Sag niemals … Stirb!? (2013)
Ort: Kino Šiška, Ljubljana
Konzertdatum: 17.10.2013
Besucherzahl: 500
Die Handels- und Musikkarawane von Impericon war letztes Wochenende wieder einmal bei uns zu Gast. Als Handels- und Musikfläche diente das CUK Kino Šiška. Der deutsche/europäische Online-Verbinder der Hardcore-Szene präsentierte uns in Zusammenarbeit mit dem heimischen Konzertveranstalter-Duo Umazana dihurja gleich sieben Bands, die mehr oder weniger dem Metalcore-Genre zuzuordnen sind.
Die Verbindung von Metal- und Punk-Tradition bringt, so scheint es, sichtbare und ausdrucksmäßige Neuerungen mit sich, die eine Aktualisierung auf der Ebene von Auge/Ohr des Zuhörers erfordern. Die zeitgemäße Unterstützung der Musikszenen und Verkünder des einzig Wahren, was auch immer das sein mag, zeigt sich im Handel mit Waren – das sogenannte Merchandising ist das Werkzeug des Künstlers, mit dem er (über)lebt; nicht mehr wichtig, wie lange und wie er überhaupt noch steht. Gleichzeitig zeigt und misst sich daran die Zugehörigkeit des Fans zur Community. Diese drückt sich durch die Ikonographie im uniformierten Erscheinungsbild des Zuhörers aus. Authentisch, oder?
An den Grenzen des modernen Metal-Repertoires scheint die zeitgenössische Hardcore-Karawane also die immer deutlicher werdende Idee des Imperiums auszuweiten und zu festigen, ein strategischer Plan wird geschmiedet: Uniformiere, wo du schon gespalten hast, lass sie unbedingt aufeinanderprallen, um zu teilen!
Wall of Death in der Hardcore-Metal-Konzertfolklore ist genau Ausdruck davon. Zwei mehr oder weniger zwangsweise getrennte Seiten des Konzertpublikums prallen aufeinander bzw. simulieren einen Zusammenstoß – beim Moshen kaufst du dir vorher am besten noch etwas Ausdruck dazu!
Verwirrt von der (allzu) gleichförmigen Fanbasis, die über das Veranstaltungsgelände verteilt auf ihre Erleuchtung aus drei großen Ländern und einem gemeinsamen Imperium wartete, konzentrierte ich mich erst, als mir auffiel, dass die erste Band, die australischen Hand of Mercy, mich auf ziemlich (un)sichere Weise wieder rein optisch/musikalisch an die Vorreiter des behandelten Genre-Hybrids und Landsleute Parkway Drive erinnerte. Bei Letzteren sei angemerkt, dass sie erst, befreit von stilistischer Aufspaltung (im Sinne von: das ist Metal, das ist Core…?) und dem eigenen Ausdruck auf der hörbaren und unsichtbaren Ebene folgend, Erfolg hatten – im Sinne des Nachweises der Identität des gemischten Genre-Ausdrucks.
Wenn mein Zuhörer-Auge mich nicht täuscht, trug der Schlagzeuger der australischen HoM ein T-Shirt mit der plakativen Aufschrift UNFD – das Label Unified, das aus dem Zusammenschluss zweier kleinerer entstanden ist. (Un)gefährlich erinnert das schon von der Schreibweise her an gewisse nationalvereinende Apparate, die so effektiv für den Weltfrieden „sorgen“, so wie das deutsche Impericon als europäischer Gleichgesinnter „gut“ und vor allem „unparteiisch“ vereint? Als außerredaktionelle Kuriosität sei erwähnt, dass der Name, um einer rechtskräftigen Klage des italienischen Markenunternehmens Imperial Clothing zu entgehen, entweder durch Imperation oder durch Impericon ersetzt werden musste, wobei beide Namen aus der Zusammensetzung zweier Begriffe entstanden, einer davon sogar abgekürzt
(-con.: conspiracy, engl. Verschwörung). Die Zusammensetzung Imperation vereint die Begriffe generation und empire.
Abgestimmt haben wir selbst, das allsehende und allhörende Publikum! Wie volksnah!
Nach dem einführenden, 20-minütigen Auftritt geht das musikalische Programm mit einer progressiveren Metalcore-Variante weiter, ebenfalls australisch: Northlane, bei denen ich den innovativen Gesang hervorheben würde, der dank des abgestimmten instrumentalen Standards des gemischten Genres der Eigenart der Band zugute kommt, und der Sänger verpackt das Ganze mit hervorragenden, verbindenden Ansagen wirkungsvoll als Marke.
Aufgrund beruflicher Verpflichtungen in Form einer Redaktionssitzung des RL musste ich die folgenden, amerikanischen Hundredth leider verpassen. Erwähnenswert ist vielleicht, dass die Hardcore-Jungs durch ihre gemeinnützige Organisation Hope for Humanity ausgezeichnet werden, bei der sie durch Spendensammeln der Menschheit helfen. Hoffentlich nicht auf Bono-Manier? (Anm.: Sänger von U2)
Derzeit arbeiten sie an einem Projekt für sauberes und vor allem kostenloses Wasser für alle, die aus dem einen oder anderen „profitorientierten“ Grund um diese Grundressource gebracht werden.
In die zweite Konzerthälfte führten uns, mit ähnlicher Spielzeit wie zuvor, die französischen Betraying the Martyrs, die stellenweise an Bands wie Born of Osiris erinnern, denen aber häufig die technische Seite der Darbietung einen Streich spielt; abgesehen von der ikonografischen bzw. symbolischen Botschaft (lies: Kreuz im Logonamen auf dem Banner) habe ich aber nichts Jüdisch-Katholisches entdeckt. Vermutlich war die grundlegende alt- und neutestamentliche religiöse (Ent)hüllung in der Verzerrung des Auftritts, in der Unreinheit des reisenden Sounds oder in den subliminalen Botschaften des katholischen Metals verborgen?
Kurz innehalten möchte ich bei den – wieder einmal australischen – I Killed the Prom Queen. Was bedeuten 10 Minuten mehr auf der Bühne bei Veranstaltungen dieser Art? Für das gemischte Genre selbst ist zum Beispiel der Faktor der Split-CD sehr wichtig, der in den Anfängen des Bestehens, im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, zur Kostensenkung der Band beitrug. I killed the promo(tional) queen? Wie auch immer: Wenn auf der anderen Seite der CD ein immer bekannterer, möglichst heimischer Aufsteiger (Parkway Drive) steht, sind 10 Minuten mehr grob nachgewiesen. Natürlich passiert in der Entwicklung einer Band noch viel anderes, das die Länge des musikalischen Programms aber nicht wesentlich beeinflusst. Der letzte in den Belegen, die ich anführe, ist der Sänger der Gruppe IKTPQ, angeblich der bisher konstanteste, ehemaliger Bassist von The Red Shore, der uns bis zum Beginn des Auftritts der Carnifex aus San Diego warmgemacht hat.
Mit der Bezeichnung death-core würde ich mich nicht allzu sehr aufhalten, da sie von selbst in den Kontext fällt, so wie auch Carnifex in die vereinende Karawane „gefallen“ sind, da sie als Ersatz für weitere Vertreter des Hybrids, Miss May I, dazu gestoßen sind. Wenn der Carnifex-Mix ein bisschen metallischer ist, ist das überhaupt kein Problem. Das beweist auch der etwas klarere und vollere Sound, der an jenem Donnerstagabend im Tempel der slowenischen alternativ-urbanen Szene zu hören war. Erwähnenswert wäre das bevorstehende Album (April 2014). Der neue Song, den sie präsentierten, enthält dieselben Komponenten wie die australischen Zeitgenossen PD, womit die Identität des gemischten Genre-Ausdrucks nachgewiesen ist. Also eigener Ausdruck jenseits einer verbindenden und typischen Idee.
Die Klischeehaftigkeit der Bezeichnung death-core beweisen dann die letzten, alles andere als sympathischen, amerikanischen Emmure. Geschmackssache, oder? Stirb!
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