Rising Fire
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Motorfire
Label: Metal Tank
Veröffentlichung: 2014
Laufzeit: 42:10
Wertung: 4/5
Motorfire sind – oder schreiben wir besser, was sie waren – eine Band, die Elemente der klassischen Heavy-Metal-Schule mit Hard Rock verband. Vertreter des Revivalismus also. In ihrer gut dreijährigen Tätigkeit schaffte die Band es, 10 Songs zu schreiben (11 mit dem Intro), die auf dem Studiodebüt »Rising Fire« landeten. Das erschien Mitte April dieses Jahres. Das Album, das knapp einen Monat nach der offiziellen Bekanntgabe der Band, den Betrieb einzustellen, in unsere Redaktion kam, ist ein Dokument, das das große Potenzial des talentierten Heavy Metal / Heavy Rock-Quintetts aus Kobjeglave klar und unverblümt zeigt – mit großen Aussichten für die Zukunft. Und doch: Sag niemals nie. Vielleicht kommen sie zurück. Sie wären weder die Ersten noch die Letzten, die ihren (sicherlich verfrühten) musikalischen Ruhestand zurücknehmen würden.
Motorfire sind dem Erbe der Achtziger verschrieben. In Arrangement und Struktur der Kompositionen, in der stilistischen Wahl der Leitmotive und Leadmelodien. Der Gesang ist traditionell der melodischen Pragmatik verpflichtet, die Refrains entsprechend pompös ausgerichtet. Die Band feuert Gitarrenphrasen nach dem Vorbild des klassischen NWOBHM-Handwerks. Und dabei versteckt sie weder Kühnheit noch Talent. »Rising Fire« ist vom ersten bis zum letzten Ton durchhörbar, und die Songs stehen schon allein aufgrund des großen Herzbluts, das die Band in die Entstehung des Albums gesteckt hat.
Das insgesamt sehr schöne und solide Studiodebüt trägt einige Schwachstellen, die es künftig zu beheben gilt. Die Band muss eine bessere metrische Verteilung der Wörter in den Versen entwickeln – also mehr Aufmerksamkeit auf die Vereinfachung der Verse legen, um dem Gesang in der Folge noch mehr Melodiöses abzuringen. Der zweite Punkt, den es zu verbessern gilt, ist das sauberere Phrasieren der englischsprachigen Verse. Die Band ist eindeutig begeistert von der Produktion der klassischen Def Leppard-Alben. Das spürt man in den Versuchen, die Hintergrundgesänge zu produzieren, aber auch stellenweise bei der Snare, die in der druckvollen Ballade Miss You besonders »tiefgründig« betont ist. Ich behaupte, dass Rising Fire »zu klassisch« nach Metal klingt und zu wenig nach klassischem Hard Rock oder gar AOR für diese Art von Produktion – obwohl die Hintergrundgesänge grundsätzlich in den Refrainmelodien ganz ordentlich funktionieren. Dennoch ist der Leadgesang beziehungsweise seine Klangfarbe durch den vokalen Ansatz mit einem gewünschten Anflug dunkler Theatralik belastet, was den Anforderungen des Genres entspricht, dem Motorfire angehören. Das punktuelle Bestücken mit Vokalharmonien tut dem Album gut, doch ist dieses Element in den Arrangements des Debüts schlicht zu präsent – die Band übertreibt damit. Dabei darf man das außergewöhnliche Herzblut, den Elan und den Willen des Quintetts, sich zu beweisen, weder überhören noch leugnen – das dreht die Waage natürlich durchgehend zugunsten eines positiven Ergebnisses, wenn die Debatte ums Studiodebüt geführt wird. »Rising Fire« ist ein schönes Studiodebüt, voll von Kühnheit, gekonnt eingesetztem Instrumentarium und Kompositionsgeschick – auch wenn die Note anfänglicher Naivität spürbar ist.
Was den Gesang betrifft, ist folgende Feststellung einmal mehr interessant und für die slowenische Szene geradezu bezeichnend: Der einzige Song auf dem Album, der auf Slowenisch gesungen ist (mit dem Titel Demoni), zieht die Aufmerksamkeit stärker auf sich als die englischsprachigen. Es ist der dunkelste Song des Albums, in dem der Gesang am meisten Aggression und Bedrohlichkeit herausholt. Das ist also ein weiterer Beweis, dass die Verwendung der slowenischen Sprache die Grundlage für ein stärkeres Ergebnis an eigenständiger Autorschaft sein kann. Auf dem Album gibt es eigentlich keinen kompositorischen Fehltritt. Die Moves der Haupt-»Songwriter« der Band sind erprobt und bedächtig dosiert. In dieser Hinsicht fällt qualitativ nur die Liebes-Power-Ballade Miss You gegenüber den anderen Songs des Albums ab – die rührselig-schmalzigen Ausrutscher in Texten wie Melodien sind einen Hauch zu viel, und beim Hören schleicht sich das Gefühl ein, dass der Song in den Refrain-Wiederholungen nirgendwohin führt.
Das herausragende Element des Albums sind die verführerischen Riffs, die beim ersten Hinhören sofort packen, und die sehr gefällig gesetzten Gitarrensoli beziehungsweise die Duell-Soli beider Gitarristen – einschließlich der mehrfachen Ausschmückung von Gitarrenphrasen durch Terzenharmonien. Die Gitarristen besitzen ein ausgezeichnetes Gespür für die richtige Notenplatzierung. Ganz einfach: Sie folgen (bei Bedarf) auch sehr effektiv dem Axiom »weniger ist mehr«. In diesem Punkt können Motorfire ein echtes Vorbild für ihre slowenischen Genregenossen sein – besonders für jene Hard-Rock- und Metal-Bands und Gitarristen, die sich öfter vergessen und in Soli ihren »Annäherungsversuch« an die Dragonforce-Gitarristen demonstrieren, anstatt sich lieber auf die Aufrechterhaltung der Atmosphäre zu konzentrieren, die die grundlegende Botschaft des jeweiligen Songs vorgibt. Die Gitarrenarbeit und der ideelle Gehalt der Gitarrenphrasen sowie der Gitarrenarrangements ist eigentlich das größte Highlight des Albums »Rising Fire«. Auch was die Produktion betrifft.
Fans klassischer Heavy-Metal-Würger, Ohrfeigen und Hymnen – willkommen daheim. Das Album »Rising Fire« müsst ihr euch unbedingt anhören. Auch wenn das Album einen gewissen Hauch anfänglicher Naivität trägt – was völlig akzeptabel, verständlich und für die slowenische Metal-Szene schon fast üblich ist – zeigen Motorfire überzeugend Kühnheit, Engagement und großen Anfangsschwung. Es ist ein Album, das das Rad nicht neu erfindet und keine musikalische Revolution bringt, sondern durch Teile der Vergangenheit rollt und schamlos mit klassischen wie pionierhaften Rock- und Metal-Bands liebäugelt. Motorfire sind eher mit der NWOBHM-Schule vergleichbar als mit irgendetwas anderem. Die Einflüsse von Iron Maiden lassen sich keineswegs leugnen, und die »revival«-Elemente des klassischen Metals sind auf dem Album in spürbarer Überzahl. Dennoch hat die Band durch die Kompositionen Konsistenz bewiesen, und qualitative Schwankungen zwischen den Songs gibt es nicht. Das ist auch Beweis dafür, dass die Gruppe von Anfang an einen Stil ausgearbeitet hat, der sie zweifellos im Genre des klassischen Heavy Metals einordnet – beziehungsweise unter die Vertreter seines Revivalismus.
Auch wenn die Band offiziell aufgehört hat zu existieren, glaube ich, dass die Jungs ihre Meinung ändern und die Geschichte von Motorfire auf mittlere Sicht wiederbeleben werden. Oder auf deren Asche die Grundlagen für eine Karriere mit einer neuen Band legen. »Rising Fire« verkörpert nämlich die begeisternde musikalische Kühnheit der Talente fünf ungezähmter Hengste des slowenischen Karstes, denen Gesicht und Werk des klassischen Heavy-Metal-Erbes bestens vertraut sind.
Besetzung
Anej Marušič – Gesang, Hintergrundgesang
Boštjan Pertinač – Gitarre, Hintergrundgesang
Arian Krašna – Gitarre, Hintergrundgesang
David „Dafko“ Černic – Bassgitarre
Miha „Polo“ Polanc – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Produktion
Matevž „Murva“ Murovec & Boštjan Pertinač
Trackliste
01. Rising Fire
02. Burnout (“Tire on Fire”)
03. Night Version
04. The Pride
05. Ghost Rider
06. Claws ‘n’ Fangs
07. Miss You
08. Metropolis of Dreams
09. Demoni
10. Motorfire
11. Free Your Burning Heart