehalten. Und sie sind so tief ins Bewusstsein der Slowenen eingedrungen, dass sich jeder von uns gerne (oder ungerne) Zeit nimmt und über die eigene persönliche Beziehung zu ihr nachdenkt. Was soll man sagen. In all diesen Jahren sind sie zu einem wichtigen Teil des Alltags der slowenischen (Rock-)Kultur geworden.

Man weiß gar nicht, was man Neues über Siddharta sagen soll. Fünftes Studioalbum, Aufnahmen in den USA mit dem renommierten Produzenten Ross Robinson. Die grundlegenden Charaktereigenschaften bleiben in diesem neuen Eintopf namens „Saga“ klar wahrnehmbar. Also typische Arrangements, die ausschließlich nach Siddharta riechen können. Das ist die klare Ausformung melodischer Arrangements feierlicher Melodien in den Refrains. Melancholisch, manchmal sogar übermäßig pathetisch und ewig leidend in seiner Romantik, aber im nächsten Moment mit erhobenen Köpfen, überströmend vor Sehnsucht, Freude und Leidenschaft. Mit konkreter Melodie und ausgezeichneten Versen in der Hand lässt uns auch das neue „Saga“ nicht im Stich.

„Saga“ ist kein Album, das so schnell unter die Haut geht, wie man es von Bekanntem oder Erwartetem her erwarten würde. Es sucht keine Hits und ist kein Album des notwendigen Rock-n‘-Roll-„Abfackelns“. Keine Bläser, kein Orchester. Tatsächlich ist Saga der Abschluss eines Entwicklungskreises und der Beginn eines neuen. Nach dieser Logik sollte das Ende jeder Geschichte mit ihrem Anfang verknüpft sein, und so lassen sich in der Energie des Albums „Saga“ vielleicht am meisten Parallelen zum Debüt „ID“ ziehen. Mit dem Album „ID“ waren sie ehrlich und deshalb auch verwundbar. Diesmal ist es nicht viel anders, nur dass sie ihre Offenheit oder Ehrlichkeit besser zu verteidigen wissen. Trotzdem ist das wichtige Gefühl, das das Album hinterlässt, jenes, dass die Jungs auf ihm ihre Ideen zu gleichen Teilen als Quintett ausgedrückt haben und dass das Album in dieser Hinsicht unglaublich reif und souverän wirkt und ein Gefühl des Triumphes hinterlässt, das keineswegs aufgesetzt ist – ebenso das Gefühl, dass die Bande im Quintett noch zusätzlich gefestigt und intensiver sind. Einfach, dass sich die Jungs während des Entstehungsprozesses des Albums noch besser kennengelernt haben.

Eine überaus wichtige Rolle spielen diesmal die Keyboards. Die symphonischen Arrangements sind verschwunden. Das rockige Draufgängertum ebenfalls. Was bleibt? Das Flirten mit der menschlichen Fantasie als natürlichem Emulanten des Klangs, gegossen ins Reich der Tasten und bunten Knöpfe. Klingt wahnsinnig klug, ist es aber nicht. Tomaž verwendet eine breite Palette von Klängen, mit denen er einzelne Teile der Stücke ausstattet. Vor allem drängen die (wiederentdeckten) primitiven Klänge der ersten Synthesizer vom Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger in den Vordergrund – und sie sind auch in den Songs der damals aktuellen Bands von Duran Duran bis Rush (in ihrer Synthesizer-„Eighties“-Phase) nicht schwer herauszuhören – ein Beispiel ist die zweite Strophe des Stücks Alarm.

Das so ausgestattete neue Siddharta sucht nicht unbedingt sich wiederholende Übergänge; es ist vielmehr ein gewisser Erkundungsgeist, Verspieltheit und Witz in den Stücken zu spüren. Schon Narava überrascht, dafür ist aber die gesamte Struktur – die Anlage des Stücks – verantwortlich. In einem Stück wie Alarm beispielsweise wählen die Jungs nicht mehr das sich wiederholende Begleitmuster und das Durchspielen der Leitmotive. Besonders gut tut das atmosphärische Aufwühlen von Stücken wie Vonja Idej, das viele kontrastierende Übergänge zwischen Leitmotiven aufweist und das die Gruppe obendrein auf dem Floß der Synthesizer im finalen Crescendo „drumtechnisch“ ordentlich durchknetet. Hier sprühen die Funken der künstlerischen Reifung der Gruppe.

Von den Stücken, wie wir sie üblicherweise von Siddharta erwarten, gibt es neun. Zwei weichen „leicht“ ab. Das erste ist eigentlich das letzte Stück namens Tom Waits For Me, in dem die Gruppe einen sinnvollen Abschluss der „Saga“ gefunden hat. Das Stück entfaltet sich in englischer Sprache, und der Synthesizersound, der es abschließt, ist identisch mit dem Beginn des Stücks Narava, das das Album eröffnet. Ende und Anfang sind also wieder irgendwie miteinander auf dem Album verbunden. Trotzdem würde ich genau in diesem Stück den einzigen größeren Minuspunkt des Albums finden. Es ist zu verschieden von allen anderen „Saga“-Stücken und würde vielleicht besser als Bonus auf einer veröffentlichten Single funktionieren. Der Abschluss eines solchen Albums müsste intensiver sein. Etwa mit einem Stück im Stil von Vojna Idej.

Das andere abweichende Stück ist ein über zehnminütiger Jam, der eine ausgezeichnete Auffrischung ist und dem Musikliebhaber irgendwie Einblicke in eine neue Qualität des Charakters der Gruppe gewährt, die er bisher nicht kannte. Unglaublich, oder? Siddharta können sogar ein Instrumental spielen. Hier häuft die Gruppe nach dem Prinzip des Minimalismus Collage für Collage zu einem reichen Geflecht auf, das mit seinem bewegten Klangbild und der geheimnisvollen Atmosphäre des Schwebens, einer Art Wellengangs, die Intensität des restlichen Albums entlastet. Hier ist der Gruppe mit wenig Aufwand ein ausgezeichneter Schachzug gelungen. Sie hat sich in einem neuen Licht gezeigt und angenehm überrascht. Der rockig weniger intensive Moment des Albums würde vielleicht besser irgendwo in der Mitte des Albums funktionieren und so die Intensität des Albumabschlusses entlasten, die Tom Waits For Me eben nicht rechtfertigt.

Überzeugender sind natürlich die kürzeren Stücke, in denen Siddharta wieder erfolgreich dynamisch abwechslungsreiche Stimmungskontraste auf der Achse Strophe–Refrain schaffen, wo die Höhepunkte der Stücke wieder durch die für Siddharta typisch figurierten Refrains mit feierlich düsteren Melodien erzeugt werden. Hier wirst du diesmal deine eigenen Albumfavoriten bestimmen. Wahrscheinlich würden sich alle einigen können, dass Baroko der schönste Moment des Albums ist, rein nach der melodischen Gestaltung. Der Gitarren-„Stereo-Chorus“ ist hier der dominierende Stimmungserzeuger, natürlich neben der unentbehrlichen Farbe und dem Ansatz des Vokals von Tomi M. Letzterer ist wieder voll dabei und fügt in der emotionalen Gravur des Albums durchgehend jenes nötige Salz in die Suppe hinzu, das die Stücke überzeugend zum Leben erweckt und sie wirklich vollständig funktionieren lässt. Die Leitmotive sind abwechslungsreich und die Stücke untereinander kontrastreich. Angel Diabolo ist ein hitzköpfig-rockiges „Rodeo“, die entgegengesetzte Erfahrung vom positiv ausgerichteten Stampedo (letzteres ist energetisch nah an Madam, kurz vor Albumende), das über die Hälfte im leichten Trab die Intensität des Albums entlastet, damit es frei in den vorher erwähnten Instrumental hineinschwimmt. Nach diesem erwacht das Album notwendigerweise wieder, wenn es sich erfolgreich durch das ausgezeichnete Stück Vojna Idej hindurchblitzt (das auf dem neuen Album leicht die Quintessenz der Ära des „symphonischen Rock/Metals“ der Vergangenheit der Gruppe aufgreift), wo der donnernde Vers heraussticht: „Dovolj je vina! Mesto naj pije vodo!“ Danach hätten Siddharta noch ein härteres Stück einbauen sollen (im Stil von Alarm oder Nevarno Mesto), aber das Album geht langsam zu Ende. Alarm und Nevarno Mesto in der ersten Albumhälfte heben die düstere Atmosphäre, für die Angel Diabolo bereits die richtige Arbeitschemie hergestellt hat. Diese Atmosphäre vibriert in der Folge noch intensiver, noch theatralischer in ihren Kontrasten, kreiert eine postapokalyptische Vision; die Verse strahlen das Bedürfnis nach Erhalt und Rettung des eigenen Individuums aus – denn für die Rettung der „kranken Narren“ oder jener „gesenkten Häupter“, denen „der Hintern brennt“, ist in der Ära des Menschengeschlechts einfach zu wenig Zeit geblieben.

Das neue Album ist ein frisches, prägnant gestaltetes Album der Gruppe Siddharta. Die Stärke der Gruppe, mit Tricks des Minimalismus geschickt Deals mit vielfältigen Stimmungen abzuschließen – was stets eine der Hauptattraktionen ihrer Aussage war – ist hier. Sie ist bei uns und begeistert. Sie ist in das kohärente Wirken des Quintetts gegossen, wo die fließenden und vielfältigen Keyboardklänge – durch die Verbindung von programmatischen Mustern und Gitarrenphrases – beim Bewahren der charakteristischen Siddharta-Vibration eine wichtige Rolle erhalten. Diese versehen nun in einer neuen Qualität der Harmonievibration den markanten Vokal von Tomi, stärken seine Bekenntniskraft und steigern sie ins Monumentale. Das Schichten von Klangschicht auf Klangschicht zu einer farbenfrohen Masse, mit der du frei und völlig schmerzlos unbegrenzte Zeit verbringen kannst und wo auch der atypische Anfang und das Ende des Albums ihren Sinn bewahren. Das Album funktioniert entspannt, relaxt, unaufdringlich, sucht keine Hits. Damit legen Siddharta den Überlegenheitskomplex ab, gehen auf festem Boden und erweitern ihre Ausdruckspalette auch für anspruchsvollere Hörer. Der Beginn einer neuen Geschichte.

Besetzung

Tomi M. – Gesang, Gitarre
Primož B. – Gitarre
Tomaž O.R. – Keyboards
Jani H. – Bassgitarre
Boštjan M. – Schlagzeug

Produktion

Ross Robinson

Trackliste

1. Narava
2. Angel Diabolo
3. Alarm
4. Nevarno Mesto
5. Napalm 3
6. Baroko
7. Stampedo
8. Od Mraka Do Zore
9. Vojna Idej
10. Madam
11. Tom Waits For Me

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