Reach
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Tyketto
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2016
Laufzeit: 57:26
Wertung: 4.5/5
Niemand hatte erwartet, dass die legendären amerikanischen Melodic-Rocker Tyketto 2012 mit der Veröffentlichung ihres neuen Albums »Dig in Deep« in so glanzvollem Stil zurückkehren würden. Das hervorragende Album galt in jenem Jahr als eine der besten neuen Studioveröffentlichungen, wenn man heute über die genretypische »Unterströmung« von AOR und Melodic Rock spricht. Die Band hatte den kreativen Schwung bewahrt und ihn in die Entwicklung neuer Ideen und Kompositionen überführt. So entstand nach vier Jahren ein neues Dokument, dem die Jungs den Titel »Reach« gaben. Es erschien in dem Jahr, in dem Tyketto ihr 25-jähriges Bestehen feiern.
Angesichts der Qualitäten des Vorgängers mussten Danny Vaughn und seine Studiokollegen zumindest ein bisschen zittern, denn die Erwartungen — sprich die Anforderung, dass das neue Studioalbum das Niveau des Vorgängers mindestens halten, wenn nicht gar künstlerisch übertreffen sollte — waren enorm. Etwas Unsicherheit brachten auch die Umbesetzungen mit sich. Während »Dig in Deep« noch in der Originalbesetzung des klassischen Quartetts eingespielt worden war, ist von den Originalmitgliedern heute neben Vaughn nur noch Michael Clayton am Schlagzeug dabei. Jimi Kennedy wurde an der Bassposition durch den erfahrenen Chris Childs (Thunder) ersetzt, und Tyketto wuchsen zum Quintett heran, da sie mit Ged Rylands einen zusätzlichen Keyboarder in ihre Reihen integrierten. Das größte Fragezeichen bei all diesen Umbesetzungen war jedoch Gitarrist Chris Green, der in die großen Fußstapfen des überragenden Vorgängers Brooke St. James treten musste.
Alle Befürchtungen und Zweifel sind überflüssig. »Reach« ist die nahtlose Fortsetzung der expressiven Klasse des Vorgängers »Dig in Deep«. Im Ausdruck knüpft es an Vaughns Soloalbum »Traveller« an — man sollte also nicht erwarten, dass das Album zufällig versucht, die künstlerische Handschrift der ersten beiden Studioalben der Band einzufangen. In dieser Hinsicht sind alle Hoffnungen oder Erwartungen vergebens.
Auch »Reach« bestätigt, dass Danny Vaughn als Sänger, Arrangeur und Komponist eine ausgesprochen starke Ausdrucksfigur bleibt, die mit ihrer allgemein schöpferischen Inspiration maßgeblich das Erscheinungsbild der Tyketto-Produkte prägt. Als Hauptkomponist und Arrangeur hat Vaughn einmal mehr zwölf sorgfältig »polierte«, in den Feinheiten detailreich ausgearbeitete Stücke modernen Zuschnitts im alten Geist des Melodic Rock aus sich herausgeholt. Er hat an alles gedacht: an die Färbung der Leadmelodien mit harmonischen Verzierungen der Backing Vocals, an die mehrschichtige »Verdickung« der Grundgitarrenlinien durch zusätzlich aufgenommene Gitarren, an den geschmackvollen Einsatz akustischer Würze im Hintergrund der instrumentalen Begleitung. Und Chris Green beweist mit seinem bravourösen Gitarrenspiel — vor allem in den instrumentalen Mittelpassagen —, dass er für Vaughn und Kompanie ein Volltreffer ist. Bravouröse Soli, harmonische Verzierungen über den Gitarrenphrasen … All das zeigt, dass Tyketto nach dem Abgang von Brooke St. James keinen Funken ihres Ausdrucks verloren haben. Danny Vaughn hält eine außerordentliche Vokalform. Eine prägnante, ausdrucksstark überzeugende und autoritative Stimme, expressiv in jeder Lage und stets der optimalen Musikalität verpflichtet. Die Songs tragen die gewünschte Abwechslung innerhalb der genretypischen Hermetik. Im ultra-musikalischen Format erreichen alle Stücke ein gleichwertiges Qualitätsniveau, und Schwankungen zwischen den einzelnen Tracks gibt es keine. In den neuen Stücken verstecken Tyketto ihre Blues-Einflüsse erneut nicht — das spürt man mehrfach innerhalb der Arrangements —, doch diese Integration, diese Würze, unterdrückt keineswegs die melodische Eingängigkeit der kompakten Songs.
»Reach« trägt eine außerordentlich lebendige Produktion, die meisterhaft klanglich ausgefüllt und detailreich kontrastiert ist. Die Rhythmussektion detoniert mit einem soliden Groove, die führenden Gitarrenphrasen reagieren aufgeheizt dynamisch, während Vaughns Leadgesang sein interpretatorisches Optimum entfaltet. Das Album „Reach“ wurde vollständig im renommierten Studio „Rockfield“ aufgenommen, wo unter anderem Rush, Queen und Oasis ihre Werke eingespielt haben — was einmal mehr beweist, dass Tyketto echte Studioperfektionisten sind, wenn es ums Handwerk geht.
Das neue Album hält das Qualitätsniveau des Vorgängers »Dig in Deep« und übertrifft es sogar! »Reach« ist ein Album, das erneut die klar greifbare Substanz von 12 detailliert arrangierten Melodic-Rock-Songs besitzt — mit einem klar ausgeprägten Charakter und einer klar kontrastierten Ausdrucksvielfalt, die von den Leitmotiven der Stücke dynamisch angetrieben wird. Das Attribut des hervorragenden Arrangierens bleibt die Frucht einer vorbildlichen Entstehungszeit des Materials für das neue Album, der feinsinnigen Auswahl der Leitmotive aus dem reichen Fundus neu entstandener Ideen und vor allem der Erfahrung von Musikern, die genau wissen, wie ein Song im Genre Melodic Rock »stehen« muss, damit er beim ersten Hören zu 100 % wirkt. »Reach« gilt als eines der besten Alben, die in diesem Jahr im Bereich Melodic Rock und AOR erschienen sind. Das Jahr ist noch nicht vorbei, aber neben den neuen Alben von Overland und Mecca sowie dem bald erscheinenden neuen White Widdow-Album ist es einer der Hauptfavoriten für das beste Melodic-Rock- und AOR-Produkt des Jahres 2016.
Tyketto – Reach (offizielles Video):
Besetzung
Danny Vaughn – Gesang, Gitarre, Backing Vocals
Chris Green – Gitarre, Backing Vocals
Ged Rylands – Keyboards, Backing Vocals
Chris Childs – Bassgitarre, Backing Vocals
Michael Clayton Arbeeny – Schlagzeug, Backing Vocals
Produktion
Danny Vaughn
Trackliste
1. Reach
2. Big Money
3. Kick Like A Mule
4. Circle The Wagons
5. I Need It Now
6. Tearing Down The Sky
7. Letting Go
8. The Fastest Man Alive
9. Remember My Name
10. Sparks Will Fly
11. Scream
12. The Run