Rock Island
Autor: Peter Podbrežnik
Band: Jethro Tull
Label: EMI Records
Release: 1989
Bewertung: 3/5
Ian Anderson, der schelmische schottische Onkel mit Flöte in der einen und Pfeife in der anderen Hand, und seine einen Tick weniger gerissene Truppe haben sich bestimmt schlappgelacht, als sie nach dem Release von „Crest Of A Knave“ (1987), das ihnen einen umstrittenen Grammy für das beste Heavy-Metal-Album des Jahres einbrachte, einen regelrechten Karrierefrühling erlebten und das Interesse an ihrer Musik wieder anzog, vor allem bei jüngeren Generationen, die noch gar nicht auf der Welt waren, als Jethro Tull schon ihr erstes Album veröffentlicht hatten. Die Grammy-Geschichte bringt heute noch die Gemüter in Wallung und dient Ian als äußerst dankbares Material für Gags auf der Bühne. Zynismus auf Kosten der Dummheit der Musikindustrie und das Ausruhen auf den Lorbeeren hielten allerdings nicht lange an, denn die Truppe machte sich schnell an das nächste Album.
Obwohl sich die Bandmitglieder deswegen nicht groß den Kopf zerbrachen, fragten sich viele Fans bang, wie Tull ein so erfolgreiches Album wie „Crest of A Knave“ fortsetzen würden. Und das, obwohl Letzteres in künstlerischer Hinsicht gar nicht zu ihren größten Errungenschaften zählt. Ian, dem langsam seine charakteristische Stimmfarbe zurückkehrte, und seine Kumpels beantworteten diese Frage, indem sie dasselbe Hardrock-Rezept wie zuvor benutzten und mit „Rock Island“ einen beinahe stilistischen Zwilling des Vorgängers schufen – mit dem Unterschied, dass sie ihn produktionstechnisch ordentlich von den Einflüssen der 80er-Technik befreiten und programmierten Drums endgültig Lebewohl sagten. Letztere sind zum Glück Vergangenheit, und Doane Perry konnte endlich ordentlich in die Hände spucken und sich an seinem Arsenal aus „Töpfen und Deckeln“ austoben. Ian hat diesmal einen richtigen Keyboarder in Gestalt von Martin Allcock (ex-Fairport Convention) angeheuert, während ihm stellenweise auch der ehemalige Mitstreiter Peter-John Vettese unter die Arme greift. Der Schlüsselmusiker für das „Hardrock“-Element ist wie gewohnt Ians unzertrennlicher Kamerad, Gitarrist Martin Barre, der im Verbund mit dem vielseitigen Bassisten Dave Pegg, der gelegentlich auch zur Mandoline greift, ein siegreiches Gespann aus energiegeladenen und auch melancholischen Passagen bildet. Die Songs sind außerdem einen Tick düsterer in der Stimmung, denn fast ausnahmslos beschäftigen sie sich mit den damaligen gesellschaftlichen Problemen (entwertete Gesellschaft, Entfremdung, Einsamkeit, Umweltprobleme usw.). Der Albumtitel bezieht sich auf die Isle Of Skye, eine Insel ganz im Westen Schottlands, wo damals Ians Wohnsitz lag. Der Großteil der Stücke teilt sich in rhythmisch simple Hardrock-Energiespender und etwas komplexere Momente, in denen mehr Gewicht auf Flöte und Keyboards liegt. Trotzdem findest du hier nichts, was viel mit Progressive Rock zu tun hätte oder auf irgendeine Weise aus dem sonstigen soliden Durchschnitt herausragen würde, wie es zum Beispiel beim Vorgänger der Fall war, der den Klassiker „Budapest“ enthielt. Auf „Rock Island“ suchst du vergeblich nach einem besonders herausragenden Tull-Meisterwerk.
Der ausgesprochen solide Opener „Kissing Willie“, ein Hardrock-Krawallmacher und die Geschichte einer verbotenen Liebe hinter Fabrikmauern, ist wieder eine von Ians zahlreichen sexuellen Anspielungen, mit denen er sich schon früher auf sympathische Art selbst auf die Schippe genommen hat (z. B. „Nursie“, „Pussy Willow“). In vielem ähnelt er „Steel Monkey“ vom letzten Album, denn er hat einen ähnlichen ZZ-Top-Rhythmus. Ian hat die stimmliche Verwandtschaft mit Mark Knopfler (Dire Straits) immer noch nicht ganz abgelegt, die entstand, als er wegen einer Stimmbandverletzung seine Gesangsweise ändern musste, was durchaus zur kommerziellen Eingängigkeit einiger Stücke beiträgt. Diesmal gibt es dafür „echte“ Drums, und auch Martins Gitarrenriffs sind einen Hauch witziger, vom kitzligen Text ganz zu schweigen. Viele erinnern sich an diesen Song vor allem wegen seines berüchtigten, burlesken Videos, in dem Ian einen großartigen Benny Hill abgibt und auf das er persönlich nicht im Geringsten stolz ist. Manche warfen dem Video sogar vor, ein pornografisches Element zu enthalten, was meiner Meinung nach trotzdem eine ziemlich übertriebene Anschuldigung ist. Der ziemlich funkig ausgerichtete Hardrocker „The Rattlesnake Trail“ setzt im ähnlichen ZZ-Top-Midtempo fort, mit starkem Fokus auf Martins E-Gitarre, unter der hochwertige Riffs und witzige Passagen qualmen. Ian hat hier seinen Gesang wieder etwas „gelockert“, auch wenn ihm die frühere Geschmeidigkeit fehlt. „Ears Of Tin“, der sich auf den sozialen Zerfall des Schottischen Hochlands, den Zug in die Großstädte und die Sehnsucht nach der Rückkehr aufs Land bezieht, klingt wieder etwas mehr nach klassischem Tull-Folkrocker. Trotz energischer Passagen an Flöte und Gitarre und Ians Versuch, die einstige Folkrock-Magie wiederzubeleben, ist das ein ziemlich durchschnittliches Stück.
Der alte Schlawiner lebt seine Fantasien auch auf „Undressed To Kill“ aus, der von einer Stripperin in einem Nachtclub handelt, auch wenn er nur ein soziales Problem streift, das aus falscher gesellschaftlicher Moral und einer traumabelasteten Tänzerin entspringt. Ians ausgelassene Flöten-Späße und Martins gastronomische Gitarrensoli sind der Hauptgrund, warum der Song nicht wie ein zweitklassiger Dire-Straits-Pubrock-Klon rüberkommt und mit jener Dynamik atmet, die typisch für Jethro Tull ist. Der Titelsong „Rock Island“, der von der gesellschaftlichen Einsamkeit des Einzelnen handelt, der sich vor dem Unverständnis von Zeit zu Zeit gern wieder in seine geliebte „Gebärmutter“ zurückzieht, ist ein sehr gelungener Track, den man vielleicht sogar zum besten Moment des Albums küren könnte, auch wenn er kein Tull-Klassiker ist. Seine Hauptstärke ist die melancholische und stellenweise ausgelassene Ambient-Stimmung, die aus dem Zusammenspiel von Keyboards im Hintergrund, saftiger Flöte und geölten Gitarrenpassagen entsteht. Auch Ians Stimme klingt diesmal wieder etwas mehr nach früherem Glanz, während das Prog-Rock-Element ihrer Musik hier erstmals stärker zur Geltung kommt. „Heavy Weather“, der sich auf die Umweltkatastrophe nach der Explosion in Tschernobyl bezieht, greift die Umweltproblematik auf, auch den „schwarzen“ Regen, den Ian Anfang der 70er auf einer Amerika-Tour erlebt hat. Musikalisch ist das ein weiterer solider, ausgelassener Hardrocker, den auch ein farbenreiches Solo an Gitarre und Flöte schmückt.
Der folkrockige „Another Christmas Song“ ist so etwas wie die Fortsetzung des Kultstücks „A Christmas Song“, der B-Seite einer Single von 1968. Anders als der ziemlich zynische „Vorfahr“ erzählt er von einer Stimmung der Verbundenheit, Solidarität und Wärme am heimischen, reich gedeckten Tisch. Das schlichte, aber saftige Grundmotiv auf der Flöte zur Begleitung der Mandoline ist sein Hauptreiz. Von allen Stücken des Albums ist das mit Abstand das positivste und lockert dessen ziemlich düsteren und angespannten Charakter etwas auf. Der episch angelegte „The Whaler’s Dues“ widmet sich dem heiklen Thema des Walfangs und gibt Einblick in das Innenleben eines Walfängers. Obwohl er weder auf Idealisierung noch auf Kritik am Walfang abzielt, ist er eine weitere Umweltbotschaft eines Herrn, der als Besitzer einer Lachsfarm den Abschuss von Robben erlaubt hat. Obwohl er zu den besseren Stücken des Albums gehört, kann einen die ziemlich triste Stimmung schnell langweilen. Das dramatische Hauptmotiv, der für Ian untypische Einsatz der Flöte und die melancholischen Keyboards werden etwas dadurch runtergezogen, dass Ian den Text meiner Meinung nach diesmal nicht gerade bestmöglich gesungen bzw. vorgetragen hat. Einzelne instrumentale Häppchen und Übergänge sind trotzdem hervorragend, allen voran Martins Gitarre.
„Big Riff And Mando“ ist von einer kuriosen Begebenheit inspiriert, die Martin einmal passiert ist. Bei einem Auftritt in den USA klaute ihm jemand in der Garderobe die Mandoline. Weil sich „Lancelot“ nicht trösten ließ, veröffentlichte Ian in einer Musikzeitschrift eine Aufforderung, das Instrument zurückzugeben, und der Dieb brachte die Mandoline erstaunlicherweise völlig unversehrt zurück (das Motiv des Diebstahls wurde nie geklärt). „Marty“ im Text ist natürlich Martin, während das „big riff“ eine Metapher für den Dieb ist. Dank geschmackvoller Wechsel zwischen Mandoline und E-Gitarre ist der Song eine interessante Kreuzung aus Folk und Hardrock. Martins Riffs, Daves Mandoline und Ians verträumte Flötenpassagen bilden eines der interessanteren Stücke des Albums. Der Schlusstrack „Strange Avenues“ ist so etwas wie die lyrische Fortsetzung der kritischen sozialen Verhältnisse aus dem legendären Klassiker „Aqualung“ von 1971. Die Band hat das alte Thema des riesigen Grabens zwischen den Gesellschaftsschichten erfolgreich in eine andere Zeit übertragen. Nach angespannten Eingangspassagen zwischen Flöte, Gitarre und Keyboards entwickelt er sich zu einem sehr guten akustischen Arrangement, in dem Ians Gesang mit unverhohlenem Zynismus in der Stimme einsetzt. Die hohe Dramatik fällt plötzlich ab, mit einem völlig unerwarteten Ende.
Die Bonustracks der Neuauflage sind drei gute Live-Aufnahmen von einem Auftritt im schweizerischen Zürich. Alle drei Darbietungen sind beliebte Klassiker. Die großartige Version des vorhin erwähnten „Christmas Song“ taugt als Vergleich zu „Another Christmas Song“, während das Medley „Cheap Day Return/Mother Goose“ (Letzteres in deutlich gekürzter Fassung) und der Standard „Locomotive Breath“, diesmal in einer viel simpleren Version gespielt (ohne Keyboard-Intro), zum nostalgischen Heraufbeschwören vergangener Tage der größten künstlerischen Inspiration der Band dienen.
„Rock Island“ ist, entgegen der Meinung der meisten damaligen und heutigen Kritiker, ein durchaus solides, hardrock-lastiges Album und ein guter Nachfolger des kommerziell viel berüchtigteren Vorgängers, der dessen Erfolg allerdings nicht erreichen konnte. Das ist vielleicht der Hauptgrund, warum die Band es heute bei Auftritten praktisch nicht mehr erwähnt und die meisten Fans es nur selten ansprechen. Sein größtes Problem ist, wie gesagt, der Mangel an deutlich herausragenden Stücken, die man zu Tull-Klassikern erklären könnte. Auch gibt es spürbar weniger akustisch ausgerichtete Songs und einige weniger inspirierte Momente. Dafür werden sich alle Liebhaber von Martins Gitarrenkunst diesmal aber satt „essen“. Auf „Rock Island“ gibt es weder Meisterwerke noch unterdurchschnittliche Stücke, solider Durchschnitt herrscht vor. Die Band wollte mit übertriebenen Stilexperimenten nichts riskieren und ahmte den Stil des Vorgängers nach, doch dem Album fehlt trotz des deutlich natürlicheren Sounds jene Energie und Unberechenbarkeit, die das „beste Heavy-Metal-Album des Jahres“ auszeichnete. Auch wenn Ian mit den Jahren immer mehr die neuen Ideen ausgehen werden und er sich mit dem nächsten Album auf ein ungewöhnliches, fast groteskes Blues-Experiment einlassen wird, lässt sich der Kerl nicht einfach so von ungestümen Youngstern unterkriegen und wird noch viele positive Überraschungen aus dem Ärmel (genauer gesagt aus der Flöte) schütteln, die zwar nicht in die Weltenzyklopädien des Rock eingehen werden, aber ein schöner Beweis für seinen unermüdlichen Drang sind, neue musikalische Territorien zu erkunden.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, Mandoline, Keyboards, Akustikgitarre, Drums auf 2 und 7
Martin Barre – E-Gitarre
Dave Pegg – Bassgitarre, Akustik-Bassgitarre, Mandoline
Doane Perry – Drums
GASTMUSIKER:
Martin Allcock – Keyboards auf 1 und 10
Peter-John Vettese – Keyboards auf 3, 4, 5 und 6
Produktion
Ian Anderson
Tracklist
1. Kissing Willie (3:32)
2. The Rattlesnake Trail (4:02)
3. Ears Of Tin (4:55)
4. Undressed To Kill (5:25)
5. Rock Island (6:54)
6. Heavy Water (4:12)
7. Another Christmas Song (3:32)
8. The Whaler’s Dues (7:53)
9. Big Riff and Mando (5:58)
10. Strange Avenues (4:10)
Laufzeit des Albums: 50:33
Bonustracks der Neuauflage (2006):
11. Christmas Song (live) (3:06)
12. Cheap Day Return / Mother Goose (live) (3:09)
13. Locomotive Breath (live) (3:38)