Roth Brock Project
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Roth Brock Project
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2016
Laufzeit: 48:11
Wertung: 4/5
Kenner von Hard Rock und Melodic Rock werden schnell herausfinden, dass hinter dem Namen dieses neuen Projekts Gitarrist John Roth steckt, bekannt als Teil der Band Winger, der außerdem bei Starship und Giant mitgewirkt hat, sowie Sänger Terry Brock, der bei Strangeways singt, darüber hinaus mit Leroux zusammenarbeitete und — genau wie Roth — auch mit Giant.
Roth und Brock begegneten sich 2009 zum ersten Mal, als Giant an neuem Material arbeiteten, das später seinen Weg auf das Studioalbum „Promised Land“ fand. Zwischen den beiden entwickelte sich schnell eine besondere kreative Chemie und musikalische Bindung. Die beiden warteten auf den richtigen Moment, um einige gemeinsame Ideen zu verwirklichen. Roth, der geduldig die Zähne zusammenbeißt und darauf wartet, dass Kip Winger mit neuem Material für ein neues Winger-Album anklopft, sowie auf den anderen Winger-Kumpel, der dauerhaft tief in Whitesnake-Verpflichtungen steckt, nämlich natürlich Reb Beach, wird als Spitzengitarrist in dieser Hinsicht zu Unrecht an den Rand gedrängt, was für ein solches Talent eine echte Schande ist. Genauso ist Terry Brock auf der anderen Seite irgendwie dazu verdammt zu warten, wann seine Strangeways-Kameraden wieder in die Gänge kommen und anfangen, ein neues Album zu schreiben. Hand aufs Herz: Die letzten Strangeways-Errungenschaften sind unter aller Kritik — am besten, es hätte sie nie gegeben. Brocks Soloalbum »Diamond Blue« (2010) hingegen ist ein echter Balsam für alle, die vom neuen Strangeways-Material mehr als enttäuscht sind.
Brock hat seine außergewöhnliche Feinfühligkeit beim Aufspüren sofort ansteckender musikalischer Linien nicht verloren, die in die pompösen Refrain-Melodien aller Tracks eingehämmert sind. Der Mann hat die ganze Leidenschaft und die emotionale Kraft einer erstklassigen Gesangsdarbietung bewahrt, die das Album »Roth Brock Project« auf Schritt und Tritt begleitet. Die Produktion ist modern. Das Album klingt roh, direkt, lebendig — kein »Studioglanz« weit und breit —, mit Gitarren, die entschlossen im Vordergrund klingen, wenn sie sich durch markante Gitarrenfrasen beißen. Die Keyboards spielen eine untergeordnete Rolle; sie kommen in ruhigeren Momenten (Distant Voices) oder in Intros (Never Givin‘ Up) zur Geltung, vor allem beim Aufbau von Stimmungen, die in den Refrains atmosphärische Höhepunkte ansteuern. Angesichts der Dominanz von Roths Gitarren neben Brocks Gesang sind die Refrains meisterhaft mit mehrstimmigen Vokalharmonien angereichert, die die Stimmungsbilder in den bombastischen Refrain-Melodien kontrastreich verstärken
Roth ist auf diesem Album endlich sein eigener Herr. Der Mann hat nicht nur Gitarre für dieses Album eingespielt. Er steuerte auch Keyboards und Bass bei und ließ sich natürlich bei den Soli und harmonischen Passagen so richtig austoben. Diesmal musste er sich nicht der Kompositionsautorität von Seiner Exzellenz Kip Winger beugen und brauchte auch keine Rücksicht auf Reb Beachs solistische und Riff-Beiträge zu nehmen. Der Mann hat tatsächlich in vollem Glanz einige Ideen zum Leben erweckt, die sich in seinem Kopf lange entwickelt hatten, und sie in eine Collage aus elf außerordentlich starken Melodic-Rock-Kompositionen gegossen, die den Liebhaber dieses Genres keinen Moment im Stich lassen. Die Tracks bewegen sich von schnelleren Rock’n’Roll-Zündern wie dem Opener Young Gun bis hin zu kraftvollen Balladen wie dem in der Albummitte platzierten Distant Voices, wo Brocks Gesangsausdruck mit besonders glühender Intensität aufleuchtet.
Was das Album „Roth Brock Project“ mitbringt, ist eigentlich eine gelungene Kombination des Besten aus den musikalischen Welten und dem musikalischen Hintergrund dieser beiden Musiker. Grob gesagt sollte dieses Album in erster Linie alle Winger-Fans begeistern, darüber hinaus Kenner von Brocks Soloalbum, dem hervorragenden »Diamond Blue«, das vor sechs Jahren erschien — und es lohnt sich hinzuzufügen, dass sich inhaltlich und energetisch auch die ersten drei Strangeways-Alben mühelos anreihen lassen. »Roth Brock Project« ist also ein wirklich schönes Melodic-Rock-Produkt mit einer etwas »zugespitzteren« Produktion der »nach vorne geschobenen« Gitarren und elf gleichwertigen Kompositionen, die qualitativ nicht schwanken.
Roth Brock Project – Young Gun (offizielles Video):
Besetzung
Terry Brock – Gesang, Hintergrundgesang
John Roth – Gitarre, Bass, Keyboards, Gesang, Hintergrundgesang
Scott Trammell – Schlagzeug, Percussion
Produktion
John Roth
Trackliste
1. Young Gun
2. What’s It To Ya
3. Young Again
4. If That’s What It Takes
5. I Don’t Know Why
6. Distant Voices
7. We Are
8. Fighter
9. My City
10. Never Givin‘ Up
11. Reason To Believe