Rulebreaker
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Primal Fear
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2016
Laufzeit: 51:48
Bewertung: 4/5
Der kreischende deutsche Adler mit unzerbrechlichen Schwingen des Sextetts unbeugbarer stählerner Sturmtruppen namens Primal Fear liefert, in bereits zur Gewohnheit gewordener Manier zweijähriger Abstände, ein neues Studioalbum ab. Das elfte in Folge. Die Truppe erfahrener Musikmeister, angeführt von ihren beiden nach wie vor aktiven Gründungsmitgliedern — der deutschen Stimm-Sirene Ralf Scheepers und dem eminenten Guru des deutschen Metals, Bassist Mat Sinner — kennt schlichtweg keine Pause. Die Inspiration der Band lässt keineswegs nach, und »Rulebreaker« ist wieder ein typisches Primal Fear-Album, das sich problemlos neben den beiden herausragenden Vorgängern »Unbreakable« und »Delivering the Black« behaupten kann, und ebenso würdevoll neben den frühesten Alben der Band steht, die man heute allmählich als Kultklassiker bezeichnen darf (gemeint sind die ersten drei Alben).
Primal Fear liefern freilich nichts grundlegend Neues mehr. Das war auch nicht zu erwarten. Doch die Band hat ihre Phrasen erneut meisterhaft neu verpackt und in einem neuen, saftig-knackigen Gewand voller rechtgläubiger Powermetal-Predigt nach unverkennbar eigener Rezeptur abgeliefert. Unerbittlich beißen sie sich durch elf neue Tracks, mit einigen außergewöhnlichen neuen Riffs, die einen sofort an der Gurgel packen und keinen Moment lang lockerlassen in ihrem höllischen Marsch. Am Album wirken gleich drei Gitarristen mit. Jeder mit seinem eigenen Ansatz, alle gleichwertig ausdrucksstark im Solospiel. Ihre Duelle bleiben eine Geschichte für sich und eine der ersten Leckerbissen dieses Werks. Fetter Gibson-Sound und Gas bis zum Anschlag!
Neben der verhalten-massiven Klangproduktion, die das unverkennbare Markenzeichen der Band bleibt, ist es der Truppe gelungen, bei aller entfesselten Wut und Aggression, die auch das neue Album ausspuckt, dieses in gleichem Maße mit ausgeprägter Musikalität zu dosieren. Eingängige Refrainmelodien, die durch gesteigerte Atmosphäre in den Songs ihre atmosphärischen Höhepunkte erreichen, die Verzierung einzelner Instrumentalpassagen mit teuflisch schnellem Riff-Picking, das mehrfach in Terz-Harmonien gesetzt ist. Intro- und Outro-Teile sowie Mid-Eight-Passagen sind reif und feinsinnig ausgearbeitet und dienen als bildhafte Atmosphärenwechsel innerhalb der einzelnen Songs. Die Meister wissen genau, wie man ihre Funktion nutzt! Dabei hat sich auch der neue Schlagzeuger Francesco Jovino (ex-U.D.O.) als mehr als hervorragende Integration erwiesen, denn seine Arbeit auf dem Album bleibt keineswegs ungehört. Er ist ein erfahrener Meister seines Fachs, der im Verlauf des Albums einige gnadenlos und schwindelerregend „aufgezogene“ Schlagzeug-Rollings in kanonischen Übergängen schafft, die exakt an den richtigen Stellen der Songs positioniert sind.
Ralf Scheepers bleibt erneut ein Kapitel für sich. Auch in seinen reiferen Jahren bewahrt er eine unglaubliche Stimmbreite. Das deutet bereits das einleitende Angels Of Mercy an, ganz besonders aber die Refrainmelodie von Constant Heart, wo Screams in extremen Höhen den Atem verschlagen. Auch kompositorisch haben Primal Fear ihre kreative Energie bewahrt. Sie recyceln sich selbst erfolgreich, wirken dabei aber nicht abgedroschen oder (zufällig) ausgebrannt. Mit durchdachten Tricks und Zügen erfahrener Meister drehen sie die Formel in ihrer Rezeptur behutsam weiter, sodass die Phrasen (bei aller sonstigen Vorhersehbarkeit) konstant auf vollen Touren laufen. Die Vibration und Energie, die das Album erzeugt, ist das Ergebnis großer Herzlichkeit und Hingabe, die der Band eigen ist. Vom ersten Tag bis heute.
Die epische Hymne We Walk Without Fear ist sogar der längste Song in der Karriere von Primal Fear, und eine Schlüsselrolle beim Komponieren und Arrangieren dieses Tracks hat Magnus Karlsson gespielt. Seinen typischen Ansatz bei der Kompositionsfindung kann man nicht übersehen, besonders in den Intro- und Outro-Teilen; ebenso ist der Song stellenweise in den führenden Gitarrenfiguren atmosphärisch mit zusätzlichen Keyboard-Teppichen unterlegt. Der Track gilt als eine der ambitioniertesten Kompositionen der gesamten Primal Fear-Karriere.
»Rulebreaker« ist von Kopf bis Fuß ein weiteres ausgezeichnetes Album eines eingespielten Teams. Kein einziger Moment versagt. Die Band weiß genau, was sie ihren Fans liefern muss, und ihre Rezeptur hat sich über die Jahre zu einer solchen kompositorischen Reife ausgefeinert, dass die heutigen Primal Fear nach fast 20 Jahren Bandgeschichte ein Gefühl von interpretatorisch-ausdrucksstarker Kraft vermitteln, wie sie es in ihrer fruchtbaren Karriere noch nie zuvor geliefert haben.
Besetzung
Ralf Scheepers – Gesang, Hintergrundgesang
Alex Beyrodt – Gitarre
Magnus Karlsson – Gitarre, Keyboards
Tom Naumann – Gitarre
Mat Sinner – Bassgitarre, Gesang, Hintergrundgesang
Francesco Jovino – Schlagzeug
Produktion
Mat Sinner
Tracklist
01. Angels Of Mercy
02. The End Is Near
03. Bullets & Tears
04. Rulebreaker
05. In Metal We Trust
06. We Walk Without Fear
07. At War With The World
08. The Devil In Me
09. Constant Heart
10. The Sky Is Burning
11. Raving Mad