Reifer, verbissener – ein Abend mit Rocklegenden (2011)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Gasometer / Wien / Österreich
Konzertdatum: 11.05.2011
Besucherzahl: 3500
Kartenpreis: 41,60€

So läuft das. Alle Bands auf Konzerttourneen. Kohle! Wenn die nicht mehr durch Plattenverkäufe reinkommt, weil der ganze Planet mit dem Internet-„Runterziehn“ beschäftigt ist, bleibt die Tournee der einzige Weg, die hungrige Künstlerkasse aufzufüllen. Wenn du mehr als 40 Jahre im Geschäft bleibst, wächst so ein Treiben über sich hinaus. Es wird Teil deines täglichen Lebenskodex, deine heilige musikalische „Bibel“, an die du glaubst und der du geschworen hast. Liebe zur Musik, Obsession und das ewige Feuer, das in dir brennt und erst in dem Moment erlischt, wenn dich das dürre Weibchen mit Teint wie weißer Schnee zur Stunde der Vollendung des Lebenskreises abholt.

Ja. Keine Kapitulation. Nicht bei Uriah Heep, nicht bei Nazareth. Beide Bands sitzen seit über vier vollen Jahrzehnten fest im Sattel und geben keinen Zentimeter nach. Sowohl Uriah Heep als auch Nazareth haben dieses Jahr fast gleichzeitig neue Studioalben veröffentlicht. Nazareth „Big Dogz“, Uriah Heep „Into The Wild“. Darauf folgte logischerweise eine Konzertepopöe durch Europa. Beider Bands. Da sich die Tourneen zeitlich und örtlich überschneiden, fiel die Entscheidung, die sich von selbst ergibt: Es macht Sinn, einige Termine zu bündeln und gemeinsam auf die Bühne zu steigen.

Da Uriah Heep heute die größere Band sind und gemessen an den bisherigen Verdiensten auch insgesamt die größere Band als Nazareth, fällt bei diesen gemeinsamen Konzertabenden die Rolle des Hauptacts natürlich Uriah Heep zu. Eines dieser Konzertereignisse war auch für Wien angesetzt, den 12.05.2011.

Schon der Besuch des Rockline-Teams beim Nazareth-Solokonzert in Villach eine Woche zuvor hatte bestätigt, dass das österreichische Publikum die Rocklegenden nicht vergessen hat – und das mit einem starken Andrang von 2000 Köpfen bewiesen, die den Saal ordentlich füllten. Der Gasometer ist eine hervorragende Konzertlocation in Wien, die mit außergewöhnlicher Akustik punktet und mit der Rockline sehr schöne Erinnerungen verbindet – denn hier hat unser Medium seine Unschuld bei der Konzertberichterstattung im Ausland verloren, als wir am 20.03.2006 erstmals in unserer Geschichte das Konzert der britischen Sarkasmus-Rocker The Darkness besuchten! Eben dieser Gasometer hatte zuletzt Uriah Heep auf der „Wake The Sleeper“-Tournee beherbergt, am 06.11.2008.

Damals war der Saal zur Hälfte gefüllt, diesmal dagegen war der Gasometer knackevoll. Zwischen 3500 und 4000 Köpfe. Erwähnen sollten wir auch, dass es nicht das erste Mal ist, dass Nazareth und Uriah Heep auf diese Weise gemeinsame Sache machen. Man erinnere sich an die „The Double Trouble“-Tournee aus dem Jahr 2002.

Vor beiden Bands heizte eine lokale Formation das Publikum auf und servierte in einer halben Stunde ein Häppchen aus Coverversionen größerer Acts wie Van Halen, Bon Jovi, AC/DC,… – aber Urban und ich schafften es nicht, rechtzeitig durch die riesige Schlange der Wartenden vor dem Eingang zu kommen. Viel haben wir nicht verpasst.

Es ist 20:40 Uhr! Die Bühne verdunkelt sich. Der knackevolle Gasometer erwacht beim einleitenden Kitzeln einer traditionellen schottischen Melodie zum Leben…. Ohrenbetäubende Ovationen folgen, als die Bandmitglieder einer nach dem anderen ihre Positionen auf der Bühne einnehmen. Murrison haut den Riff rein, die Lichter gehen an, die Band stürzt sich mit dem Album „Rampant“ (1974) auf den Gasometer und schweißt gleich mal einen Dollar mit Silver Dollar Forger!

Nazareth hatten diesmal eine Stunde und 15 Minuten Bühnenzeit. So wurde das gesamte Repertoire, das sie eine Woche zuvor in Villach gespielt hatten, zurechtgestutzt und durchforstet. Anfangsteil und Abschluss blieben unverändert. Sogar die Bühnenklamotten der Band. Gleiche T-Shirts, gleiche Hemden. Alles beim Alten. Nur McCaffertys Gesicht ist noch etwas mehr zugewachsen, sodass ein Laie mit einem Funken blühender Fantasie ihn schnell zum Ersatz-Moses umtaufen könnte – oder als Ersatz für Charlton Heston im Film „Juda Ben (me)Hur“. Aber ich schweife ab! Diesmal doppelt so viele Leute wie in Villach, kein Nervtöter in der ersten Reihe, der Murrison wie in Villach gereizt hätte, die Akustik optimal. Bis This Month’s Messiah die Gitarre etwas lauter, aber mit Dream On gleicht sich das aus! Dieses Stück bestätigt die ausgezeichnete stimmliche Verständigung des Quartetts, Dan reißt nach wie vor alles mit seinem Gesang ein, wenngleich er enorme Unterstützung vom Mischpult bekommt (Echo-Effekt). Ohne Dans Stimme wäre heute mit Nazareth nichts. Der im Grunde sehr schlicht gestaltete Rock’n’Roll gewinnt erst durch seinen einzigartigen Vokalcharakter diese Einzigartigkeit und Wiedererkennbarkeit.

So lauschten wir den unvermeidlichen Evergreens, darunter This Flight Tonight, das bereits erwähnte Dream On, und im Zugabenteil Love Hurts, Hair Of The Dog – mit einem abgekürzten Dudelsack-Einschub – sowie Razamanaz, die auch in der Neuzeit in vollen Zügen pulsieren und zünden. Mit Changing Times (Album „Hair Of The Dog“, 1975), das Dan mit einem Augenzwinkern „fälschlicherweise“ als „Ballade“ ankündigte, entfaltete sich vor allem der Instrumentalteil der Sektion mit einem längeren Improvisationseinschub, der bestätigte, dass Nazareth keine fürchterlichen Musikprofessoren sind. So war Murrison zum Beispiel bei den schnelleren Solopassagen nicht immer ganz auf der Höhe, und der eine oder andere Ton schlüpfte durch, der nicht ganz klar und sauber klang. Dennoch überdecken die Rock’n’Roll-Wucht des außergewöhnlichen Hauptriffs und das Kanonenfeuer der Drums jeden noch so kleinen Schönheitsfehler souverän.

Nazareth haben ihren Job mit Auszeichnung erledigt. In der Intensität der aufeinanderfolgenden Stimmungen ein deutlich gelungenerer Auftritt als im Vergleich mit Villach eine Woche zuvor. Die Band zeigte durchgehend Anzeichen guter und aufgeräumter Laune, und vor allem strahlte während des Auftritts jene Eigenschaft der legendären Schotten auf, die wir als feines Gespür für ein gehöriges Maß an Witz und Sarkasmus verstehen, wie ihn die Wurzeln des Lebens auf der britischen Insel gebieten.

Uriah Heep betraten die Bühne genau um 22:20 Uhr! Auf einen von orientalischen Melodien und Rhythmen durchzogenen Intro folgte das brandneue I’m Ready vom neuen Album „Into The Wild“. Die Bühne wurde noch größer, als die Nazareth-Drums weggeräumt wurden; der Hintergrundprospekt war der Coverart des neuen Albums angepasst. Mick Box links, im festlichen Hemd, mit dem Aussehen und der Frisur eines weißen Gandalf; rechts von ihm und in der Mitte der allzeit zugängliche charismatische Sänger Bernie Shaw, der ein oder zwei Kilo zugelegt hat; rechts von Bernie der legendäre Ex-Bowie-Bassist Trevor Bolder, der Bernie offensichtlich ein paar Kilo abgetreten hat (wo ist eigentlich Trevors Bauch geblieben?). Im Hintergrund natürlich (standardmäßig) Phil Lanzon an Hammond und Keyboards sowie Haudegen Russell Gillbrook am Schlagzeug. Eine geschmierte Maschine! Neues Album, neue Tournee. Gerade mal drei Jahre nachdem das Vorgängeralbum „Wake The Sleeper“ (2008) erschienen war.

Der hohe Energie-Output, der die Band vor allem in den letzten drei Jahren auszeichnet, fand an diesem Abend auch in Wien eine echte Verkörperung. Eineinhalb Stunden Mix aus neuen Albumtracks und obligatorischen Evergreen-Klassikern, die Uriah Heep einfach spielen müssen, bestätigten einmal mehr, dass diese Männer mit den Jahren immer verbissener werden. Uriah Heep galten schon immer als Malochertruppe, die hart um jeden Bissen kämpfen musste. Auch wenn der Auftritt nach der unendlichen Kilometerleistung heute mehr oder weniger wie Routine wirkt, zeichnet das Auftreten der Band eine außergewöhnliche Eingespielheit und ein Gespür füreinander aus, als wären sie in Trance, wenn sie gemeinsam auf der Bühne spielen.

Die Vokalharmonien sind eine außergewöhnliche Stütze für Bernie Shaw, der auch diesmal den ganzen Konzertabend über auf höchstem Niveau sang. Nur ein Patzer war wahrnehmbar: Bei Nail on the Head wollte Bernie noch in eine weitere Refrainwiederholung einsteigen, aber die Band hatte den Riff schon beendet. Russell glänzte besonders im Soloabschnitt zwischen den neuen Money Talk und Nail on the Head. Eine wunderschöne Bereicherung des Repertoires brachte der Klassiker Rainbow Demon (Album „Demons And Wizards“, 1972), den die Band ausgezeichnet spielte – vor allem was die Magie der mehrstimmigen Vokalharmonien betrifft. In dieser Hinsicht zweifellos der erste Höhepunkt des Uriah Heep-Konzerts in Wien.

Auch „Into The Wild“ bestätigte, ähnlich wie davor „Wakte The Sleeper“, was die Umsetzung seiner Tracks angeht, die hervorragende Anknüpfung und Kompatibilität mit dem älteren klassischen Heep-Repertoire. Ganz einfach. Das erledigt Lanzons Hammond, von dem das neue Album prall gefüllt ist – und damit natürlich auch jeder Konzertauftritt von Uriah Heep. Auch im Jahr 2011.

Ausgezeichneter Sound und ausgezeichnetes Spiel. Vielleicht hätte man beim neuen Kiss Of Freedom dem akustischen Sound etwas mehr Raum geben und Bernies Harmonien in der Strophe stärker stützen sollen – er stand doch ziemlich allein da, damit das Stück noch mehr Konzertwirkung entfaltet; ansonsten keine Aussetzer. Alles summierte sich wieder zu einem außergewöhnlichen Kumulus voller positiver Energie-Rock’n’Roll-Schwingungen der einzigartigen und unwiederholbaren Uriah Heep-Magie und Echtheit.

Im obligatorischen Zugabenteil gönnten sich die Jungs bei der Aufführung von Free N‘ Easy (Album „Firefly“, 1976) eine Bühnenkomödie, als sie einige der wild entfesselsten Köpfe aus dem Publikum einluden, auf der Bühne ebenfalls mit den Köpfen zu „headbangen“. Der Anblick war äußerst amüsant: wie sich ein blutjunger Headbanger im Iron Maiden-Shirt austobt, direkt neben ihm ein älterer Glatzkopf mit altmodischer Brille und wohlhabendem bayrischen Bierbauch, den die kathartischen Gefühle beim Miterleben der unwiederholbaren, urban gekleideten Rock’n’Roll-Klänge seiner Jugend herumwirbeln.

Zum Abschluss: Pflichtprogramm für alle. Fans und die, die gerade in das gesunde Rock’n’Roll-Umfeld eingeführt werden. Uriah Heep und/oder Nazarath im Konzert in der Neuzeit. Du verlässt das Konzert vollgepackt mit der Energie positiver Gefühle, die einfach nicht nachlassen wollen. Zwei Klassikbands, zwei  neue Alben, zwei neue Tourneen. Ohne Bremsen! Ohne Zwang, ohne Maskierung. Echt, einzigartig und mit voller Kraft. Ja. Auch nach satten vierzig Jahren. Wir melden uns bald auch mit dem Bericht vom Konzert beider Bands in Leoben am 13.05.2011, wo sie von weiteren Legenden dieses Abends begleitet werden – niemand Geringerem als Manfred Mann’s Earth Band persönlich. Bis dahin: bleibt hellwach und selig!

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

NAZARETH: 1. Intro 2. Silver Dollar Forger 3. Big Dogz Gonna Howl 4. This Month’s Messiah 5. Dream On 6. This Flight Tonight 7. Radio 8. When Jesus Comes To Save The World Again 9. Changing Times 10. Hair Of The Dog —Zugabe— 11. Razamanaz 12. Love Hurts 13. Morning Dew URIAH HEEP: 1. Intro 2. I’m Ready 3. Return To Fantasy 4. Stealin‘ 5. Rainbow Demon 6. Money Talk 7. Drum solo 8. Nail On The Head 9. The Wizard 10. Into The Wild 11. Gypsy 12. Look At Yourself 13. Kiss Of Freedom 14. July Morning 15. Lady In Black —Zugabe— 16. Free N‘ Easy 17. Bird Of Prey 18. Easy Livin‘

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