Rockville II
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: FM
Label: Membran
Erscheinungsjahr: 2013
Spielzeit: 42:17
Wertung: 4.5/5
»Rockville II« ist das zweite Album der Gruppe FM, das gerade einmal 14 Tage nach seinem Vorgänger »Rockville« erschien (RockLine-Rezension HIER). FM hatten ursprünglich eine Doppel-CD-Veröffentlichung geplant, änderten ihre Entscheidung jedoch in letzter Minute. FM gelten als prominenteste Vertreterin des britischen Ansatzes im AOR-Genre. Ihr Album »Indiscreet« (1986) muss im CD-Regal jedes Haushalts stehen, der etwas auf sich hält.
Es klingt etwas seltsam, wenn du eine Band vom Typ FM bist und dich dazu entscheidest, zwei separate Studioalben im Abstand von 14 Tagen zu veröffentlichen. FM haben ihre unverkennbare AOR-»Spur« der Vergangenheit und Gegenwart. Musikalisch können sie nicht mehr überraschen. Was du siehst und hörst, das bekommst du auch.
Und doch ist dieser Schritt, zwei separate Studioalben zu veröffentlichen, aus mehreren Gesichtspunkten gerechtfertigt. Denn »Rockville II« unterscheidet sich tatsächlich ein wenig von »Rockville«. FM haben für das zweite Album eine Reihe von Songs zusammengetragen, die im Vergleich zum Material auf »Rockville« etwas weicher wirken. Daher drängt sich die Erkenntnis auf, dass »Rockville II« sogar noch stärker darauf ausgerichtet ist, das gewählte Gefühl präzise zu platzieren, das den Hörer durch die Interpretation der Vokalmelodien und deren Aussagekraft berühren soll. Natürlich können diese nicht alleine zünden. Sie werden nämlich durch ein »weicheres« Prinzip des Komponierens, Arrangierens und letztlich auch der Produktion ergänzt, das auf »Rockville II« sogar die Feinfühligkeit der größten Perfektionisten der Pop-Rhetorik verlangt. Man kann sagen, dass das Material auf »Rockville II« noch mehr Gespür erfordert beim Aneinanderreihen eines perfekt geformten Prinzips der optimalen Ausschöpfung der melodischen Klanglandschaft. Wer die Solo-Studioalben von Steve Overland kennt, dem wird »Rockville II« sofort sehr vertraut klingen.
Die Songs auf »Rockville II«, die ein kleines bisschen von der erwarteten FM-Typik abweichen, sind das Eröffnungsstück »High«, eingehüllt in die kompakte Wärme eines Funk-Rhythmus, weiterhin das in der Albummitte mit dem Flair eines orientalischen Melos umwobene »Runaway Train« – in letzteren führt uns das instrumentale Präludium »Desolation Station« – was an sich ebenfalls eher eine Ausnahme als die Regel ist, wenn es um den musikalischen Charakter von Bands wie FM geht. Die dritte spürbare Abweichung von der sonstigen FM-Typik, die der Vorgänger, also das Album »Rockville«, bietet, bringt auch der Abschlusstrack »Last Chance Saloon« mit seiner »heartland rock«-Kontur. Vielleicht haben die Jungs in ihrer Jugend auch Eagles gehört.
»High« ist ein alter Song. Aus den Zeiten des Projekts SO! Das war ein gemeinsames Projekt des Sängers Steve Overland und des Schlagzeugers Pete Jupp, das im Jahr 2000 das Album »Brass Monkey« veröffentlichte. Auf diesem Album ist auch die Originalversion des Songs »High« enthalten. Für »Rockville II« hat sie natürlich eine ausdrucksstarke Adaption nach dem Rezept »a la FM« erfahren. Die Funk-Kontur ist darin so entschieden, dass das Soul-Paradigma, das der Vokalcharakter Overlands sonst trägt, so passend wirkt, dass sich mit einer solchen musikalischen Kulisse und Rhythmik schnell auch Seine Exzellenz, »The Voice Of Rock«, Mr. Glenn Hughes, identifizieren würde. Overland ist übrigens ein ähnlicher Sängertyp wie Lee Small (Shy, Surveillance) und Keith Murrell (Airrace).
Auch »Rockville II« überzeugt auf ganzer Linie! In Bezug auf die dynamisch-klangliche Wärme der gewählten Produktion, die Abwechslungsreichtheit der tragenden melodischen Strukturen, einschließlich eingängiger Refrainmelodien. Overland funktioniert emotional wieder brillant. Solange FM so herausragende Songs wie etwa »Big Addiction« auf »Rockville II« schreiben, das besonders durch seine reife Weiterentwicklung brillanter Arrangementlösungen imponiert (die Keyboards tragen die Kontur der guten alten The Who-Zeiten), besteht keine Gefahr, dass FM mit neuem Material irgendwie danebenschlagen könnten. Nicht nur sind sie zu erfahren, sondern sie wissen auch zu gut, dass jegliches Experimentieren zu einem automatischen musikalischen Selbstmord der Band führen würde.
Zwei Alben im Abstand von 14 Tagen. Entsprechend mehr Veröffentlichungen, noch mehr Medienrummel. Offensichtlich ist die Kreativität der FM-Besetzung in ihren reifen Jahren auf dem Höhepunkt. Der Ansatz, zwei Studioalben nacheinander zu veröffentlichen, ist weitreichend, mutig, aus Sicht der »überlebenden« Fans geradezu traumhaft und deutet gleichzeitig darauf hin, dass FM herzlich wenig darauf pfeifen, ob diese Entscheidung einen guten oder schlechten geschäftlichen Zug darstellt. Die Lehrjahre endeten für FM mit dem Ende der Achtziger. FM spürten einfach, dass es so am besten ist. Die Angst ist weg. Es bleibt nur der Wunsch, sich selbst und dem Publikum das Beste zu liefern, was man draufhat, und dabei so aufrichtig wie möglich zu sein – also echt und authentisch. Auch nach dem, was »Rockville II« zeigt, ist klar, dass wir nicht lange auf das nächste Studioalbum der Gruppe warten werden. Ein Album von großen kreativen Qualitäten. Wie »Rockville« und »Rockville II«.
Besetzung
Steve Overland – Gesang, Gitarre
Jim Kirkpatrick – Gitarre, Hintergrundgesang
Jem Davis – Keyboards
Merv Goldsworthy – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Pete Jupp – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Produktion
FM
Tracklist
1. High
2. Big Addiction
3. Guilty
4. Desolation Station
5. Runaway Train
6. Living for the Weekend
7. Forever & a Day
8. Highway Paradise
9. Brother Take Me Home
10. Last Chance Saloon