Ratko Divjak & Friends For 70 Years
Label: Nika Records
Erscheinungsdatum: 2. 10. 2020
Produktion: Primož Grašič
Albumlänge: 59.25 min
Genre: Jazz
Bewertung: 10/10
Im Oktober des vergangenen Jahres feierte der slowenische Jazz-Schlagzeuger Ratko Divjak seinen siebzigsten Geburtstag. Das Label Nika Records hat diesen Anlass zum Anlass genommen, eine besondere CD herauszubringen, die das Wesentliche von Ratkos musikalischem Wesen einfängt – sein verschmitztes, weit ausgreifendes Jazzidiom. Eine Art kleiner Wegweiser in die Welt des Musikers, auch wenn man dabei im Hinterkopf behalten sollte, dass Ratko vor dem Jazz in der Rockmusik begonnen hat – und zwar in einer der markantesten Bands des verstorbenen gemeinsamen Staates, die die erste Hälfte der Siebziger musikalisch geprägt hat: Time.
Mit Freunden also. Unter der Produzentenregie des slowenischen Jazz-Gitarren-Genies Primož Grašič, langjähriger Weggefährte von Ratko im Big Band RTV Slovenija, wurden zwischen 2017 und 2019 elf Jazzstandards auf Band festgehalten, die sich von der Ära des Bebop bis hin zur Zeit der populären Jazzfusion bewegen. Im Kreise von Jazzassen, die allesamt sehr aktiv sind, auch international einen Namen haben und tatsächlich zur Creme de la Creme der aktuellen slowenischen Jazzszene zählen. Mit diesen Jungs hat Ratko unzählige Abende auf der Bühne verbracht – da bleibt kein Wort ungesagt, keine Geste ungetan. Und genau das strahlt diese Kompilations-Geburtstags-CD von Ratko aus.
Art Farmer, Gary Burton, Stan Getz, Joe Pass, N. H. O. P. Pedersen, Sal Nistico, Albert Mangelsdorf, Dave Libman, Tony Coe, Ferdinand Powel, Gianni Basso, Richard Davis, Joe Pass, Mike Stern und Steve Swallow – das sind nur einige der Namen der internationalen Jazzszene, mit denen Ratko im Laufe seiner reichen und ausgelassenen Musikkarriere zusammengearbeitet hat. Diese, nennen wir es einfach „Begehrtheit“, bestätigt nur sein großes Meisterschaft im Handwerk des Jazz-Schlagzeugs.
Die CD enthält acht Tracks. Sieben Bearbeitungen von Jazzstandards, komponiert von einigen der größten Namen des Weltjazz (u. a. Miles Davis, Wes Montgomery, Herbie Hancock), und als letzter Track ein Originalwerk von Milan Stanisavljević, der selbst auch am Klavier auf dem Album mitwirkt. Die Besetzung ist schlichtweg beeindruckend, wenn nicht gar fantastisch. Die Dialoge, in die die Instrumentalisten eintreten, das chemische Zusammenspiel untereinander, die organische klangliche Wärme, die entwickelte Tiefe der Klangkulisse – also der Klanglandschaft –, lassen es besonders in den betonten Momenten, wo der Bebop die Oberhand gewinnt, nicht schwer fallen, sich jene von dichtem Nebel durchtränkten Räume mitten in den Vierzigern vorzustellen, irgendwo in den Nachtbars Chicagos. An Dynamit und durchdringenden Solopassagen mangelt es den Herrschaften keinen Augenblick. Der rote Faden, der Fokus – alles sitzt, und niemand wird in die Felder avantgardistischer Jazzabenteuer abgeschossen, obwohl sich die Herren das durchaus leisten könnten. Aber das ein andermal.
Das Album „Ratko Divjak & Friends For 70 Years“ ist nicht nur ein Dokument, das in erster Linie der Person und dem Werk des Schlagzeug-Großmeisters und Legenden Ratko Divjak gewidmet ist, sondern gleichzeitig auch ein Stück Jazzmusik, das beim Hören nicht aufhört zu unterhalten, zu begeistern und innerlich zu bereichern. Es ist ein Expos der brillanten gegenseitigen musikalischen Verbindung der Instrumentalisten, von denen jeder einem bestimmten Track seine eigene individuelle Note verleiht. Seinen eigenen Ton. Vor allem in den Teilen, die für die weiten Akrobatiken verschmitzter Improvisationen reserviert sind, wo es nicht an einfallsreichen und blitzschnellen Manövern höchster Güte fehlt und in denen die Instrumentalisten auf individueller Ebene ihr Meisterwerk großer musikalischer Talente bloßlegen. Natürlich ist das Album auch reichlich mit Momenten bestückt, in denen die Herren Divjak antreiben – und er zeigt in diesen Momenten seine außergewöhnliche vielschichtige Jazz-Versiertheit, begleitet auf Schritt und Tritt von einem großen Gespür und einer Feinfühligkeit, einem geradezu unglaublichen Sinn für die Anpassung an die Situationen in der Entwicklung der Kompositionen. Das Gespür für die vielfältige Färbung einzelner Schläge, entsprechend der elementaren Natur der Aussage des jeweiligen Tracks. Das gewisse Etwas, mit dem Ratkos Spiel eigentlich jeden in seinen Bann zieht. Den anspruchsvollen Hörer genauso wie den zufälligen Passanten, der etwa Mitte der Neunziger in der Beethovnova ulica in Ljubljana und im Club Gajo auf ein Getränk hereingekommen ist – begleitet von Jazzern, unter denen Ratko viele Male auf der Bühne des Clubs aufgetreten ist. So war es schon immer, und so soll es noch viele Jahre bleiben. 70 Jahre Schlagzeuglegend und Jazzdrumming-Ass – für die nächsten siebzig Jahre. Möge es noch lange so vital, kreativ und gesund sein. Auf dein Wohl, Ratko!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Butterfly (H. Hancock)
2. Full House (W. Montgomery)
3. Is There A Jackson In The House (C. Jackson)
4. Wayne’s Thang (K. Garret)
5. Midnite Blue (K. Burrel)
6. My One And Only Love (G. Wood)
7. Seven Steps To Heaven (M. Davisl)
8. He Exactly (M. Stanisavljević – dedicated to Ratko Divjak)
Musiker:
Ratko Divjak – Schlagzeug
Adam Klemm – Saxofon auf den Tracks Nr. 3 und 8
Lenart Krečič – Saxofon auf den Tracks 2, 5 und 6
Milan Stanisavljević – Klavier auf den Tracks 3 und 8
Marko Crnčec – Klavier auf den Tracks 1, 4 und 7
Gregor Ftičar – Klavier auf den Tracks Nr. 2, 5 und 6
Primož Grašič – Gitarre auf den Tracks 2, 3, 4 und 5
Robert Jukič – Kontrabass auf den Tracks 3 und 8
Tadej Kampl – Bassgitarre auf den Tracks 1, 4 und 7
Goran Rukavina – Bassgitarre auf den Tracks 2, 5 und 6
