Reality Check
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Eyesburn
Label: Ammonite Records
Veröffentlichung: 2013
Laufzeit: 55:32
Bewertung: 4.5/5
Eyesburn sind eine Belgrader Band, die eine einzigartige Mischung aus einer interessanten Fusion dreier grundlegender Genres pflegt. Diese gehören (grob gesagt) Metal, Reggae und Hardcore-Punk. Ihr Stil bringt ungemein interessante und ungewöhnliche eigenständige Lösungen in der Musikkomposition mit sich, und für die Band gilt folgerichtig eines mit Sicherheit: Ihr ist niemand gleich. Ihr Stil ist durch und durch wiedererkennbar und einzigartig. Die Zeit, in der Cross-over erblühte, war die der Neunziger. Damals ritten Bands wie Red Hot Chilli Peppers, Rage Against The Machine, Faith No More, Living Colour u. a. auf den Wellen großer kommerzieller Erfolge. Und 1994 ist das Geburtsjahr von Eyesburn.
Das siebte Studioalbum der Band »Reality Check« ist das erste nach einer fünfjährigen Pause der Gruppe. »Eyesburn« lösten sich nämlich 2006 auf und fanden sich 2011 wieder zusammen. »Satte« 15 Songs des neuen Albums bezeugen, dass die Pause mehr als willkommen war. Frische Ideen reiften fleißig heran, und es war höchste Zeit, dass sich die Band ins Studio zurückzieht und an die Arbeit für das neue Studioalbum geht.
»Reality Check« ist ein Album, das die logische Fortsetzung von »How Much For Freedom?« (2005) darstellt, und auf dem die Band ihren musikalischen Horizont weiter vertieft, entwickelt und erforscht, so wie er grob von den im ersten Absatz dieses Textes beschriebenen Genres mitgeformt wird. Das Septett von Eyesburn ist sehr gut organisiert. Zwei Gitarren, zwei Posaunen, Saxofon, Bass, Schlagzeug, Gesang! Dazu obligatorisch warme Teppiche auf den Keyboards, sogar Flöteneinlagen. Alles hat seinen Platz, und der Charakter der Kompositionen spiegelt das lange Zusammenleben dieser Musikertruppe unter demselben »musikalischen Dach« wider. Sie wissen nämlich genau, wohin das Arrangement eines bestimmten Instruments gehört – weshalb die Klanglandschaft beziehungsweise die Anordnung ihrer Bausteine außerordentlich gut genutzt und optimal verdichtet ist!
Die Grundmelodie des Gesangs wird wiederholt, vor allem in den Refrains, von Bläserlinien (Posaune, Saxofon) sowie zusätzlichen Vokallinien unterstützt; besonders charakteristisch für die Band ist das ständige Umschalten zwischen metallisch zugespitzten (aufgedrehteren) Parts und den raffinierteren Abschnitten, in denen Bläser und Keyboards die Führung übernehmen. Oft kommt es vor, dass die massive Riff-Wand auch von »kernigen« (tiefer intonierten) Saxofonlinien gestützt wird. Eine der beiden Gitarren hält strikt den Riff, während die andere gern den Wah-Wah-Effekt einsetzt, um das Klangbild saftig auszufüllen. Auf diese Weise gewinnt der Sound an Fülle!
Dieses Umschalten zwischen »hartem und weichem Prinzip« fällt natürlich mit dem Wechsel der Rhythmen zusammen, die auf ihren rhythmischen Plattformen am ausgeprägtesten Metal mit Reggae fusionieren. Die Rhythmussektion ist außergewöhnlich! Bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Vollendet. Der Bass füllt den verfügbaren Raum in den Motiven auf höchstem Niveau aus – funky und ungezähmt beim Verdicken des Klangbodens ist er der Generator außergewöhnlicher »Groove«-Tiefe durch das gesamte Album (das bestätigt auf Anhieb das einleitende Ways Of Creator). Ohne die außerordentlich ausgefeilten rhythmischen Figuren am Schlagzeug wäre das alles nicht möglich. Die Band greift wiederholt auf anspruchsvollere Taktverhältnisse zurück, wenn sie mit rhythmischen Figuren spielt, und baut dabei einige Male auf äußerst effektive Weise eine außergewöhnliche Fusionsbrücke zwischen Reggae-Rhythmen und Rhythmen serbischer geografischer Herkunft (Balkan). Das zaubern höchst wirkungsvoll die Songs Dustbin, Sudden Fall und Happy And Free herauf (letzterer mit hinzugefügter »Kuhglocke«). Außergewöhnliche rhythmische Brechungen, bei denen man besser nicht tanzt, da man sich im Handumdrehen die Beine brechen könnte, prägen neben den genannten auch die Charaktere der (metallisch ordentlich angeschliffenen) Songs Burning Ball und direkt danach Boycot Call, deren Refrainmelodik unwillkürlich an die Melodie des Songs Curl Of the Burl von Mastodon erinnert. Breakdown-Einlagen in das grundlegende Reggae-Rhythmusprinzip beleben die Stücke erneut wirkungsvoll auf. In diesem Zusammenhang darf man Frontline und Time nicht übersehen – außerordentlich wirkungsvolle Beispiele für erstklassige Fusion von Reggae, SKA und Metal auf dem Album. Das Gefühl ist, dass das Hardcore-Element der Band diesmal in den Hintergrund getreten ist und auf dem Album mehr oder weniger nur in Spuren wahrnehmbar ist (Frontline).
Alle fünfzehn Songs tragen verdammt fein definierte Arrangements, in denen das außergewöhnliche Gleichgewicht aller Klangbausteine spürbar ist. Das Ineinanderfließen zwischen aggressiveren und organischeren (sanfter gespielten) Elementen ist außergewöhnlich! Eyesburn ordnen natürlich all ihr Tun auf dem Album in erster Linie der Entwicklung mitreißender Melodien unter, deren Hauptschöpfer die Vokalmelodien sind! Die Band besitzt ein außergewöhnliches Gespür bei der Kontrastierung von Arrangements. Das blitzt besonders in der geschickten Symbiose scheinbar unvereinbarer musikalischer Motive auf, mit denen sie geschickt Genregrenzen überbrücken, sowie in subtiler gespielten Stücken wie Illegal und dem abschließenden My People, wo die Integration der Flöte in den Arrangements eine wichtige Funktion übernimmt. Der Gesang hält sich an Slang, also bewusst »schlampiges« Englisch – das Markenzeichen der Reggae-Musik. Die Lyrik ist natürlich rebellisch, gegen die Repression gegenüber einer wahrheits- und freiheitsliebenden Denkweise und einem Lebensstil gerichtet, der die Prinzipien ablehnt, die uns der »große Bruder« aufzwingen will. Die Texte sind soziokritisch, antikriegerisch, antirassistisch. Eyesburn präsentieren sich in den Texten als große Humanisten von aufgeklärt fortschrittlichem Geist, während durch die Interpretation gleichzeitig der lebhafte Funken des gut wiedererkennbaren Balkan-Zynismus und -Scharfsinns aufblitzt. Trotz alledem dominiert der Vektor des Positivismus in der Musik der Band und vermittelt in den Songs durchgehend Hoffnung – man darf dabei aber die düstere Seite nicht vernachlässigen, die sich vor allem in den wutgeladenen Passagen massiven Gitarren-Riffings manifestiert!
Eyesburn vertiefen ihre Einzigartigkeit auch mit dem neuen Album. »Reality Check« ist wieder ein Dokument des eigenwilligen Gesichts dieser ungemein interessanten »Cross-over«-Band, die von Anfang bis Ende begeistert. Fünfzehn Songs sind Ausdruck der außergewöhnlichen Symbiose des Septetts, das nach fünfjähriger Pause einen frischen kreativen Schwung gefunden und ein außergewöhnliches Album voller unerwarteter musikalischer Lösungen abgeliefert hat, das durchgehend positiv überrascht und den Hörer eben deshalb immer wieder in seinen Bann zieht. Das ist schlicht und einfach ein Konglomerat außergewöhnlicher Fusion, das mit außergewöhnlichem Gespür und kluger Arrangierkunst scheinbare Unvereinbarkeit in die Brillanz einer eigenständig gewachsenen, originären musikalischen Substanz verwandelt. Ein Album ohne Ausrutscher und Schlamperei. Ein Album, das mit großem Gespür und nachvollziehbarer musikalischer Geschmeidigkeit gefertigt ist – und ein Vorbote großer künstlerischer Reife (und Qualität) der Band!
Besetzung
Nemanja „Coyote“ Kojić – Gesang, Posaune, Gitarre
Zoran „Đura“ Đurovski – Gitarre
Aleksandar „Lale“ Nikić – Gitarre
Dušan „Dule Sax“ Petrović – Baritonsaxofon, Flöte, Begleitgesang, Klavier
Vukašin „StarLajner“ Marković – Posaune, Begleitgesang
Vladimir „Laza“ Lazić – Bass
Dejan „Boske“ Miljković – Schlagzeug
GASTMUSIKERIN:
Đurđica „Đu“ Gajić – Begleitgesang auf Track Nr. 3.
Produktion
Miloš „Pileći“ Mihajlović & Eyesburn
Tracklist
1. Ways of Creator
2. Peacefull War
3. Time
4. Illegal (Nation of Millions)
5. Burning Ball
6. Boycot Call
7. Frontline
8. Dustbin
9. True Child
10. Sudden Fall
11. Hold This Way
12. Happy And Free
13. My Friend
14. Dance
15. My People