Rodoljubac
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Rodoljubac
Label: Slušaj Najglasnije!
Erscheinung: 2016
Laufzeit: 65:41
Bewertung: 4.5/5
Rodoljubac sind zurück! Nach dem Album »1713« (2008) mit einem neuen und insgesamt dritten Studioalbum. Was die EP »Terrapija šoka« (2014) bereits ankündigte, bestätigt nun das neue Langformat der Band mit dem Titel »Rodoljubac«. Wenn du dich durch das Material des neuen Albums bewegst, braucht es keinen Einstein, um selbst zu der Erkenntnis zu gelangen, dass das neue Album mit dreizehn Songs (und zwei Bonus-Tracks) eine außerordentlich dichte Informationsfülle bietet — was einmal mehr bestätigt, dass Rodoljubac als eine der am längsten aktiven Rock’n’Roll-Bands Sloweniens eine unglaubliche Gruppe bleiben, die zwar an den Fesseln der alten Punk-Rock-Schule festhält, wie sie die Slowenen in ihren helleren Zeiten brauten, dabei aber ihr genremäßiges Fundament ständig weiterentwickelt und ausbaut. Eigentlich sind Rodoljubac in dieser Hinsicht in gewissem Maße durchgehend progressiv. Sie entwickeln sich künstlerisch weiter, und ihr Artismus ist neben der grundlegenden Punk-Rock’n’Roll-Prämisse fähig, Einflüsse anderer Genres aufzunehmen (Blues, Stoner, HC-Punk, sogar Metal) sowie mehrere rhythmische Wendungen in einem einzigen Song zu integrieren. Diese letzte Beobachtung gilt besonders für das neue Album, denn die Ankunft von Schlagzeuger Rok Peršolja hat das Klangbild des Albums wirklich verändert — diese punktuelle Lebendigkeit hätte es ohne Roks technisches Können sicher nicht erreicht.
Rodoljubac bleiben in erster Linie dennoch Punk-Rocker — denn auch diesmal ist der unverwechselliche und eindrucksvoll schneidende Gesang von Damir Mrak durchgehend dabei, vollgepackt mit beißender, bitterer, von galligen Ausbrüchen durchtränkter Poesie des absoluten Stinkefingers gegenüber einem System, das den Einzelnen ihre Identität raubt und sie in graue, folgsame Mäuse verwandelt. Da sind die Chor-Einlagen, die an das Gebrüll von Straßenbanden erinnern, die direkte, garagenmäßig ausgezogene, brutal verzerrte, aber fettsatt klingende Gitarre, die eine wilde und dreckig-bastardhaft punkige Rock’n’Roll-Stampede schneidet (in ordentlichen Riffs oft halbtönig abgehackt zu vernehmen) — und schließlich ein Haufen marschartiger Märsche, denen eine kompromisslose rhythmische Wut eingeschrieben ist.
Die mittleren Passagen — die sogenannten »mid-eight«-Teile der Songs — sind oft motivischen Modulationen unterworfen; die Jungs sorgen dabei immer für eine hervorragende Dosierung dieser Songabschnitte mit Gitarrensoli, dem Einstreuen exzellenter Schlagzeug-Übergänge, wobei auch Domens dicke Basslinie rumpelig in den Vordergrund tritt und das Klangbild der Songs kontrastiert, indem sie nach melodischer Beweglichkeit sucht. Davor Mrak gilt als unglaublich scharfsinniger Gitarrist. In der mittleren Passage spielt er nacheinander auch mal zwei (getrennte) Soli. Ich rede von echten Gitarrensoli eines Gitarristen, der genau weiß, was Gitarrensolo-Spiel bedeutet — und nicht etwa vom halbminütigen Verharren auf einer Saite und drei oberflächlich gespielten Tönen (was der Punk zwar ohne Weiteres und mit Leichtigkeit verkraften würde). Auch diese Elemente verleihen der Geschichte von Rodoljubac den Charakter eines »fortgeschrittenen«, also »progressiven« Punk-Rocks.
Das Ergebnis? Einzigartig, unverwechselbar, sofort erkennbar. Man könnte sagen: urwüchsig und selbstgewachsen. Das Album strahlt Charisma aus, das mit seiner scharfsinnigen und einzigartigen Art-Kultur der Band ihren Platz als Kultkönige des Alternativrock-Untergrunds der Nördlichen Primorska sichert. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Rodoljubac heute ein lebendiges Punk-Rock’n’Roll-Relikt aus Zeiten der alten Schule sind — aus einer Zeit, als Hic Et Nunc und Dicky B. Hardy schon längst versunken waren. An Scharfsinn in ihren Botschaften mangelt es ihnen nicht, noch weniger an darstellerischer Leidenschaft und Verve. Rodoljubac schießen mit vollen Eiern und stehlen dem Hörer keinen einzigen Moment, denn ihnen ist klar, dass man „aus einem Schwanz keinen Heuschober macht“. Sie sind der bodenständige Schrei des kleinen Mannes gegen die Maschinerie der absoluten Kontrolle, die dir »Sicherheit« anbietet, im Tausch dafür, dass du ihr deine Seele verkaufst. Und damit das klar ist: Diese Musik machen heute Jungs, die die vierzig längst überschritten haben — und keine Zwanzigjährigen, von denen man solche musikalische Pose und Aussagekraft erwarten würde (was eine Utopie wäre, denn Rock in Slowenien ist eine Geschichte namens »game over«, die nur noch leise erlischt und aus unserem Umfeld verschwindet).
Das Album »Rodoljubac« verträgt keine Afferei, keine Schminke, kein kosmetisches Aufhübschen. Das Quartett ist unglaublich erfahren und weiß genau, was es will — deshalb hält es auch auf dem neuen Album eisern an seiner musikalischen Philosophie fest. Dabei spielen Rodoljubac schlicht hervorragend. Es sind vier erstklassige Musiker, die sich unglaublich gut ergänzen und in der Umsetzung ihrer Ideen zu einem stimmigen Ergebnis finden. Man sollte im Blick behalten, dass dieses Album nach dem Vorbild eines Live-Auftritts aufgenommen wurde — in einem Raum beziehungsweise Studio, wo Rodoljubac die Songs größtenteils in einem Durchgang eingespielt haben (einem Versuch, »in one take«).
Mit dem Experimentieren — das für die Karriere der Band längst kein Fremdwort mehr ist — streifen Rodoljubac an den interessantesten Stellen diesmal etwa im psychedelischen Rock’n’Roll-Stück V sobi je miš sogar flüchtig an ein Stückchen Charisma der legendären Buldožer. An Luzidität und unverhülltem Sarkasmus mangelt es der Band auch diesmal nicht, und das Album ist damit reichlich bestückt. Besonders interessant ist der Abschlusstrack des Albums namens Zbogom orožje, der in seiner Düsterheit sogar Konturen zeichnet, die in einer anderen Geschichte die Rahmen des Doom Metal abstecken könnten.
Die Band hat wieder eine riesige Menge Musik geliefert. Dreizehn reguläre Songs und zwei Bonus-Tracks. Offenbar spüren die Jungs, dass bis zum nächsten Album wieder viel Wasser fließen wird — und haben auf »Rodoljubac« einfach alles hineingestopft, was sie in letzter Zeit erschaffen haben und zur Hand war. Und das ist unglaublich: Die satten 65 Minuten Musik, die das Album bietet, ermüden oder langweilen einen keinen einzigen Moment. Es geht dabei nicht nur um die ideen- und strukturmäßig sehr ansprechende Lebendigkeit der Songs, sondern auch um deren großen Ausführungswert — und um ein Album mit einer außerordentlichen Ausdruckscharisma, was die Texte an sich betrifft. Die Band handelt auch diesmal wieder geschickt mit Texten in serbischer und kroatischer Sprache, was ihrer musikalischen Pose beziehungsweise ihrem Charakter schon seit jeher unglaublich gut steht.
Wenn ihr nach Authentizität sucht und nach einer Antwort auf die Frage, was echter Punk-Rock’n’Roll im reinsten Sinne des Wortes ist, dann müsst ihr euch unbedingt das Album »Rodoljubac« vornehmen. Es wird eure Gehörgänge verdammt gründlich durchspülen — bis die Ohren bluten! Die heilige Wut der echten Energie der guten alten Punk-Rock-Schule lebt also unverhüllt weiter! Und wenn zum Beispiel Ljubljana schon längst der korporativen Schminke erlegen ist oder auf irgendwelche modischen Quasi-Tricks der Entdeckung höherer intellektueller Sphären des »post-punkigen« (oje — »Drone«) Brummens auf zwei Tönen hereinfällt, die klanglich auf eine halbe Stunde ausgedehnt werden, dann werden sich die Soča-Rebellen so schnell weder ergeben noch der Ursprünglichkeit des Punk-Rock-Erbes abschwören.
Rodoljubac – Zbogom orožje (offizielles Video):
Besetzung
Damir Mrak – Gesang
Davor Mrak – Gitarre
Domen Jeriha Perinčič – Bassgitarre
Rok Peršolja – Schlagzeug
Produktion
Rodoljubac
Trackliste
1. Glava
2. Sam
3. Promašeni slučaj
4. Mrtvaški valcer
5. Idiot
6. V sobi je miš
7. Odjebi prohibicija
8. Stampedo pizdarij
9. Zloba
10. Preko trupel
11. Budala
12. Zakrul & Zažagi
13. Zbogom orožje
14. Po šumama i gorama*
15. Lulam krvavo *
*… Bonus-Tracks