Ruth Is Stranger Than Richard
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Wyatt, Robert
Label: Virgin Records
Erschienen: 1975
Laufzeit: 39:06
Bewertung: 3.5/5
»Ruth Is Stranger Than Richard«, das dritte Solowerk des Progressive-Rock-Pioniers und Legenden der Canterbury-Szene Robert Wyatt, der für dieses Album neben seinen üblichen Gesangsaufgaben auch den Großteil der Keyboards übernahm, nachdem seine Schlagzeugerkarriere ein Jahr zuvor auf ziemlich brutale Weise vorzeitig geendet hatte. Im Gegensatz zum Vorgänger, dem melancholischen Meisterwerk »Rock Bottom« (1974), das in vielerlei Hinsicht – sowohl lyrisch als auch musikalisch – von Roberts Unfall geprägt war und bei dem er die gesamte Musik selbst schuf, war »Ruth Is Stranger Than Richard«, ein Wortspiel auf ‚truth is stranger than fiction‘ (die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion), das Ergebnis von Wyatts Neuarrangements von Kompositionen anderer Musiker, meist seiner musikalischen Freunde, denen er eigene Texte hinzufügte. Kein besonders origineller Schachzug, aber ein weiteres Meisterwerk wie »Rock Bottom« war eben schwer zu wiederholen.
Unter den musikalischen Freunden, deren Werke er auf »Ruth Is Stranger Than Richard« grundlegend neu arrangierte, fanden sich der ehemalige Weggefährte aus Soft Machine-Zeiten Brian Hopper, seines Zeichens Bruder des bekannteren Hugh, Phil Manzanera (Roxy Music), Fred Frith (Henry Cow) und der südafrikanische Jazzmusiker Mongezi Feza, der im selben Jahr, in dem das Album erschien, also 1975, unerwartet mit kaum dreißig Jahren starb. Unter den Werken der Musiker, die Wyatts Kompositionsstil beeinflussten, befand sich auch »Song For Che«, eine Komposition des amerikanischen Jazzmusikers Charlie Haden.
Stilistisch war »Ruth Is Stranger Than Richard«, das konzeptuell und atmosphärisch in zwei Teile gegliedert war – das zugänglichere »Ruth« und das experimentellere »Richard« –, vor allem aufgrund des humoristischen und leicht spöttischen Charakters der meisten Stücke, unterstützt durch jazzigere und leichtfüßigere Arrangements auf den meisten Songs, näher an Wyatts Ausflügen mit seiner zu früh aufgelösten Gruppe Matching Mole als an der düsteren Melancholie von »Rock Bottom«, was viele bei der Veröffentlichung verwirrte. Der ausgeprägtere strukturelle Minimalismus ermöglichte gleichzeitig die Entwicklung einiger Ideen, die Wyatts kompositorische Entwicklung auch in späteren Schaffensjahren maßgeblich prägten.
Obwohl »Ruth Is Stranger Than Richard« in künstlerischer Hinsicht einen Rückschritt darstellte und bei weitem nicht die emotionale, arrangementtechnische und atmosphärische Tiefe des Vorgängers erreichte, bot es zahlreiche interessante und unterhaltsame Momente, durch die Wyatts Musik auch heute noch ein Genuss zum Hören ist – selbst wenn es sich nicht um sein durchdringendstes Werk handelt. Diesmal sprangen wieder alte Freunde ein, darunter Brian Eno (ex-Roxy Music), der bereits erwähnte Gitarrenmeister Fred Frith, Schlagzeuger Laurie Allan (ex-Gong) und Saxofonist Gary Windo – um nur jene zu nennen, die den meisten Progressive-Rock-Fans bestens bekannt sind.
Das Eröffnungsstück, »Soup Song«, serviert eine fast kabaretthafte Atmosphäre mit verspielten Saxofonarrangements und einem schelmischen Text über eine ungewöhnliche Suppe. »Sonia« enthält saftige Trompetenparts unter der Regie des bereits erwähnten Feza, und neben Jazz sind hier auch Einflüsse der Weltmusik spürbar. Einen ähnlichen Puls hat auch »Team Spirit«, wo Wyatts melodischere Seite zum Vorschein kommt, obwohl man vergeblich nach kommerziellem Potenzial suchen würde.
»Solar Flares«, das einzige vollständig eigene Stück auf diesem Album, ist ein gutes Beispiel für außergewöhnlichen Jazz-Fusion-Minimalismus, getragen von einem choralen, fast ätherischen Gesangsansatz. Die schelmische Trilogie »Muddy Mouse« enthält klassischen englischen Humor und Wyatts ewige Faszination für kleine, pelzige Biester – ob Nagetiere oder Insektenfresser, allen voran Maulwürfe. Roberts außergewöhnliches, unverwechselbares stimmliches Chamäleontum kommt hier wieder voll zur Geltung, von choralen Harmonien und Falsett bis hin zu einem für ihn ungewöhnlichen Tenor. Wyatts sozialistisches Weltbild kommt auf dem Instrumental »Song For Che« wieder eindrücklich zum Ausdruck, das auch in der Originalversion der Ikone der kubanischen Revolution Che Guevara gewidmet war. Entsprechend erinnert es an eine Bläsertrauermusik, wie sie ein Militärorchester üblicherweise beim Begräbnis eines gefallenen Helden spielt.
»Ruth Is Stranger Than Richard« ist, trotz einiger improvisatorischer Provokationen und für damalige Verhältnisse innovativer Auseinandersetzung mit jazzgewürztem Minimalismus, eines von Wyatts zugänglicheren Soloalben, das jedoch im langen Schatten seines kultigen Vorgängers »Rock Bottom« verbleibt. Wyatt war nach allem, was er in dieser Zeit durchgemacht hatte, auch kreativ bereits etwas erschöpft und brauchte eine längere Auszeit. Ganze sieben Jahre vergingen, bevor sich der große Experimentalist, gesellschaftliche Provokateur und bekennende Sozialist nach diesem Album erneut ins Studio begab und die Filmmusik für den Dokumentarfilm »The Animals Film« (1982) aufnahm, der den menschlichen Missbrauch von Tieren für verschiedene wissenschaftliche Experimente thematisierte, während das nächste Studioalbum mit dem Titel »Old Rottenhat« erst 1985 erschien.
Besetzung
Robert Wyatt – Gesang, Keyboards, Schlagzeug
Brian Eno – Gitarre, Synthesizer
Gary Windo – Bassklarinette, Tenorsaxofon, Altsaxofon
Nisar Ahmad „George“ Khan – Tenorsaxofon, Baritonsaxofon
Mongezi Feza – Trompete
Fred Frith – Klavier
Bill MacCormick – Bassgitarre
John Greaves – Bassgitarre
Laurie Allan – Schlagzeug
Produktion
Robert Wyatt
Trackliste
– Ruth (Side 1) –
1. Soup Song (5:00)
2. Sonia (4:12)
3. Team Spirit (8:26)
4. Song for Ché (3:36)
– Richard (Side 2) –
5. Muddy Mouse (a) (0:50)
6. Solar Flares (5:35)
7. Muddy Mouse (b) (0:50)
8. 5 Black Notes and 1 White Note (4:58)
9. Muddy Mouse (c) Which in Turn Leads To Muddy Mouth (6:11)