Rock The Cradle
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Dario Mollo`s Crossbones
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2016
Laufzeit: 46:38
Wertung: 4/5
Dario Mollo ist ein italienischer Gitarrenvirtuose, Komponist und Produzent. Auf der Rock-Landkarte ist sein Name fest verankert und hoch angesehen, und in der Vergangenheit hat er sich mit der Veröffentlichung äußerst hochwertiger Hard-Rock-Alben einen Namen gemacht, die unter dem Projekt The Cage erschienen (Mollo arbeitete hier zusammen mit dem ehemaligen Black Sabbath-Sänger Tony Martin), sowie unter Voodoo Hill (hier kollaborierte Mollo mit dem anderen ehemaligen Black Sabbath-Sänger Glenn Hughes). Nun sind die Jahre vergangen, die Ideen für ein neues Album haben sich angesammelt, und Mollo brauchte für die Umsetzung der neuen Musik natürlich einen neuen Sänger, der die charismatischen Vokalqualitäten der unnahbaren oder zumindest schwer zu gewinnenden Glenn Hughes und Tony Martin würdig fortführen würde.
Die Wahl des neuen Namens ist absolut treffend, denn das Gespann mit dem aktuellen Nazareth-Sänger Carlo Sentance ist natürlich eine neue und nicht ganz dieselbe musikalische Geschichte, wie man sie erwartet hätte. Hinter der Entscheidung für den Namen Crossbones steckt jedoch eine lange Geschichte. So hieß nämlich Dario Mollos Stammband, mit der er 1981 seine Karriere begann.
Mollo ist gewissermaßen die italienische Antwort auf die Gitarrenvirtuosen, die durch ihre Arbeit in den Siebziger- und Achtzigerjahren den Hard Rock mitgeprägt haben. Bei diesem Verweis drängen sich schnell die Namen Randy Rhoads und Michael Schenker auf, doch in Mollos Spiel spürt man vor allem die unglaubliche Begeisterung für das Wesen und Werk von Richie Blackmore, und die Kompositionen wenden sich in ihrer kompositorischen Orientierung gerne dem Pioniergeist von Deep Purple und/oder Rainbow zu. Dabei fehlt auch das Kokettieren mit neoklassizistischen Kompositionsfiguren nicht (Take Me High, die Mid-Eight-Passage des Stücks Speed), die Richie Blackmore einst selbst in den Rock’n’Roll eingeführt hat. Sinnvoll sind auch die Parallelen zur späten Ära von Black Sabbath (der Tony Martin-Ära), besonders im Eingangsriff von Running From The Shadow. All diese Feststellungen wurden bereits einmal beim Hören der Alben der Projekte Voodoo Hill und The Cage gemacht, und doch ist »Rock the Cradle« eine andere Geschichte. Das Zünglein an der Waage ist natürlich die Vokal-Charisma von Carlo Sentance. Er liefert eine außergewöhnlich reine, melodisch expressive und autoritative Haltung, die sich in jeder Lage seines Wirkungsbereichs hervorragend bewährt. In mittleren Lagen, in denen der Sänger Kraft entwickelt und diese anschaulich und ohne den Verlust auch nur eines Quäntchens Energie in die Höhen trägt. Auch in extreme Höhen – kein Wunder also, dass er mühelos jenen Lagen gewachsen ist, die die pensionierte Vokal-Sirene Dan McCafferty dem unvergesslichen musikalischen Vermächtnis von Nazareth eingehaucht hat. Wenn nicht früher, wird dich Sentance spätestens im ultraansteckenden, mittelschnellen Epos beziehungsweise der eindringlichen und zutiefst melancholischen Ballade Gates Of Time definitiv in seinen Bann ziehen und überzeugen, das auf klar gezackten Schwingen der Feierlichkeit und mystischer Beschwörung reitet. Eine Bombe von einem Song und eigentlich einer der Höhepunkte dieses Albums.
Neben dem charismatischen, klar ausgeprägten und wiedererkennbaren Vokalcharakter von Carlo Sentance bleiben auch auf diesem Album die Gitarrenkapriolen des hervorragenden Dario Mollo der Hauptmagnet. Auch wenn das Album »Rock the Cradle« keine musikalische Revolution bringt, sondern in der bewährten Ausdruckswelt der Hard-Rock-Tradition reitet, ist Mollo beim Neu-Verpacken und Recyceln unglaublich überzeugend. In der Erfindungsgabe der Leitmotiv-Phrasen selbst, in der Ausschmückung dieser Phrasen mit zusätzlichen Gitarrenmelodien, die er darüber legt, sowie in der außerordentlichen Bildlichkeit verführerischer Soloakrobatik innerhalb der instrumentalen Passagen. An Dynamit in den Fingern fehlt es ihm nicht, ebenso wenig an Fantasie und prägnanter expressiver Feurigkeit. Mollo ist alte Hard-Rock-Schule. Solche Musiker werden nicht mehr gemacht, und deshalb trägt dieses Album einen äußerst starken und definierten musikalischen Charakter sowie eine Identität, die glaubwürdig auf ihrer Position innerhalb des allgemein überfüllten Hard-Rock-Horizonts dieses Planeten besteht.
Bei aller Vorhersehbarkeit, die die allgemeine Hard-Rock-Kompositionsschablone erzeugt, hat Mollo mit einer äußerst ansprechenden und gefälligen Abwechslung in den Leitmotiv-Phrasen und rhythmischen Schlüsseln aufgewartet, in denen sich zehn expressiv starke und überzeugende Kompositionen entfalten. »Rock the Cradle« ist ein außerordentlich hochwertiges Album. Hervorragend verpackt, geschickt komponiert, veredelt durch Momente der Bombastik und Melancholie, auch der Feierlichkeit und Mystik. Hypnotisch ansteckend in seinen Melodien. Ein Album, das die goldenen Zeiten der Hard-Rock-Musik der späten Achtziger zum Leben erweckt. Ohne ein Körnchen »amerikanischen« Zuckers und Pathos. Wenn du ein Fan der Black Sabbath-Alben »Tyr« und »Headless Cross« sowie des Deep Purple-Albums »Perfect Strangers« bist, wirst du mit »Rock the Cradle« definitiv dein neues Zuhause des nostalgisch retro-klingenden und unglaublich überzeugenden Hard Rocks finden. Hoffen wir, dass Mollo die Zusammenarbeit mit Sentance auch in Zukunft beibehält. Solche Alben wie »Rock the Cradle« lohnt es sich immer, mit neuen und weiteren Studioarbeiten fortzusetzen.
Dario Mollo’s Crossbones – Gates Of Time (offizielles Video):
Besetzung
Carl Sentance – Gesang
Dario Mollo – Gitarre
Dario Patti – Bassgitarre, Keyboards
Ezio Secomandi – Schlagzeug
Produktion
Dario Mollo
Tracklist
1. Red
2. Take Me High
3. Navigation
4. Rock The Cradle
5. Gates Of Time
6. I Got This Feeling
7. In My Blood
8. Running From The Shadow
9. Speed
10. Fright